Geretsried/Mount Everest - Der Geretsrieder Frank Irnich rettet am höchten Berg der Erde durch eine kluge Entscheidung seine Hände. Die Expedition endet dennoch in einer Tragödie.

Legt man Ziel und Resultat übereinander, hat Frank Irnich das Duell gegen den Berg verloren. Dem Geretsrieder, zahlendes Mitglied der Everest-Expedition der Agentur SummitClimb von Dan Mazur, blieb es versagt, auf dem höchsten Punkt der Erde zu stehen. Und dennoch ist dies nicht die Geschichte eines Scheiterns.
Im Gegenteil: Trotz einer Nacht bei minus 45 Grad in Camp drei in rund 8300 Meter sauerstoffarmer Höhe, die einem das letzte Leben aus dem Körper saugt, war Irnich ganz klar im Kopf. Wegen beginnender Erfrierungen an Fingerkuppen und Zehen verzichtete der Sportlehrer und Physiotherapeut aufs Weitergehen, folgte nicht lemminghaft dem Weg zahlreicher gipfelgeiler Alpinisten vor ihm. „Die Hände sind mein Kapital“, hatte der 48-Jährige vor seiner Abreise gesagt. Irnich hat es nicht verzockt.
„Wir waren 98 Prozent der Zeit zusammen, haben uns das Zelt geteilt“, sagt der Geretsrieder, gegen die Tränen ankämpfend. „Peter war ein wahnsinnig netter Kerl und wir richtige Kletterbrüder“ – die auch in der Nach-Everest-Zeit „Freunde fürs Leben“ bleiben wollten. „Peter hat mich zu seiner Hochzeit eingeladen, und wir wollten später ein paar Touren gemeinsam unternehmen.“ Die Wege der beiden Freunde trennten sich am 24. Mai, der Pfingstmontag. Irnich und Kinloch hatten versucht, vor ihrem geplanten Gipfelsturm etwas Schlaf zu finden, als Gavin Vickers in ihr Zelt platzte. Der australische Bergführer hatte mit dem Briten Mark Delstanche und dem Kanadier Laval St. Germain in der ersten von zwei Gruppen der Mazur-Expedition den Everest erklommen. Weil in Lager drei zu wenig Zelte aufgebaut waren, zwängte sich Vickers zu dem Deutschen und Kinloch – das Ende von Irnichs Gipfeltraum.
Warum, klärte sich für ihn und die Kameraden im vorgeschobenen Basislager (ABC) auf, das die Gruppe am 27. Mai erreichte. Teamleiter Mazur unterrichtete sie vom Tod Kinlochs. Wie unterschiedlich Menschen mit einer solch entsetzlichen Nachricht umgehen, zeigte noch der selbe Abend. Während Irnich „Rotz und Wasser“ heulte, redete Mazur über falsche Gesundheitsangaben Kinlochs, der, so wurde plötzlich kolportiert, bereits auf früheren Expeditionen gesundheitliche Probleme bekommen haben soll.
Jørgensen hatte in seinen Anmeldeunterlagen seine 120 Kilo und seinen Fitnesszustand geschönt. Wäre Frank Irnich der Chef gewesen, er hätte den Dänen „spätestens dann aussortiert, wenn ich ihn gesehen hätte“. Schon für die 25 Kilometer lange Trekking-Route vom Basislager ins ABC benötigte er das Doppelte der normalen Zeit. Jørgensen starb Tage später, nachdem ein Träger ihn – höhenkrank und halb bewusstlos – auf einem Campingstuhl geschnallt in ein Dorf geschleppt hatte – vermutlich an Herzversagen. Offensichtlich genießt Mazur auch bei anderen Extrembergsteigern keinen guten Ruf. „Er ist in der Szene wenig beliebt“, erfuhr Irnich vom Schweizer Expeditions-Profi Kari Kobler, der während des Rückflugs neben ihm im Flugzeug saß und Irnichs Erzählungen mit einem Kopfschütteln quittierte.
Der Tod des Freundes, der verpasste Gipfel, die Leiden in der Kälte, das heuer ungewöhnlich schlechte Wetter, auch die menschlichen Enttäuschungen und nicht zuletzt 19 500 Dollar, das alles hätte sich Frank Irnich sparen können, wenn er der Verlockung des Everest widerstanden hätte. Mit dem Abstand von ein paar Tagen sieht sich der 48-Jährige auf dem Chomolungma, der Mutter des Universums, wie die Tibeter den Riesen nennen, „nicht gescheitert, sondern gewachsen“. Auf der Plusseite: die vielen wunderbaren Menschen, die er kennen gelernt hat, die großartige Natur. Und er hat erlebt, „wie sich Leben in über 8000 Meter Höhe anfühlt, das ist gewaltig“. Diese Todeszone ist gleichzeitig Teil seiner schlimmsten Erfahrung auf dem Berg der Berge, der sein Gesicht so schnell ändert, dass man selten schnell genug reagieren könne. „Ich weiß jetzt, dass es Idioten gibt, auf die du dich in diesen Höhen niemals verlassen darfst."
peb
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