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Tornado über dem Staffelsee

Murnau - Tornados in Bayern? Ja, die gibt´s durchaus. Doch nur wenige haben das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um das Wetterphänomen zu beobachten. Kevin Kraus aus Dießen zählt dazu. Er sah, wie ein Tornado über den Staffelsee fegte.

© Kevin Kraus/fkn

Dieses Foto schickte uns Kevin Kraus. Es zeigt in der Mitte den Tornado, auf dem See wird Wasser aufgewirbelt.

Dießen/Murnau - Einen Hecht haben sie schon gefangen an diesem Montagmorgen. Kevin Kraus, 21, aus Dießen am Ammersee ist mit seinem Kumpel an den Staffelsee bei Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) gefahren, zum Angeln. Gegen 9 Uhr sitzen die Männer in ihrem Boot, das leichte Gewitter hat nachgelassen, die Wolken hängen tief und dunkel über dem See. Plötzlich: ein Rauschen. Kevin Kraus dreht sich um, schaut nach Westen, von dort kommt das Geräusch. Ein riesiger Schlauch ragt von der Wasseroberfläche gen Himmel. Kraus‘ erster Gedanke: ein Tornado!

Um das kleine Boot herum ist es windstill, doch die Windhose wirbelt den See auf. Die Männer sind etwa 250 Meter davon entfernt, für einen Moment überlegen sie, ob sie ans sichere Ufer rudern sollen. Was ist, wenn der Tornado in ihre Richtung zieht? Schließlich bewegt sich der Schlauch hin und her. „Das wäre nicht ohne, wenn der über uns hinwegfegt“, denkt sich Kraus. Als er erkennt, dass der Tornado weit genug weg ist, gibt er sich dem Staunen hin. Fasziniert sitzen die Freunde in ihrem Boot, der See ist menschenleer, sie beobachten das Wetterphänomen. Trotz Faszination vergisst Kevin Kraus nicht, den Tornado zu fotografieren - die Bilder schickte er später unserer Zeitung.

Robert Goler vom Meteorologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München beschäftigt sich zwar intensiv mit Tornados, ein so gutes Bild von dem Wetterphänomen in Deutschland sieht er jedoch nicht oft. Er schätzt, dass der Tornado mit etwa 80 bis 100 Kilometern pro Stunde unterwegs war. Und darin liegt der Unterschied zu einem Tornado, wie er in den USA öfter vorkommt. „Die sind bis zu 500 km/h schnell“, sagt der Experte. Den Tornado vom Staffelsee, laut Goler eine Wasserhose, schätzt er auf bis zu 50 Meter Durchmesser. Sichtbar wird er durch das aufgewirbelte Wasser.

Wie entsteht nun eine solcher Wasserhose? Entscheidend ist im jüngsten Fall vom Staffelsee der Temperaturunterschied zwischen der Luft und dem Wasser. Ein kleines Gewitter - ohne Blitze - hatte die Luft am Montagmorgen auf etwa 20 Grad abkühlen lassen, berichtet Jens Winninghoff vom Deutschen Wetterdienst. Der Staffelsee war deutlich wärmer. Die Schauer drücken die kühle Luft von oben auf die wärmere unten. Tornado-Experte Goler erklärt: „Wenn sich dann die Windrichtung schnell ändert, entsteht ein Wirbel - und das ist eine Wind- oder eine Wasserhose.“ Das Wort „Tornado“ kommt vom spanischen „tornar“: umkehren, wenden. In Deutschland gibt es pro Jahr etwa 50 Tornados. Zum Vergleich: In den USA werden jährlich rund 1000 gezählt.

Diesem seltenen Ereignis ist Wetterdienst-Meteorologe Winninghoff auch privat auf der Spur - als Gewitterjäger. Braut sich am Himmel etwas zusammen, macht er sich auf den Weg. Er filmt dann den Aufzug der Wolken, die Blitze. „Bei ganz großem Glück sieht man auch mal einen Tornado“, sagt der Wetter-Fan. Denn Tornados entstehen sehr spontan und sind nicht vorhersehbar. Per Zufall konnte er 2000 einen in Österreich beobachten, im Frühjahr einen in den USA. Günstig für Windhosen sind die Bedingungen über Seen. Deshalb werden über dem Starnberger See, dem Ammersee und dem Bodensee öfter mal Tornados gesichtet.

Kevin Kraus wird „seinen“ Tornado nie vergessen - und Fischer-Glück brachte er ihm zudem: Nach dem Hecht bekam der Dießener noch einen Barsch an die Angel.

Von Carina Lechner

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