Feldkirchen aufgemöbelt: Bald vier Ikea rund um München?

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    • 23.03.13
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Zwei neue Häuser geplant

Aufgemöbelt: Bald vier Ikea rund um München?

Feldkirchen - Im Raum München sollen bald vier schwedische Möbelhäuser stehen – eines davon ist in Feldkirchen geplant. Doch dort gehen die Bürger auf die Barrikaden. „Wir können das unserem Ort nicht antun“, sagen sie.

Der Anstecker mit dem durchgestrichenen Elch ist verblichen, jahrelang hing er an der Pinnwand von Gabi Zaglauer-Swoboda. Die Grünen-Gemeinderätin sitzt an ihrem Tisch in Taufkirchen im Kreis München und hält das runde Ding in der Hand – der Elch war das Symbol für einen Kampf. Den Kampf gegen Ikea. Die 55-Jährige und ihre Mitstreiter wollten 2002 die Ansiedlung des schwedischen Konzerns in der Gemeinde verhindern. „Das war David gegen Goliath“, sagt sie und seufzt. Goliath gewann.

Jetzt will der Möbel-Gigant wieder wachsen, Ikea plant seinen dritten Standort im Großraum München – nach Eching im Kreis Freising und Brunnthal/Taufkirchen soll eine Filiale im Osten der Landeshauptstadt entstehen. Die schwedischen Strategen haben sich Feldkirchen ausgesucht. Wie damals in Taufkirchen formiert sich auch in der 7000-Einwohner-Gemeinde Widerstand. Doch diesmal scheint er nicht aussichtslos.

Für ein Bürgerbegehren sammelten Ikea-Gegner in Feldkirchen doppelt so viele Unterschriften wie nötig, es kommt im Juni zur Abstimmung. In Taufkirchen scheiterten die Ikea-Gegner an den Bürgern selbst, eine klare Mehrheit von 65,5 Prozent sprach sich Anfang 2003 für die Ansiedlung aus. Der Ort ist zweigeteilt, eine Hälfte wohnt weit weg vom damaligen Ikea-Erwartungsland. „Viele hat das nicht interessiert“, sagt Gabi Zaglauer-Swoboda. In Brunnthal, dem das halbe Gewerbegebiet gehört, gab es gar keinen Widerstand. Inzwischen hat sich Zaglauer-Swoboda mit dem abgefunden, was drei Autominuten von ihrem Haus entfernt entstanden ist – ein greller Konsum-Park.

Ikea war nur der Anfang des Gewerbegebiets am Autobahndreieck Brunnthal. Inzwischen gibt es auf der einst grünen Wiese zwischen zwei Autobahnen und einer Bundesstraße Baumarkt, Discounter, Schuhladen, Babybedarf, McDonald’s, Drogerie, Bio-Lebensmittel, Billig-Hotel, Fitness-Studio, Bowlingcenter, Bekleidungsgeschäfte und ein Restaurant. „Dass sich so viel ansiedelt, haben wir unterschätzt“, sagt die Gemeinderätin. Und ihr Parteikollege Rudi Schwab meint: „Ikea war der erste Domino-Stein.“ Als der umfiel, gab es kein Halten mehr.

Genau davor haben sie auch in Feldkirchen Angst. Widerstand leisten dort nicht nur Grüne und Vogelschützer – sondern auch die CSU. Sprachrohr der Ikea-Gegner ist Gemeinderat Reinhard Mulzer. Er steht auf dem Feldweg mitten im geplanten Gewerbegebiet, eisiger Wind pfeift. „Wir können das unserem Ort nicht antun“, sagt er. Mulzer und Mitstreiter fürchten Schäden für Umwelt und Bürger, der Verkehr könnte das Dorf ersticken.

Schon jetzt ist Feldkirchen belagert von Gewerbegebiet, Kieswerk, Bundesstraße, Autobahn und Messegelände. Die letzte freie Flanke würde für Ikea draufgehen, und das unmittelbar am Ort – wenn auch hinter der A 94. Dann der Flächenfraß: Das Möbelhaus und der geplante Baumarkt daneben verschlingen samt 1700 Parkplätzen und Infrastruktur 18 Hektar, das entspricht 25 Fußballfeldern, heißt es in dem Antrag fürs Bürgerbegehren. Mulzer sagt: „Wir haben sowieso nicht mehr viel Platz.“ Wenn schon gebaut werde, dann bitte Wohnraum. Wenn Gewerbe, dann bitte mittelständisches. Wer bei Ikea einkaufen wolle, könne mit dem Auto in 15 Minuten in Brunnthal sein – oder in 20 in Eching.

Tatsächlich ist München von Möbelmärkten umzingelt. Neben den beiden Ikea-Häusern gibt es Segmüller in Parsdorf, XXXLutz in Aschheim und Möbel Höffner in München-Freiham, dazu zwei Mömax-Filialen in Eching und Aschheim. Doch damit ist der Bedarf offenbar noch nicht gedeckt – das haben Marktanalysen von Ikea gezeigt. Das Unternehmen hat eine eigene Sprecherin für den Bereich „Expansion“ – Simone Settergren. Und sie sagt: „Das Einzugsgebiet Münchens ist groß, die Kaufkraft auch.“ Und in den Filialen gibt es ein Problem: zu viele Kunden. Die Expansions-Sprecherin meint: „Die bisherigen Standorte laufen über Kapazität.“ Das heißt wohl übersetzt, dass sich die Kunden an „Billy“-Regalen vorbeidrängeln und Ikea zum Synonym für Stress wird. Doch Ikea will das Einkaufserlebnis nicht kaputtmachen, erklärt Settergren. Rezept: Wachstum.

Von Apple bis Zewa: Das steckt hinter den Markennamen

Noch wächst nur der Altbestand. In Brunnthal haben sie vor einigen Wochen einen Erweiterungsbau eröffnet. Heute wird in Eching die umgestaltete 5000 Quadratmeter große Markthalle freigegeben. Doch Umbauten reichen dem Konzern nicht. Haus Nummer drei in Feldkirchen soll schon 2015 eröffnen. Danach geht es weiter: „Wir suchen einen vierten Standort“, sagt die Ikea-Sprecherin. Wo, das ist geheim. Logisch wäre der Münchner Westen – bislang Ikea-Brachland. In Freiham war 2003 eine Filiale geplant, doch daraus wurde nichts, weil Möbel Höffner mehr für das Grundstück der Stadt München zahlte.

Attraktiv für alle Möbelhäuser sind freilich Standorte an Autobahnkreuzen. Settergren schließt auch eine zentrumsnahe Ansiedlung nicht aus, trotz der horrenden Grundstückspreise: „Wir halten die Augen auf.“ Mit vier Häusern hätte München genauso viele Ikea-Filialen wie die Metropolen Berlin, Toronto, London und Los Angeles. New York mit fünf und Paris mit sieben Häusern führen die Rangliste an. Weltweit gibt es 340 Ikea-Filialen, allein in Deutschland 46.

Doch wie viele Möbelhäuser verträgt der Ballungsraum eigentlich? Das Landesentwicklungsprogramm Bayern schreibt keine „Obergrenze für die Anzahl von Einzelhandelsbetrieben in einem bestimmten Gebiet“ vor, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Gewerbegebiete seien nur in „Zentralen Orten“ zulässig – doch unter diese Kategorie fällt fast jede zweite Gemeinde. Der Regionale Planungsverband München, der die Raumplanung koordinieren soll, ist zwar gegen riesige Einkaufsparks nach amerikanischem Vorbild, weil diese die Geschäfte im Ortskern ausbluten lassen – doch mehr als davor warnen könne man nicht, sagt Geschäftsführer Christian Breu. Am längeren Hebel sitze der Freistaat.

Am Anfang steht freilich die Gemeinde. In Feldkirchen sieht Bürgermeister Werner van der Weck (SPD) nichts, was gegen die Ikea-Ansiedlung spricht. Er hatte sich Ende 2010 an den Konzern gewandt, als er von dessen Standortsuche hörte. Seine SPD-Kollegen im Gemeinderat reagierten auf das Bürgerbegehren der CSU und beantragten ein Ratsbegehren dagegen. Für van der Weck liegen die Vorteile auf der Hand: Mit der Gewerbesteuer im sechs- oder siebenstelligen Bereich könnte die Gemeinde die Wünsche der Bürger erfüllen – Kita, Hort, Betreutes Wohnen, der Sportverein hätte gerne eine Mehrfachsporthalle. Die Umgehungsstraße, die ohnehin gebaut werden soll, wäre leichter zu schultern. Und obwohl in Feldkirchen kaum Arbeitslose leben – 200 Stellen würden nicht schaden. Außerdem: Wenn der Konzern nicht in Feldkirchen landen könne, investiere er die 65 Millionen Euro eben in der Nachbarschaft. „Dann haben wir den Verkehr, aber keine Vorteile.“

Doch er verstehe auch die Ängste: Im Ort habe sich über Jahrzehnte kein Gewerbe angesiedelt – wegen des nahen Riemer Flughafens herrschte Baustopp. Deshalb bewahrte Feldkirchen sich den Dorf-Charakter. Doch dann zog der Airport ins Erdinger Moos, und Firmengebäude schossen in die Höhe. „Das hat viele überrumpelt“, sagt van der Weck, daher komme die Ikea-Skepsis.

Die Gemeinde hat ein Verkehrsgutachten erstellen lassen, das am Donnerstagabend gut 200 Bürgern präsentiert wurde. Ergebnis: Der Möbelmarkt-Verkehr bleibe außerhalb der Gemeinde. Und van der Weck verspricht, dass nach Ikea und Baumarkt Schluss mit großem Gewerbe ist: „Bei uns wird es kein zweites Brunnthal geben.“ Der dortige Bürgermeister, Stefan Kern (CSU), sagt allerdings: „Wir haben das nie bereut.“ Weil Ikea andere Firmen magnetisch anziehe, ein Standortsiegel sei. Und weil Ikea ein „guter Gewerbesteuerzahler“ ist – mehr verrät er nicht. Doch nach Recherchen unserer Zeitung bekommt allein Taufkirchen, das sich den Park mit Brunnthal teilt, mehr als eine Million Euro.

Die Taufkirchner Grünen stehen jetzt im Gewerbepark. Der Gemeinderat Rudi Schwab gibt zu: „Der Verkehr von Ikea ist nicht so schlimm, wie wir dachten.“ Staus in den Wohngebieten gibt es kaum. Dann dreht sich Schwab einmal um die eigene Achse, schaut auf die bunten Reklameschilder, die künstlichen Palmen vorm Hotel und die Autos, die vorbeizischen, und sagt: „Aber greislig ist das hier schon.“

Von Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa

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Kommentare

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Clearing15.04.2013, 13:16Antwort
(0)(0)

?????????????????

Clearing12.04.2013, 12:17Antwort
(1)(0)

Fragt Euch mal selbst, ob ihr euch noch auf demokratischen Boden befindet? Langsam wirds abscheulich und blöd!
Sollte gelöscht werden!

Clearing31.03.2013, 15:10Antwort
(0)(0)

??!

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Leser-Umfrage

Braucht der Großraum München einen weiteren Ikea? Was meinen Sie?

Das Voting ist beendet. Es wurde wie folgt abgestimmt:

(55.4)%Unbedingt - die Läden in Eching und Brunnthal sind immer überlaufen.

(44.6)%Ich verstehe, dass sich Feldkirchen wehrt. Es braucht nicht noch einen Möbel-Giganten!

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