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Startbahn am Flughafen München: Ude zum Mittagessen bei betroffener Familie

OB Ude überrascht Startbahn-Kritiker

Giggenhausen - Weil es die Familie Aichinger aus dem Kreis Freising wurmt, dass Christian Ude die dritte Startbahn befürwortet, hat sie den Münchner OB zu sich nach Hause eingeladen. Der bekam dort ein Mittagessen aufgetischt – und starke Argumente.

© Lehmann

Mittagessen in Giggenhausen: Christian Ude (l.) zu Besuch bei Ferdinand, Gabriele, Constantin und Christopher Aichinger

Als alles vorbei ist, findet Christopher Aichinger endlich seine Kamera. Durch das runde Fenster in der Haustür hindurch schießt er noch schnell ein Bild von dem silbernen BMW, der langsam den Hang hinunterrollt. Es sieht ein bisschen hilflos aus. Aichinger, 37, merkt es selbst. „Super“, sagt er und lacht. „Das ist jetzt das einzige Foto vom Besuch des Oberbürgermeisters bei uns.“ Vorhin hätte er Fotos machen sollen. Aber vorhin, da hatte er weder Zeit noch Nerven, um nach der Kamera zu kramen. Er musste ja Christian Ude die dritte Startbahn ausreden.

Dies ist die Geschichte eines ziemlich ungewöhnlichen Ortstermins in Giggenhausen im Landkreis Freising. Ja, selbst seine Vorgeschichte ist ungewöhnlich. Angefangen hat nämlich alles mit einem Wutanfall. Gabriele Aichinger hatte mal wieder ein paar Sätze von Christian Ude zur dritten Startbahn in der Zeitung gelesen. Sätze, die sie so nicht stehen lassen wollte. Also rief sie bei der Zeitung an. Dieser Ude habe ja herzlich wenig Ahnung von den Sorgen und Nöten der Flughafenanlieger, erklärte sie, weshalb er doch mal bei ihr in Giggenhausen zum Essen vorbeischauen solle. Dann werde sie ihm das mal in Ruhe erklären.

Als sie aufgelegt hatte, kratzte sich der verdutzte Redakteur am Kopf. Hm. Christian Ude ist neuerdings der größte Vorkämpfer der Startbahn – genauer: seitdem er Ministerpräsident werden will. Der Stadt München gehört ein Viertel des Airports, sie ist Gesellschafter der Flughafen GmbH, der Oberbürgermeister sitzt im Aufsichtsrat. Ude riskiert für den Bau sogar den Bruch mit möglichen Koalitionspartnern: den Grünen und den Freien Wählern. Dieser Ude also sollte nun mit Startbahngegnern diskutieren – abseits all der Großdemos und hitzigen Podiumsdiskussionen, beim Mittagessen? Eigentlich keine schlechte Idee! Nach ein paar Telefonaten war ein Termin arrangiert.

Kurioses zwischen Himmel und Erde

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Als der OB dann eintrifft, eilt Gabriele Aichinger zum Fenster und schaut hinaus. Sie ist nicht mehr wütend. Eher nervös. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass er hier ist“, sagt die 34-Jährige, während draußen der silberne Wagen vorfährt. Ihre schwarzen Haare hat sie zum Zopf gebunden. Der kleine Ferdinand, den sie auf dem Arm hat, reißt daran herum. „Wissen Sie, eigentlich finden wir den Herrn Ude ja durchaus sympathisch“, sagt sie. Und gerade deshalb ärgert es die Aichingers so, dass er bei der Startbahn den falschen Weg eingeschlagen hat. Diese Startbahn, das wird auch der OB gleich lernen, steht für die Aichingers als Symbol für alles, was in Bayern falsch läuft. Akribisch hat sich Christopher Aichinger auf Udes Besuch vorbereitet und sogar alle Argumente vorher zu Papier gebracht: drei dicht bedruckte Seiten.

Christian Ude ist erst einmal schwer beeindruckt. Nicht von den Argumenten, sondern vom Haus. Ganz aus Holz haben es die Aichingers auf eine kleine Anhöhe gebaut. Vieles davon in mühevoller Eigenarbeit. Erst vor ein paar Monaten sind sie eingezogen, im Außenbereich gibt es noch einiges zu tun. Aus den großen Fenstern kann man über die umliegenden Felder blicken. Am Himmel, schon halb von den Wolken verdeckt, dreht ein aufsteigender Flieger nach Norden ab.

Bei einer dritten Startbahn läge das Schmuckstück direkt in der Einflugschneise. Gewusst haben die Aichingers das schon vor dem Bau – aber kämpfen wollen sie trotzdem.

Das zieht der Zoll am Flughafen aus dem Verkehr

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Ude betritt die geräumige Wohnküche mit der modernen, freistehenden Kochzeile und nickt anerkennend in Richtung der Holzscheite für den Kamin. Hier trifft Tradition auf Trend. Die Aichingers, das sieht Ude gleich, sind weder Ewiggestrige noch Fortschrittsverweigerer. Nein, die Aichingers sind eine moderne Familie, die die Dinge hinterfragt. Der 37-jährige Papa trägt ein Sweatshirt mit dem Aufdruck „amnesty.de“.

„Entschleunigen“ ist das Wort, das wohl am häufigsten fällt, nachdem alle am großen Tisch Platz genommen haben (abgesehen vom Wort „Startbahn“ natürlich). Entschleunigt werden sollte für die Aichingers vor allem das Wirtschaftswachstum, speziell im Münchner Norden. Die Flughafenregion verliere durch den Boom ihr Gesicht, klagt Christopher Aichinger. „Ich bitte Sie inständig, dass Sie sich Freising und seinen Kulturraum noch einmal genauer anschauen“, sagt er zu Ude. Er selbst arbeitet als Arzt für Großtiere ein paar Kilometer weiter in Pulling (ebenfalls in der Einflugschneise) und ist ständig mit dem Wandel konfrontiert. „Ich habe täglich mit einer sterbenden Landwirtschaft zu tun. Ja, mein ganzer Berufsstand stirbt weg.“

Ude hört zu, Ude pflichtet bei. Ude widerspricht. Er kennt die Argumente ja. Seit Jahren erhitzt die Startbahndebatte die Gemüter im Landkreis Freising. Der Widerstand eskalierte, als die Regierung von Oberbayern im vergangenen Juli den Planfeststellungsbeschluss positiv beschied. Regelmäßig organisieren sie seitdem Lichterketten. Zur Großdemo Ende Oktober pilgerten knapp 10 000 auf den Marienplatz in die Landeshauptstadt. Es waren keine freundlichen Plakate, die der Oberbürgermeister da von seinem Büro im Rathaus aus lesen konnte: „Ude, träum’ auf Mykonos.“ Oder: „Toller Bürgermeister – aufs Umland seiner Bürger scheißt er.“

„Jedes Jahr Verschiebung wäre Gold wert“

Im Vergleich dazu geht es am Küchentisch in Giggenhausen recht gesittet zu. Christopher Aichinger ist nicht in den Bürgerinitiativen aktiv. Keine Zeit. Aber er kennt sich aus. Die Argumentationshilfe liegt drüben beim Herd. Aichinger braucht sie nicht. Seine Frau serviert Köstlichkeiten aus der Gegend. Fisch, Kartoffeln, Salat. Regional angebaut, hervorragend zubereitet. Ude schmeckt’s – zumindest das, was auf den Teller kommt. Bei dem, was ihm Christopher Aichinger auftischt, muss er manchmal schlucken. Zum Beispiel, als der Tierarzt die Fluggastzahl von 38 Millionen pro Jahr in Abrede stellt, weil darin auch die Umsteiger eingerechnet sind. Ude wehrt sich: „Ich verstehe Ihre örtlichen Interessen, ich akzeptiere Ihre Bedenken – aber jetzt werden Sie ein wenig fundamentalistisch.“ Die Zahlen ließen sich nicht leugnen, Umsteiger seien auch Fluggäste.

Irgendwann bricht aus Aichinger der ganze Frust über die Wachstumsrhetorik heraus, die ihn an der Staatsregierung seit Jahren nervt: „Den Schmarrn, dass Bayern ohne Franz Josef Strauß nicht so gut dastünde, kann ich echt nicht mehr hören.“ Der SPD-Spitzenkandidat hebt amüsiert die rechte Augenbraue: „Na, das sage ich eher selten.“

Mitten im Leben sitzt er hier am Küchentisch, der Herr Oberbürgermeister. Neben sich den Hochstuhl des kleinen Ferdinand, 1. Der große Bruder Constantin, 3, durfte zur Feier des Tages vom Kindergarten zuhause bleiben. Nur die Große, die 14-jährige Sophia, musste trotz des hohen Besuchs in die Schule. Diese Kinder, so das Signal an den Politiker aus der Großstadt, sollen mit möglichst wenig Fluglärm aufwachsen. Vor 2030, da ist sich Christopher Aichinger ganz sicher, werde die dritte Startbahn nicht gebraucht. „Geht es Ihnen um den Zeitpunkt für den Bau?“, will Ude wissen. Aichinger: „Jedes Jahr Verschiebung wäre Gold wert.“

Ude: Sie erinnern mich an den Flughafenchef

Aber es geht den Aichingers nicht um den Zeitplan. Es geht ums große Ganze, um den Zerfall der ländlichen Strukturen. Die TU Weihenstephan interessiere sich nicht mehr für die Landwirtschaft, die staatliche Molkerei sei verscherbelt worden. „Man müsste bewusst auf die Bremse treten.“ Ude nickt oft, sagt aber: „Was Sie sagen, ist mir unglaublich sympathisch, aber überschreitet die Grenze zur Romantik.“

Ein anderes Mal wirft er ein: „Wir unterscheiden uns nicht fundamental, sondern immer nur punktuell.“ Und zwar just an dem Punkt, an dem es sich um den Flughafen dreht. „Da werden keine Arbeitsplätze geschaffen, sondern nur Jobs“, schimpft Aichinger. Ude kontert: „Wo immer es heute eine gute Wirtschafts- und Arbeitsplatzsituation gibt, stand am Anfang ein Infrastrukturprojekt, das oft gegen Widerstände durchgesetzt werden musste.“

Einmal – Aichinger hat gerade einmal mehr erklärt, dass es nicht genügend Passagiere für eine dritte Startbahn gebe – blickt Ude von seinem Nachtisch auf und sagt etwas unvermittelt: „Sie erinnern mich manchmal wahnsinnig an den Kerkloh.“ Aichinger schaut säuerlich. Kerkloh! Der Flughafenchef! Dann löst der OB seinen Scherz auf. „Der glaubt auch immer, die nächsten zehn Jahre präzise voraussagen zu können.“ Ein echter Ude, wie er da über engagierte Befürworter und Gegner gleichermaßen schmunzelt.

Ude: "Die Skrupel haben sich heute verfestigt"

Aber in der Sache, nein, da kommen sie sich nicht näher. Und selbst die Aichingers haben nicht wirklich erwartet, dass sich Christian Ude mit einem guten Mittagessen umstimmen lässt. Zu viel Ärger hat er für seine Position schon in Kauf genommen. Die SPD muss für ihn in der Startbahnfrage eine Kehrtwende hinlegen – im Juli soll auf einem Parteitag der ablehnende Beschluss von 2009 revidiert werden. Die gewünschten Koalitionspartner von Grünen und Freien Wählern weigern sich hartnäckig, den Genossen zu folgen. Und am 17. Juni lässt Ude die Münchner abstimmen, was sie von der Startbahn halten.

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Ude bleibt also Startbahnbefürworter. Aber immerhin entlocken ihm die Aichingers einen versöhnlichen Satz: „Die Skrupel, die man immer hat, wenn Menschen von Entscheidungen so stark betroffen sind, haben sich heute verfestigt.“

Kurz darauf steht Christopher Aichinger mit seinem Fotoapparat im Flur. Ude ist weg, die Anspannung fällt ab. Es war ein Erlebnis – und einen Versuch wert. Um was hatte Ude am Schluss gebeten? „Sie laden mich zur Siegesfeier ein, falls unser Bürgerentscheid danebengeht.“ Es wäre das nächste kuriose Treffen der Aichingers mit dem Oberbürgermeister aus München.

Von Mike Schier

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