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Hausham: Mordabsicht oder Sehnsucht nach Mutter?

Mordabsicht oder Sehnsucht nach Mutter?

Hausham - War es ein versuchter Amoklauf oder der verzweifelte Auftritt eines verwirrten Mannes? Ein seltener Fall beschäftigt das Gericht. Die Anklage spricht von versuchtem Mord. Sie richtet sich gegen einen Mann, der nachts mit einem Gewehr in einer Klinik auftauchte.

Georg J. ist ein unscheinbarer, freundlicher Mann. Wer den 58-Jährigen gestern auf der Anklagebank des Landgerichts München II sah, hätte ihm keinen Amoklauf zugetraut. Doch angeblich wollte der gelernte Maler heuer im März den Tod seiner über 90-jährigen Mutter rächen. Die herzkranke Frau war im Dezember 2009 im Klinikum Agatharied (Kreis Miesbach) verstorben. Georg J. soll der Meinung gewesen sein, die Ärzte hätten sich nicht ausreichend um sie gekümmert. Aufgrund dieser Annahme, gestützt durch die Aussage einer Verwaltungsangestellten (58), klagte die Münchner Staatsanwaltschaft den seit Jahren drogenabhängigen Frührentner des versuchten Mordes an.

Zu Prozessauftakt am Dienstag, wollte der Angeklagte zum Vorwurf nichts sagen. Sein Rechtsanwalt Werner Kränzlein bestritt aber die Mordabsicht. Er „sehe keinen Eintritt ins Versuchsstadium", formulierte Kränzlein seine Stellungnahme.

In einer Vernehmung bei der Polizei hatte der Angeklagte behauptet, das Gewehr aus Angst mitgenommen zu haben und niemandem etwas antun zu wollen. In Anlehnung an indianisches Denken wollte er auf der Station nachschauen, ob er Geist und Seele der Mutter noch spüren und er noch etwas von ihr „aufnehmen" könnte.

Mit ihr hatte er sich offenbar innig verbunden gefühlt. Als sie pflegebedürftig wurde, kümmerte er sich um sie. Aus diesem Grund ließ er die letzten 14 Jahre lang seine Heroinsucht mit der Ersatzdroge Methadon behandeln. „Ich hatte keine Zeit für eine Therapie. Ich konnte doch die Mutter nicht länger alleine lassen", sagte der Angeklagte.

Diese Vorgeschichte war den Angestellten von Agatharied nicht bekannt. Sein seltsames Auftreten in besagter Märznacht fiel ihnen sofort auf. Mit etwas „Plüschigem" unter dem Arm war er in die Notaufnahme gekommen. Die diensthabende Verwaltungsangestellte Ursula D. (58) schöpfte zunächst keinen Verdacht. „Bei uns sind auch die Psychiatrie und das Schlaflabor dabei. Da kommen unmöglich bepackte Leute vorbei, teilweise mit eigenem Bettzeug", sagte sie als Zeugin. Die geladene Waffe konnte sie unter dem Schlafsack nicht erkennen.

Der in der Nacht zuständige Arzt Markus F. (28) schien die Gefahr aber zu wittern. Er hatte Georg J. schon auf dem Parkplatz vor der Notaufnahme beobachtet. „Ich kenne den Geruch von Schusswaffen. Mein Großvater war Jäger", gab er später als Zeuge bei der Polizei an. Er langte unter die „Plüschdecke" und fühlte den Gewehrlauf. „Sie haben ja ein Gewehr. Geben Sie mir das", forderte er Georg J. auf. Anschließend kam es zum Gerangel zwischen den beiden Männern.

Ursula W. betätigte den Notruf: „Ein Mann mit Gewehr in der Notaufnahme Agatharied", rief sie ins Telefon. Dann knallte sie den Hörer auf. Zusammen mit zwei weiteren Kolleginnen überwältigten und entwaffneten sie den Angeklagten.

Als die eingetroffenen Polizisten ihn durchsuchten, aus seinen Taschen jede Menge Munition holten und ihn nach seinem Motiv befragten, sagte er leise: „Die haben meine Mutter auf Station eins elendig verrecken lassen." Das hörte aber nur Ursula D. Sie war es auch gewesen, die mit ihrem energischen Auftreten Georg J. daran gehindert hatte, auf die Station 1 zu gehen. Der Prozess dauert an.

Angela Walser

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