Die unglaublichen Geschichten von Lisl aus Bayrischzell

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    • 25.02.13
    • Lkr. Miesbach
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90-Jährige Tourismus-Pionierin

Die Lisl baute den ersten Schwebelift am Sudelfeld

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Bayrischzell - Lisl Pöllinger aus dem Wendelstein-Dorf Bayrischzell ist eine Sportskanone, Heimatschützerin, Fremdenverkehrs-Pionierin und eine grandiose Geschichtenerzählerin. Zu Besuch bei einer 90-Jährigen mit filmreifer Biografie.

Es ist der Tag, an dem der Papst zurücktritt, weil er sich mit 85 zu schwach fürs Amt fühlt. Lisl Pöllinger sitzt in ihrer Stube in Bayrischzell, hört die Nachricht aus Rom und sagt: „Recht hat er.“ Dann klingelt es an der Tür. Lisl, silbernes Haar, blaue Augen, steht auf. „Die Reservierung.“ Touristen, die in der Pension Sonnleitn übernachten möchten. Inhaberin und Managerin: Lisl Pöllinger, 90 Jahre alt.

Was ist mit Ruhestand, Frau Pöllinger? Die Frage traut man sich nicht stellen. Grad eben hat die Dame mit der zarten Stimme erzählt, wie sie bis vor kurzem jeden Tag begann. Mit einem Kopfstand. Und: Es gibt nur einen Grund, warum sie heuer den ersten Winter seit ihrer Kindheit nicht Ski fährt. „Die Ausrüstung ist zu schwer.“ Wedeln? Kein Problem, vom Wendelstein, da tät sie schon gern noch mal runterfahren.

Lisl Pöllinger und ihr Leben. Stoff für ein Dutzend Dokumentarfilme. Sie würden von einer oberbayerischen Pionierin erzählen, von einer zähen Kämpferin, von dem sensationellen Beweis, dass es doch irgendwo auf dieser Welt einen Jungbrunnen geben muss. Lisl Pöllinger, die Frau, die immer noch Langlaufen geht, ihren Gästen die Loipen spurt und sich schon auf den Frühling freut, wenn sie Wanderer oder Schulkinder in die Berge führt und ihnen die ersten Schneerosen zeigen kann. Mit 90 Jahren. Lisl Pöllinger, das Urgestein des Fremdenverkehrs am Wendelstein.

Als junge Frau vermietet sie die erste Ferienwohnung von Bayrischzell, oben auf der Larcher Alm, im ausgebauten Muli-Stall, mit Plumpsklo über dem Misthaufen, ohne Heizung, 3,50 Mark pro Nacht. Mit ihrem Mann baut sie am Sudelfeld den ersten Schwebelift Deutschlands, aus Kriegsschrott, Panzergetriebe und Panzerbremsen, querfinanziert mit Milchgeld von der Alm. Der Lift ist 1948 der Durchbruch für den Wintersport, Skifahren wird massentauglich. Man fährt bequem für 40 Pfennig im Einer-Sessel auf den Berg, muss sich nicht mehr hinaufplagen, die Skier auf dem Buckel. Die Leut kommen scharenweise, parken die Straße zu. Gute Zeiten. Es gab auch schlechte.

Lisl Pöllinger muss mit ansehen, wie ihr Bruder am Sudelfeld auf der Piste gegen einen Baum kracht. Sie hält ihn in ihren Armen, er sieht sie mit seinen blauen Augen an und sagt: „Es geht mir gar nicht gut.“ Die Not-Operation überlebt er nicht. Später stirbt ihr geliebter Ehemann Rups an einer Embolie, die Folgen eines vermeintlich harmlosen Leitersturzes. Die jüngste Tochter Michaela ist da erst zwei Jahre alt und will wissen, wann der Papa wiederkommt. Lisl, jetzt alleinerziehende Mutter von drei Kindern, antwortet: „Gar nimma. Der Himmebabba will, dass er bei ihm bleibt.“

Wenn Du so viel erlebt, so viel gelitten, so viel gearbeitet hast wie die Lisl Pöllinger aus Bayrischzell, da hockst Du Dich nicht einfach auf Dein Altenteil und gibst Ruhe, das kannst Du gar nicht. Du schuftest weiter und wunderst Dich, wie schnell die Zeit vergeht: „Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben rinnt mir so durch“, sagt sie. Gerade war ihr 90. Geburtstag, gleich zweimal hat sie gefeiert. Erst mit Nachbarn, Bekannten, Freundinnen und Gsangsweiberleit – sie nennt sie die „Oidn“. Dann mit der Familie. Drei Kinder – Bärbel, Hubert, Michaela – sechs Enkel, sechs Urenkel, auf sie ist sie wahnsinnig stolz. „Mein Lastenausgleich“, sagt Lisl Pöllinger. Für ein Leben, das oft hart war.

Sie wird geboren an einem Wintertag, dem 4. Februar 1923. In Bayrischzell gibt es damals seit sechs Jahren elektrisches Licht. Das Dirnei, so nennen sie viele, wächst in einer Zeit auf, in der Kinder den ganzen Sommer über barfuß laufen – für Schuhe ist kein Geld da. „Deswegen waren wir nicht unglücklich“, sagt Lisl Pöllinger heute.

Damals freut sie sich über das Standl neben dem Schulhaus, dort gibt es um fünf Pfennig süßen Waffelbruch mit Nüssen. Sie liebt das Trödeln auf dem Heimweg nach der Schule, den Ganglbach entlang, sie hat im Dorf viele Freunde. Hausarbeit daheim ist selbstverständlich, sie putzt, kocht, wäscht die Windeln ihrer Geschwister. In den Sommerferien, sechste Klasse, muss Lisl bei den adeligen Nachbarn als Zimmermädchen einspringen. Um sieben Uhr der Gräfin das Korsett schnüren, dem Grafen das Badewasser auf 23 Grad erhitzen, so geht es weiter, bis zum Abend. Und doch bleibt Zeit für unvergessliche Erlebnisse.

Sie liebt die Ausflüge mit ihrem Papa, einem Holzknecht. Am Böhmfeld bringt er ihr den Telemark-Schwung bei, sie wird eine gute Skifahrerin. Bei einem Schulrennen stürzt sie und wird doch Erste bei den Mädchen – der Preis ist eine neue Skiausrüstung. Endlich muss sie die kantenlosen Brettl aus Eschenholz nicht mehr mit ihrem Bruder Hubert teilen. Als sie später eine Hauswirtschaftslehre in einer Pension macht, hat sie nur jeden zweiten Sonntag frei. Das reicht im Winter für eine Abfahrt vom Sudelfeld.

Der Papa, einst Bayerischer Skimeister, ist ihr Vorbild – nicht nur auf der Piste. Er legt sich mit seinem Vorgesetzten an, als eine kinderreiche Familie im Dorf ein Häusel bauen will und nicht darf. Er riskiert seine Stelle – doch es lohnt sich, der Bauantrag wird genehmigt: „Für diese Rechtschaffenheit hab ich ihn als Kind so bewundert“, sagt sie. Den Gerechtigkeitssinn, den habe sie von ihrem Vater geerbt. Wenn ihr heute was gegen den Strich geht, wenn sie Angst hat, dass ihre Heimat zerstört wird und Bayrischzell so zugebaut wird wie Tegernsee, dann ruft sie den Bürgermeister an. Oder schreibt in unserer Zeitung gesalzene Leserbriefe. Gegen den Zölibat zum Beispiel, der Pfarrer zwingt, ihre Kinder zu leugnen. „Ich bin eine gute Christin, aber eine schlechte Katholikin“, sagt Lisl über Lisl. Ein Kind braucht seinen Vater, das weiß sie selbst nur zu gut. Manchmal kritisiert sie auch die EU-Agrarpolitik. „Die Bauern dürfen nicht nur Subventionsempfänger sein“, sagt sie energisch – lacht leise und meint: „Ich weiß nicht, ob die auf mich hören.“ Sollten sie.

Als junge, noch ledige Frau übernimmt Lisl Pöllinger die Larcher Alm, versorgt das Vieh, liefert Milch ab, macht Käse und Butter. Der Berghof hat eine dunkle Geschichte: Das zugehörige Berghaus Sudelfeld hatte im Krieg der SS gehört, es war ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Zwangsarbeiter mussten einen Lehrhof errichten: Mit fruchtbarem Erd-Aushub vom Autobahnbau planierten sie die Hügel auf 1200 Metern, kultivieren Almwiesen, bauten Gemüse an. Als der Krieg vorbei ist, wird der Betriebsleiter gefeuert und Lisl die Alm angeboten, es geht schnell, das Vieh muss versorgt werden. Mit Herzklopfen sagt sie zu – und bereut es nicht. Bis 1953 ist sie Pächterin. „Die Zeit auf der Alm“, das sagt sie immer noch, „war wunderschön.“

Dort oben verliebt sie sich in Rups Pöllinger, endgültig. Ein paar Jahre zuvor, 1941, beginnt die Romanze. Lisl feiert mit Freundinnen ihren 18. Geburtstag in der Königslinde. Da geht die Tür auf, zwei Burschen rauschen in die Stube. „So viele Weiberleit“, rufen sie. Einer ist Soldat Rups, er hat Urlaub, besucht Verwandtschaft in Tegernsee, nach Bayrischzell ist er auf einem Stahlross geradelt. Er gratuliert Lisl, drückt ihr ein Busserl auf die Backe. „So ein Frecher“, denkt sie sich. Und doch geht sie mit ihm am nächsten Tag zum Skifahren.

Er kommt abgemagert aus dem Krieg, hilft ihr auf der Alm. Bei einer Sonnwendfeier sitzen sie eng beinander. Das Nachglühen der Sonne leuchtet die Berchtesgadener Berge an. Da weiß Lisl: Das ist der Richtige. Heute hängt sein Bild an der Holzwand über dem Esstisch, ein attraktiver Mann im Janker. Daneben das Holzkreuz, das Rups ihr zum ersten Weihnachtsfest nach dem Krieg geschenkt hat. Zwei Jahre später, 1948, wäre sie beinahe gestorben – die Geburt ihrer Tochter Bärbel war ein Drama.

Ein stürmischer Heiligabend, der Schnee weht durch die Ritzen der Almhütte. Lisl, Rups und der Hüterbub singen alte Weihnachtslieder. In der Nacht gehen die Wehen los. Am nächsten Morgen machen sich die drei auf den Weg ins Tal. „Ich hab noch überlegt, ob ich die Ski anschnall“, erzählt Lisl Pöllinger. Sie sieht ein, dass das zu gefährlich ist.

Der Schnee türmt sich meterhoch, die einzige Fräse für den Alpenraum ist im Allgäu im Einsatz. Als das Grüppchen im Tal bei Lisls Eltern ankommt, ist die Kleidung der Hochschwangeren nass – vom Fruchtwasser. Doch sie rasten über die Nacht, am nächsten Morgen bringt sie der Nachbar ins Geburtshaus nach Neuhaus, er hat ein Auto mit Schneeketten. Bärbel kommt gesund zur Welt, Lisl will mit dem Kind sofort heim auf den Berghof. Doch jetzt gibt es Komplikationen, Lisl verliert viel Blut, wird operiert. Während der Narkose träumt sie vom Boandlkramer. Sie denkt: „So einfach geht das Sterben also.“ Lisl wird immer schwächer, dann spritzen sie ihr Salzlösung in die Venen. Ihre letzte Chance. Sie überlebt.

Lisl Pöllinger erzählt diese Geschichten, als ob sie gestern geschehen wären. Sie sitzt in ihrer Stube, in dem Haus, das sie selbst gezeichnet und sich mit der Kraft ihrer beiden Hände erarbeitet hat. Sie musste dafür auf vieles verzichten. In den ersten Jahren vermietete sie ihr Bad und ihr Schlafzimmer an Touristen, sie selbst schlief im Keller. Sie findet: „Wenn Du wissen willst, wo Du hingehst, musst Du wissen, woher Du kommst.“ Vor ein paar Jahren hat sie ein Buch geschrieben: „Dahoam is am schönsten“, so heißt die Biografie der Lisl Pöllinger. Sie hat die 352 Seiten ihrem Mann gewidmet, aber auch ihren Urenkeln, Enkeln und Kindern, damit sie daraus lernen können.

Jetzt legt Lisl Pöllinger ihren Kopf nach hinten, zeigt auf die vertäfelte Holzdecke. Auch die hat eine Geschichte. Vor ein paar Jahren war eine liebe Freundin gestorben. Auf dem Friedhof, beim Anblick des Sarges, kam Lisl der Gedanke: „Von einem teuren Sargdeckel habe ich einmal nichts, ich möchte noch zu Lebzeiten eine schöne Decke. In meiner Stube.“ Dann rief sie den Schreiner an.

  Carina Lechner

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