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Flughafen München - Die Flughafen München GmbH (FMG) will 180 Arbeitsplätze im Bodenverkehrsdienst abbauen, und es könnten nicht die letzten sein. Die Gewerkschaft Verdi und der Betriebsratsvorsitzende hingegen halten dies für unnötig und werfen der FMG vor, den Ausstieg aus dem Geschäftsfeld zu provozieren, das eigentlich Gewinne einfährt.

© FMG/Hennies
Den eigenen Koffer packen müssen vermutlich bald 180 Mitarbeiter des FMG-Bodenverkehrsdienstes.
17 000 Flugzeuge hat der Bodenverkehrsdienst (BVD) der Flughafen München GmbH (FMG) jährlich für die Air Berlin abgefertigt. Nun kündigte die Fluggesellschaft den Vertrag, und damit brechen dem BVD zehn Prozent aller Aufträge weg. Die Konsequenz ist: 180 Stellen werden gestrichen. Und es könnte noch schlimmer kommen, wenn sich auch die Deutsche Lufthansa Ende des Jahres einen neuen Abfertigungspartner sucht. Womöglich sind dann bald alle 1800 Mitarbeiter gefährdet. Wie konnte es dazu kommen, wie geht es weiter? Fragen und Antworten:
Bis zum Jahr 1999 hatte die FMG ein Monopol auf die Bodenabfertigung am Münchner Flughafen. Dann setzte die EU die Marktöffnung durch. Der Flughafenbetreiber war gezwungen, mit der Firma Aviapartner einen weiteren Bewerber am Airport zuzulassen, der eben nicht wie die 1800 FMG-Mitarbeiter im Groundhandling der FMG nach der Tarifsystematik des öffentlichen Dienstes entlohnt. Dies führt laut FMG-Sprecher Ingo Anspach dazu, dass die Konkurrenz mit deutlich geringeren Personalkosten und entsprechend niedrigeren Preisen kalkulieren kann. Dieser ungleiche Wettbewerb habe zu einem massiven Preisverfall bei den Flugzeugabfertigungen geführt. Die FMG habe seit 1999 im Bereich Groundhandling Verluste in Höhe von mehr als 300 Millionen Euro eingefahren. Verdi-Landesfachsbereichsleiter Frank Riegler bezweifelt die Zahlen: „Vergangenes Jahr hat die FMG trotz der Luftfahrtkrise 27 Millionen Euro mehr Gewinn gemacht als im Vorjahr. Und der BVD soll 24 bis 30 Millionen Euro Verlust gemacht haben?“ Michael Börries, Betriebsratsvorsitzender der FMG, sagt sogar: „Der BVD hat im vergangenen Jahr einen operativen Gewinn von 6,4 Millionen Euro gemacht. Das ist Fakt, das sind die Zahlen des Arbeitgebers, die er auch bei der letzten Betriebsversammlung nicht bestritten hat.“ Das am Ende dennoch ein Minus von 29 Millionen Euro zu Buche stand, lege an internen Verrechnungen und der Konzernumlage. Riegler hat ein Beispiel für eine interne Verrechnung: „Für einen Computer-Bildschirm, der höchstens 120 Euro kostet, werden dem BVD 40 bis 60 Euro Monatsmiete berechnet.“ Für das Jahr 2010 sei sogar ein operatives Ergebnis von 12,5 Millionen Euro veranschlagt, erzählt Börries. „Und nach den Leistungsverrechnungen liegen wir dann wieder bei über 30 Millionen im Minus. Da ist ein Hamsterrad noch Gold dagegen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende und zitiert einen Berater der Arbeitgeberseite: „Er hat gesagt, der Münchner Bodenverkehrsdienst sei der schlagkräftigste in ganz Europa.“
Wer sind die Konkurrenten der FMG?
Bis Ende Februar dieses Jahres ist die Firma Aviapartner mit 320 Mitarbeitern im Einsatz. Ab April heißt der FMG-Konkurrent Swissport Losch, der bereits 600 Kunden an 180 Stationen in 39 Ländern hat und deutlich niedrigere Löhne zahlen soll als sein Vorgänger. Die Entscheidung für den Wechsel traf das Wirtschaftsministerium - allerdings auf Anraten eines Fachausschusses, in dem auch die Lufthansa und die FMG sitzen. Dass die FMG sich für den Billiganbieter ausgesprochen hat, ist für Riegler ein weiteres Indiz dafür, dass sie sich selbst aus dem Groundhandling verabschieden will. Pressesprecher Anspach bestätigte zwar, dass der Konzern sich für Losch ausgesprochen habe, als Flughafenbetreiber sei man eben verpflichtet zu prüfen, welcher Anbieter die Versorgungssicherheit gewährleisten kann.
Wie hoch sind die Gehälter?
„Ein geprüfter Flugzeugabfertiger verdient bei der FMG rund 2000 bis 2500 Euro brutto“, sagt Riegler. Dass die Firma Swissport Losch, die Aviapartner als privater Abfertigungsdienstleister ablösen wird, lediglich 1500 Euro zahle, dementiert deren Pressesprecher Stephan Beerli. „Da würden wir in München doch nie Leute bekommen. Wir müssen das zahlen, was der Markt verlangt.“.
Liegt es nur am Personalaufwand, dass der BVD nicht konkurrenzfähig ist?
Die FMG möchte für die Abfertigungsleistungen 38 Prozent mehr Entgelt von Air Berlin. Das sei nötig, so Anspach, weil neue Verträge im Groundhandling nur noch kostendeckend abgeschlossen werden dürfen. Das sei die Vorgabe der drei FMG-Gesellschafter Bund, Freisstaat Bayern und Stadt München. „Da haben sich die Gesellschafter aufs Glatteis führen lassen und der FMG leichtfertig eine Vollmacht gegeben, sich selbst aus dem Geschäft zu schießen“, sagt Riegler. Das unverhältnismäßige Vertragsangebot an Air Berlin ist für ihn ein weiteres Indiz dafür, dass die FMG den Abschied aus dem Groundhandling provoziert. „Allerhöchstens 20 Prozent“ hätte die FMG wegen des Personalaufwands draufsatteln dürfen. „Wenn jetzt um 38 Prozent erhöht wurde, dann müssen die FMG-Manager damals einen verdammt schlechten Vertrag ausgehandelt haben.“
Wie stur sind Betriebsrat und Gewerkschaft?
Die Geschäftsführung habe sich bis zuletzt intensiv darum bemüht, den Bodenverkehrsdienst durch eine Neustrukturierung wettbewerbsfähig auszurichten, beteuert Anspach. „Bei der von der Arbeitgeberseite vorgeschlagenen Lösung wären die Besitzstände der heutigen Belegschaft weitgehend abgesichert worden. Weder der Betriebsrat der FMG noch die Gewerkschaften waren bisher jedoch zu den für eine erfolgreiche Neustrukturierung erforderlichen tariflichen und betrieblichen Zugeständnissen bereit.“ Laut Riegler wurden aber die Löhne bereits zweimal unter das Niveau des öffentlichen Tarifvertrags abgesenkt. „Ein FMGler verdient 18 Prozent weniger als ein Beschäftigter in München.“ Der Betriebsrat habe vorgeschlagen, den BVD und die beiden FMG-Töchter-Mucground und Aeroground zusammenzuführen. Damit würden rund zwei Millionen Euro jährlich eingespart. Ein neues Arbeitszeitmodell würde weitere vier bis sechs Millionen bringen. „Wir werden aber keinen Tarifvertrag unterschreiben, der bei einem Anfangsgehalt von 1500 Euro beginnt“, sagte Riegler. „Das hat schon etwas mit Sklavenhaltung zu tun.“ Schon jetzt gebe es Mitarbeiter, die zwischen zwei Schichten im Auto schlafen, weil sie sich den Sprit für die Heimfahrt nicht leisten können.
Gibt es BVD-Probleme nur am Münchner Flughafen?
Auch in Frankfurt wird nach öffentlichen Tarifen gezahlt, sagt Riegler. „Das Lohnniveau ist dort sogar höher als bei uns.“ Beim Flughafennachbarn in Nürnberg sei im Jahr 2000 der BVD ausgegliedert worden. Eine Konzerntochter hat die Abfertigung übernommen. Der Flughafenbetreiber selbst trägt aber die Differenz zwischen Ertrag und Personalkosten. „In Hamburg ist der Bodenverkehrsdienst privatisiert worden - und zwar in der Zeit, als Kerkloh dort Geschäftsführer war“, sagt Riegler.
Wie sieht der Sozialplan zum Stellenabbau aus?
Betriebsrat und Geschäftsführung arbeiten derzeit an einem Sozialplan. Nähreres wollte Anspach dazu nicht sagen. Auch für Betriebsrat Börries kämen Details viel zu früh. „Wir haben der Geschäftsführung schon am vorvergangenen Donnerstag einen umfangreichen Fragekatalog geschickt, bis jetzt aber noch in keinem Punkt eine Antwort bekommen.“ Für ihn ist es deshalb noch vollkommen offen, ob es überhaupt zu einem Stellenabbau kommen wird. „Das hat die Geschäftsführung viel zu früh rausgeblasen.“ Verdi-Mann Riegler glaubt weiterhin daran, dass der Stellenabbau unnötig ist. Er möchte von der FMG eine Liste, wieviele Leiharbeiter der Airportbetreiber beschäftigt. Riegler geht von einigen Hundert Leiharbeitern aus, die zu Spitzenzeiten eingesetzt werden. „Das ist ein Riesenkontingent.“ Anspach bestätigte, dass die FMG Leiharbeiter beschäftige, allerdings in der Tochtergesellschaft, der Mucground, und nicht beim BVD. Diese flexibel einsetzbaren Kräfte einzusparen, sei nicht zielführend, weil sie eben nur dann geholt werden, wenn Bedarf ist. Sollte es letztlich doch zu Entlassungen kommen, müssten die Abfindungen laut Riegler bei einem halben bis zwei Monatslöhne pro Beschäftigungsjahr liegen dürften. Riegler: „Da kommen schnell 60, 70 Millionen Euro für die FMG zusammen.“ Einen weiteren hohen zweistelligen Millionenbetrag rechnet er ein für Ausgleichszahlungen zur Zusatzversorgung. Bei der Jahrespressekonferenz hatte FMG-Chef Michael Kerkloh bereits angekündigt, den kompletten Jahresgewinn des Konzerns von 105 Millionen Euro für Rückstellungen für den BVD zu verwenden. Sein Kollege in der Geschäftsführer Walter Vill geht sogar von einem noch höheren Betrag aus.
Kommen entlassene FMGler bei einem Mitbewerber unter?
Swissport Losch wird am Moos-Airport am 1. März den Abfertigungsdienst für Germanwings, Spanair, Air Berlin, Air Dolomiti und Czech Airlines übernehmen. Ab 28. März wird auch Continental Airlines Kunde sein. Weitere Fluggesellschaften (Beerli: „Mehr als drei“) seien an einer Zusammenarbeit interessiert. 100 Mitarbeiter hat der Abfertiger bereits eingestellt, mehr als 100 weitere sollen folgen. Alle 180 Leute könne Swissport nicht einstellen, sagte Beerli, das sei schon rein quantitativ nicht möglich. „Aber gute Leute können sich gerne bewerben.“ Laut Beerli arbeiten bereits einige Ex-Mitarbeiter von Aviapartner bei Losch.
Müssen auch andere BVD-Mitarbeiter um ihren Job fürchten?
Die Deutsche Lufthansa wird künftig 25 Prozent ihrer Abfertigungsaufträge an die Firma Swissport Losch vergeben. Dann sind weitere über 300 Arbeitsplätze gefährdet. Interessant: Obwohl die Firma Losch erst ab März für Abfertigungsdienste in München lizenziert ist, arbeitet sie schon jetzt im Erdinger Moos. Riegler: „Sie firmieren momentan als ,Partner der Lufthansa‘“. Verdi will diesen Trick juristisch überprüfen lassen. Womöglich verliert die FMG auch die restlichen Lufthansa-Aufträge, denn der Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Börries ist da allerdings nicht pessimistisch: „Die Lufthansa hat ein Interesse daran, den Drittanbieter nicht zu überfordern. Sie weiß, was sie an uns hat.“ Gesichert sei der Auftrag aber dennoch nicht, denn: „Das Management hat schon so viele Sachen versemmelt. Man kann nie wissen.“
Sind nur die Jobs im BVD in Gefahr?
Wenn die FMG Stellen abbaut, dann wird das alle Abteilungen im Konzern betreffen. Das ließ FMG-Chef Kerkloh durchblicken. Denn nach dem Grundsatz der Sozialauswahl sind die Jobs für Langzeitbeschäftigte und Mitarbeiter mit Familie relativ sicher. „Die Jungen werden betroffen sein“, meint auch Verdi-Mann Riegler.
Müssen Passagiere nun länger auf ihre Koffer warten?
Die Qualität im Bodenverkehrsdienst wird leiden. Da ist sich Riegler sicher. Die Ausbildung bei der FMG dauere gut zwei Jahre und ende mit einer Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer. „Bei Losch wird ein 14-Tage-Kurs von der Lufthansa durchgepaukt“, sagt Riegler und beruft sich auf Aussagen aus dem BVD-Bereich. Swissport-Sprecher Beerli widerspricht heftig: „Wir rekrutieren doch nicht einfach Leute von der Straße. Was würden da Airlines wie Air Berlin und Continental sagen.“ Die Mitarbeiter würden schließlich Geräte bedienen, die Millionenwerte haben. „Wenn du da Leute arbeiten lässt, die nicht qualifiziert sind, bekommst du im Schadensfall von der Versicherung keinen Cent“, sagt Beerli. Seine Firma greife auf routinierte Arbeiter von Aviapartner oder FMG oder Leuten zurück, die bei Fluggesellschaften Erfahrung gesammelt haben. Beerli schränkte ein: „Natürlich gibt es auch Arbeiten, die man weniger Qualifizierte machen lassen kann.“ Auch eine Arbeitnehmervertretung werde es geben, „aber nicht in der in Deutschland bekannten klassischen Form“, sagte Beerli.
(Dieter Priglmeir)
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