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Vaterstetten - „Durch Berlin fließt immer noch die Spree!“ Das singt Hildegard Müller auch heute noch textsicher, wenn ihre Enkel zu Besuch kommen. Und die Erinnerung an ihre einstige Berliner Heimat war auch präsent, als sie jetzt in Vaterstetten im GSD-Heim ihren 100. Geburtstag feierte.

© STEFAN_ROSSMANN
Gratulation für Hildegard Müller von Vaterstettens Bürgermeister Robert Niedergesäß. Foto: S. Rossmann
In Hildegard Müllers Geburtsjahr 1910 schrieb Kaiser Wilhelm II. in Königsberg in einer Rede den Männern „kriegerische Tugenden“ und den Frauen „stille Arbeit im Haus“ zu. In Müllers Elternhaus in Krümmensee außerhalb der Hauptstadt ging es mit vier Kindern aber nicht wirklich still zu. Während sich der Erste Weltkrieg anbahnte, musste die Arbeiterfamilie sparen, die Kinder gingen oft hungrig zu Bett. Die Großeltern linderten die größte Not mit „Produkten des Gartens“, wie Müller erzählt.
Einige Jahre später zog die Familie nach Berlin. Als junge Frau unterstützte sie die Mutter im Haushalt und war froh, als sie Arbeit in der Maschinenfabrik bei Richard Bosse & Co. bekam. Tagein tagaus Telefonkabel zu prüfen, war sicher keine leichte Tätigkeit, doch Hildegard Müller war stolz darauf, ihr eigenes Geld zu verdienen. Bis zum Eintritt in das Rentenalter mit 60 Jahren war sie ihrem Unternehmen treu und erhielt mehrere Auszeichnungen. In der Firma lernte sie auch ihren Mann kennen, den Buchdrucker Werner Müller. Der war in seinem Beruf arbeitslos geworden und froh, als Maschineneinrichter Geld verdienen zu können. 1936 heiraten die beiden. Durch ihren Mann bekam Hildegard Müller Freude am Paddeln, einer Leidenschaft, die das Paar künftig auf den Berliner Seen nachging. 1942 kam das einzige Kind Gerd zur Welt. Als Soldat im Zweiten Weltkrieg geriet Werner Müller in amerikanische Gefangenschaft, kehrte aber bereits im Oktober 1945 gesund heim.
Am Tag des Mauerbaus (13.8.61) hatte die Familie das Glück, im Westen, in Kreuzberg zu leben, aber von vielen Verwandten im Ostteil der Stadt blieb sie durch Stacheldraht lange Zeit getrennt. 1970 hat der inzwischen verheiratete Sohn nach seinem Studienabschluss Berlin verlassen und Arbeit und Wohnung im Großraum München gefunden. Zwei Jahre später erlag Werner Müller einem Herzinfarkt. Die Jubilarin zog nach Kirchseeon und kümmerte sich als Oma um ihre zwei Enkel. Jetzt hatte sie auch Zeit, ihrer zweiten großen Leidenschaft nachzugehen, dem Reisen. Und so besuchte sie unter anderem Amerika, Kanada und Schweden. Sie erfreute sich bis ins hohe Alter an Wanderungen in den bayerischen und österreichischen Bergen mit der Familie ihres Sohnes. Als ihr Sohn 1999 starb, schaffte sie es noch weitere zehn Jahre mit Hilfe von Enkeln, Schwiegertochter und der Nachbarschaftshilfe Kirchseeon ihren eigenen Haushalt zu führen. Erst nach einem schweren Sturz zog sie ins GSD-Heim nach Vaterstetten. Und dort singt sie bei einem Besuch ihrer Enkel immer noch gerne: „Durch Berlin fließt immer noch die Spree!“.
Von Franz Köppl
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