Dachau/Hadersried - Die wochenlange Jagd auf das schottische Hochlandrind Lucy ist zu Ende. Am Freitagnachmittag hat der DN-Reporter das Tier im Adelzhauser Forst entdeckt und den Besitzer informiert. Doch damit waren nicht alle Probleme gelöst.

© kra
Lucy greift an: Joe Engelhardt versucht, sie mit einem Seil zu fixieren – dabei verfehlt ihn ein Horn um Haaresbreite.
Seit Anfang Januar war Lucy - die Kuh, die im November ausgebüxt war - verschollen. Zwischenzeitlich fand man Spuren des Tieres in der Nähe von Hadersried und Freistetten.
Ihr Besitzer, der niederbayerische Landwirt Joe Engelhardt, schickte schließlich vier Gefährtinnen des entsprungenen Rinds auf eine Weide bei Hadersried - in der Hoffnung, dass Lucy der Einsamkeit überdrüssig und sich den Artgenossinnen anschließen würde. Alles vergebens.
Vor einer Woche entdeckten Jogger und Wanderer Hufabdrucke und Dung bei Tremmel im Nordwesten des Adelzhauser Forstes: Offensichtlich war Lucy zu dem Revier zurückgekehrt, in dem sie sich während der Weihnachtszeit aufgehalten hatte - und wo sie DN-Reporter Horst Kramer aufgestöbert hatte (wir haben berichtet).
Am vergangenen Freitag machten sich der Zeitungsmann und sein Sohn Jakob (16) erneut auf die Suche. Nachdem die beiden die Gegend um den ehemaligen Unterstand des Tieres vergeblich nach Fährten abgesucht hatten, wandten sie sich in Richtung Autobahn. Nach einigen hundert Metern tat sich zu ihrer Rechten eine kleine Einbuchtung im Gehölz auf - und dort stand Lucy.
Den Spuren nach zu urteilen, hing Lucy dort schon einige Tage fest; ohne Futter, ohne Wasser - einem langsamen Tod bei eisigen Temperaturen erwartend.
Seit ihrer letzten Begegnung hatte das Tier deutlich an Gewicht verloren, fanden die beiden Kuhjäger, die sogleich den Besitzer anriefen. Wie es der Zufall wollte, hielt sich der Niederbayer gerade bei den vier Lucy-Freundinnen in Hadersried auf. Keine fünf Minuten später führte ihn Jakob Kramer vom Waldweg zur Fichtenschonung.
Die Wiedersehensfreude zwischen Kuh und Eigentümer war indes recht einseitig: Anscheinend erkannte Lucy ihren Chef, sie zerrte am Seil, nahm immer wieder eine Drohhaltung ein. Engelhardt versuchte sie zu beruhigen und mit einem zweiten Seil zu fixieren - ein lebensgefährliches Unterfangen, wie sich herausstellte. Denn das Tier sah sich in die Enge gedrängt, wollte ausbrechen. Ihr spitzes Horn verfehlte den Landwirt nur um Zentimeter.
Engelhardt rief einen Mitarbeiter an, Thoralf Niepolski, einen gelernten Forstwirt, Jäger und Wisent-Spezialisten. Der brachte Heu mit. Doch Lucy, obwohl ausgehungert, rührte das Futter kaum an.
„Sie ist jetzt bis obenhin voll mit Adrenalin“, urteilte Niepolski. Er und sein Chef waren sich schnell einig: Betäuben geht nicht. „Weil sie sehr aufgeregt ist, bräuchten wir eine höhere Dosis“, erklärte Engelhardt. „Doch andererseits ist sie geschwächt; eine Überdosierung könnte tödlich sein.“
Und es tat sich noch ein anderes Problem auf: Wie sollte man einen Sieben-Zentner-Koloss aus dem Unterholz abtransportieren? Kein Geländewagen wäre in der Lage, sich einen Weg bis zum Standort des Rindes zu bahnen, geschweige denn einen beladenen Hänger abzuschleppen. „Jetzt müssen wir Lucy erst einmal mit Futter und Wasser versorgen und morgen weitersehen“, befand der Niederbayer.
Der Abend dämmerte schon, als sich Kramer und Sohn endlich auf den Heimweg machten. Engelhardt verharrte bei Lucy bis tief in der Nacht: „Sie muss sich wieder an mich gewöhnen.“
(kra)
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