5205.02.10|Lkr. Dachau|Lkr. Dachau|1
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Dachau - Elisabeth Stamm hat 50000 Euro verloren - ihr ganzes Vermögen. Rund 50 Glücksspiel-Firmen räumten das Konto der dementen Seniorin leer, in nur einem halben Jahr. Solche Abzoche ist nicht selten. Die Banken sind machtlos - ebenso der Verbraucherschutz.

© hab
Was von der Altersvorsorge übrig blieb: Statt 50 000 Euro, die Elisabeth Stamm angespart hatte, hat sie nur noch kiloweise Papier.
Erik Stamm, 44, sitzt steif auf seiner Couch, er ist der Sohn. Alles, was von den Ersparnissen seiner Mutter übrig ist, hat er in einem roten Aktenordner gesammelt. Es sind dies: Rechnungen, Telefon-Verträge, unzählige Briefe von Inkasso-Unternehmen – alles schön ordentlich abgeheftet. Jeder Zettel hat seine Klarsichtfolie, jeder Absender sein eigenes Register. Denn gegen jeden einzelnen Absender hat Erik Stamm einen Kampf geführt.
Das Fatale: Plötzlich begannen die Firmen, Geld vom Konto seiner Mutter abzubuchen. Monatelang hat sich die Glücksspiel-Mafia bedient. Immer wieder buchte sie kleine, unauffällige Beträge ab: 49,90 Euro die eine Firma, 59,85 Euro die nächste.
Bei Elisabeth Stamm kam die Krankheit schleichend. Wenn die Rentnerin wieder etwas vergessen hatte, machte sie Witze: „Alzheimer lässt grüßen.“ Noch heute ringt ihr Sohn nach einer Erklärung, warum er die Wahrheit nicht sah: „Meine Mom hat einen ermittelten Sprach-IQ von über 140. Sie war belesen, konnte dem Papst eine Wagenladung Bibeln verkaufen.“
Damit nicht genug: Fünf Telefonanbieter buchten Monat für Monat ihre Grundgebühr ab. Mit einer Firma hatte die Rentnerin drei Verträge. Wenn sie ihre PIN-Nummer vergessen hatte, schloss sie einen neuen Vertrag ab. Verlegte sie ihr Handy, kaufte sie sich ein neues.
Er lief zu Ärzten und zu Selbsthilfegruppen, kümmerte sich um die Vollmacht, später um die Wohnungsauflösung. Er wollte seiner Mutter das Leben noch so schön wie möglich machen. „Nur zur Bank bin ich nicht gegangen“, klagt Stamm. Der 44-Jährige stellt die dampfende Tee-Tasse wieder auf den Tisch, dann tippt er mit den Fingern auf den roten Ordner: „Das war ein riesiger Fehler. Ich hätte zuerst schauen müssen, was die Finanzen machen.“
Erst als ihn sein Onkel fragte, wie es auf der Bank ausschaut, griff Erik Stamm zum Hörer. Doch der Anruf kam zu spät. „Das Konto war bereits satt im Minus“, hadert Stamm. Vergeblich hatte die Bank zuvor versucht, die Mutter zu erreichen. Doch Briefe blieben unbeantwortet, das Telefon war tot.
Die Bankangestellte half, wie sie konnte: Sie buchte die Beträge der vergangenen sechs Wochen zurück. Mehr ging nicht. „Da verliert man doch den Glauben an die Menschheit. Für mich war das unvorstellbar, als ich das Ausmaß erfahren habe.“ Kurz holt er Luft, dann hebt er hilflos die Hände: „Wer macht so etwas? Eine todkranke Frau um ihre Altersvorsorge bringen. Für mich sind das Verbrecher, keine Menschen.“
Elisabeth Stamm passt aber in die Zielgruppe. „Die Anbieter bauen darauf, dass ältere Menschen gerade bei Telefonanrufen mit der Situation überfordert sind“, warnt Halm. Wie es überhaupt soweit kommen konnte? „Datenhandel, da müssen wir uns nichts vormachen. Das ist ein riesiger Markt geworden.“ Ein falsches Häkchen bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) auf einer Internetseite, und der Anbieter hat freien Zugriff. „Bei diesen Dingen blicke ja zum Teil nicht mal ich durch. Wie soll das dann eine Demenzkranke verstehen“, klagt Erik Stamm.
von Christoph Seidl
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