„Ich wusste nichts“: Gerhard Fleischner will sich mit seinem Werk reinwaschen. foto: tp

Rentnergang vom Chiemsee: Das Buch der Unschuld

Schliersee - Er wurde einst mit der Rentnergang vom Chiemsee berühmt. Die hatte einen Finanzjongleur entführt, der ihnen Geld schuldete. Gerhard Fleischner aus Schliersee und seiner Frau Iris wurde längst der Prozess gemacht. Der Arzt aber fühlt sich als Opfer der Justiz. Jetzt rechnet er mit dem Rechtsstaat ab.

An der Kreuzung in Hausham passierte es. Seitdem ist sein Verhältnis zum Staat schlecht. 20. Juni 2009: Gerhard Fleischner sitzt in seinem schwarzen Hyundai, aus einem anderen Auto winkt jemand mit einer Kelle, „Halt Polizei“, steht darauf. Er lässt sein Fenster herunter. „Was ist los, war ich zu schnell?“, erkundigt er sich, hält rechts an. Plötzlich setzt sich ein Mann auf seinen Beifahrersitz. „Sie sind verhaftet“, sagt er. Etwa zeitgleich klicken zuhause in Schliersee die Handschellen um die Gelenke seiner Frau Iris.

Jetzt versucht Fleischner, 69, diesen Tag auszuradieren. Er will es nicht auf sich sitzen lassen, dass er und seine Iris in die Entführung des amerikanischen Finanzjongleurs James Amburn mitverwickelt sein sollen. Obwohl die Justiz das anders sieht: Seine Frau bekam ein Jahr und neun Monate auf Bewährung, das Verfahren gegen ihn wurde wegen seines Herzleidens eingestellt. Beide saßen bis Prozessbeginn aber in Untersuchungshaft.

Seine Strategie: Ein 550-seitiges Buch, das er geschrieben hat. „Die Rentnergang vom Chiemsee“ heißt es. 550 Seiten Rechtfertigung, 550 Seiten, die ihre Ehre retten sollen. Aber auch die anderer Gefangener. Er stellt sich als einen Mann dar, der Missstände aufdeckt. „Iris und ich sind unschuldig“, behauptet er. „Die Leute sollen endlich die Wahrheit erfahren.“

Die Vorgeschichte ist krimireif. 16. Juni 2009: Finanzberater Amburn kommt nach Hause, in seinem Treppenhaus in Speyer warten Roland K. und Willi D. auf ihn. Sie wollen mit ihm über Geld reden. Genau wie das Schlierseer Ärztepaar hat Amburn die beiden Männer um mächtige Summen geprellt - sagen sie zumindest -, man kennt sich aus Florida. Sie gehen in sein Wohnzimmer, trinken Weißbier. Doch Amburn rückt das Geld nicht raus, er sei durch die Bankenkrise pleite, bekräftigt er. Willi D. holt eine Sackkarre samt Kiste, die beiden fesseln den 56-jährigen Amburn, laden ihn in den Kofferraum, fahren nach Chieming, sperren ihn in den Keller von Roland K.s Haus, auch dessen Frau Sigi weiß Bescheid. Sie wollen das Geld so aus ihm heraus pressen, Selbstjustiz nennt man das. Am Tag darauf kommen die Fleischners ins Spiel, in der Früh klingelt das Telefon. „Roland K. hat uns gesagt, dass Amburn zu Besuch ist, und wir über das Geld reden können“, behauptet der Schlierseer nun. 300 000 Dollar soll er den Fleischners abgeknüpft haben. Sie fahren los, holen Kuchen im Winkelstüberl. Eine harmlose Verhandlung bei Kaffee und Kuchen? Man trifft sich in der Garage. „Meine Frau und ich wussten anfangs nicht, ob Amburn freiwillig dort war, auch wenn uns die Ermittler andere Angaben in den Mund legten und in die Protokolle schrieben“, heißt es in seinem Buch. Amburn sei ohne Fesseln aufgetaucht. Erst später erzählen ihnen die Männer, dass sie Amburn entführt haben. Das Ehepaar fährt heim, ohne die Polizei zu holen. Warum, das verschweigt Fleischner. Durch eine List gelingt es Amburn, die Polizei zu informieren, in der Nacht zum 20. Juni stürmt ein Sondereinsatzkommando das Haus. Sie finden die Geisel mit Hämatomen, Prellungen und zwei gebrochenen Rippen.

Die Fleischners kommen gut neun Monate in U-Haft. Weil er herzkrank ist, bleibt er in der Krankenstation in Stadelheim. Dort muss er sich die Zelle A13 mit fünf anderen teilen. Er empfindet es als Zumutung, schlägt in seinem Buch harte Töne an. „U-Haft ist die wirkungsvollste legale Foltermethode, die es in Deutschland gibt.“ Postzensur, gefesselte Vorführung in Öffentlichkeit, Fernsehverbot. Seine Krankheit habe sich verschlechtert, seine Frau leide seither an Depressionen. Er fordert ein „Qualitätsmanagement der Justiz“.

Aus Fleischners Mund klingt es so, als hätte er nichts mit der Sache zu tun. Seine Frau hat versucht, ihre Approbation, die man ihr entzogen hatte, wiederzubekommen. Doch sie verlor den Prozess. Als die Fleischners aus der Haft nach Schliersee zurückkamen, seien sie „mit offenen Armen“ empfangen worden. „An der Haustür hatte jemand Blumen für uns hinterlegt.“ Trotz aller Selbstgerechtigkeit. Auch Fleischner weiß: „Gerechtigkeit ist eine Sache der Auffassung.“

Von Marlene Kadach

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