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Dachau - Der tänzerische Titel „Salsa“ täuscht. Jirka Pfahls Ausstellung in der KVD-Galerie beschäftigt sich nicht mit der Leichtigkeit des Seins, sondern mit existenziellen Fragen von Kunst und Gesellschaft, die auch mit der Vergangenheit von West- und Ostdeutschland zu tun haben.

Raumgreifende Kritik: Konzeptionskünstler Jirka Pfahl analysiert in seiner Kunst Gesellschaft und Geschichte und blickt von außen auf die Dachauer NS-Vergangenheit. Foto: Sch

Raumgreifende Kritik: Konzeptionskünstler Jirka Pfahl analysiert in seiner Kunst Gesellschaft und Geschichte und blickt von außen auf die Dachauer NS-Vergangenheit. Foto: Sch

Diese stellt er in mehreren Installationen dar, die mehrdeutig sind und verschiedene Bereiche und Themen ansprechen. Pfahls zitiert dabei Kunstformen, die in den 60er und 70er Jahren modern waren: Konzeptkunst Ready Mades und Arte Povera. Die Ausstellung - die letzte in den Räumen an der Brunngartenstraße - ist auch deshalb so schwer verständlich, weil sie so allumspannend ist und die einzelnen Bestandteile zunächst mehr verwirren, als sie entschlüsseln. Man muss sich, wie es die Konzeptkunst fordert, viele Gedanken machen und alle Assoziationen abrufen, um eine Absicht erkennen zu können.

Da ist die Wandinstallation aus Fundstücken, die dekorativ wirkt, bei näherem Hinsehen aber mit den größtmöglichen menschheitsimmanenten Gegensätzen von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß, spielt. Dort prangen Parolen wie „Dying is to win“, als Zitat einer Rockband, gleichzeitig aber auch Zielgebung von Selbstmordattentätern. Darunter eine weiße Friedensfahne, gegenüber ein Gegenstand, der die Form eines Hackebeils hat.

Das Wort „live“ (leben) verwandelt sich in einem Anagram in „evil“ (böse). Ihm gegenüber steht eine Papierfahne mit englischen Ausdrücken für positiv Erlebtes. Der kleine hölzerne Tisch vor der Installation ist funktionsuntüchtig, weil die ihm aufgezeichnete Bauanleitung nicht befolgt wurde. Etwas weiter entfernt steht ein Kamerastativ mit einer im Weinglas gefangenen Mücke, und, mitten im Raum ein Steppbrett eines weltweit agierenden Sportartikelherstellers, mit dem der Künstler die von der Industrie künstlich erzeugten Bedürfnisse kritisiert.

Auch den Hunger in der Welt stellt Jirka Pfahl dar: Mit einer optisch gebrochenen Weltkarte, unter die er (nach Bert Brecht) Löffel und Teller gezeichnet hat. Die Suppe fehlt allerdings.

Im Gegensatz zu all diesen vielschichtigen und schwer unter einen Hut zu bringenden Objekten ist der zweite Ansatz der Ausstellung völlig klar: die NS-Vergangenheit Dachaus. Auf diese richtet der aus Leipzig stammende Künstler den Blick von außen. Da sind eine Schneiderpuppe mit einer Fantasieversion der gestreiften Häftlingskleidung, die sich zum schwarzen Straßenanzug wenden lässt. Da sind die Schießscheiben mit typisch bayerischen Konterfeis, die Jirka Pfahl nach dem Besuch im Bezirksmuseum in Zusammenarbeit mit dem Maler Malte Masemann geschaffen hat. Und da ist die Deutschlandkarte, die außer den Grenzlinien völlig weiß ist, und nach und nach zum Bild werden soll.

Denn Dachau lebt im Widerspruch: Während die Bürger ihre Stadt als völlig „normal“ empfinden, wird Dachau von Besuchern und im Ausland nach wie vor vor allem mit dem Konzentrationslager identifiziert. Zu jeder Antwort eines Besucher auf die Frage, was er denn mit Dachau verbindet, wird ein bunter Sticker auf die weiße Fläche gesteckt. Die Antworten, die die NS-Vergangenheit betreffen, sind gelb gekennzeichnet, für andere, die mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen, wurden abweichende Farben gewählt.

Im Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit wird auch der Ausstellungstitel klar: In „Sa(l)sa“ verbirgt sich zweimal die Abkürzung der Sturmabteilung.

Die Ausstellung

in der Galerie der KVD ist bis 27. Juni zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Am Sonntag, 27. Juni, findet um 16 Uhr ein Künstlergespräch statt. (sch)

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