München - Der kleine Elefantenbulle Ludwig gedeiht prächtig - und hält seine Mutter Temi und die Pfleger im Tierpark gehörig auf Trab. Warum gerade Dickhäuternachwuchs die Menschen so begeistert? In Hellabrunn kann man das erklären.

© Marcus Schlaf
Dass das Wetzen am Baumstamm eine Wohltat ist, hat „Ludwig“ den großen Elefantenkühen abgeschaut.
Der Tritt sitzt. Gerade tollt der Jungstar übermütig herum, da bremst Elefantenkuh Temi ihren Sohn mit ihrem wuchtigen, grauen Bein. Der einen Monat alte Bulle quittiert die Erziehungsmaßnahme mit einem Plärrer - und hat sofort den nächsten Unfug im Sinn. „Er hält seine Mutter und uns mit viel Blödsinn auf Trab“, berichtet Chef-Elefantenpfleger Andreas Fries. Einen Meter groß und ungefähr 120 Kilo schwer ist der Dickhäuter inzwischen. Ganz genau können es die Pfleger nicht sagen, denn „Ludwig“ macht auch beim Wiegen regelmäßig Blödsinn - zappelt, bis die Waage zittert.
Offiziell ist das jüngste Mitglied der Hellabrunner Elefantenherde noch namenlos, doch alle nennen den Bullen Ludwig. Alle, bis auf die Pfleger: „Wir wollen nicht, dass er sich daran gewöhnt“, sagt Fries. Das letzte Wort bei der Namenswahl hat der Geldgeber, der die Patenschaft für den Jungelefanten übernimmt. Gefunden ist er schon - mehr will man vor der offiziellen Taufe in Hellabrunn nicht verraten.
Ganz so groß wie beim Nürnberger Eisbärenkind Flocke oder bei Knut in Berlin ist der Rummel um Ludwig in Hellabrunn nicht. 14 000 Besucher kamen am mittleren Maiwochenende - 4000 mehr als im Schnitt an den Maiwochenenden 2010. Der Anstieg sei nicht ausschließlich auf das Elefantenbaby zurückzuführen, heißt es im Tierpark. Die Wochenenden im Vorjahr seien nass und kühl gewesen - und ein Elefantenbaby hatte es mit Jamuna Toni ja auch da gegeben.
Ein Publikumsmagnet ist der kleine Elefantenbulle dennoch. Das zeigt sich an den Menschentrauben, die jeden Tag vor dem Elefantengehege stehen - und Laute der Verzückung ausstoßen. „Süß“, „putzig“, „niedlich“, hört man hier ohne Unterlass. Und Ludwig scheint Gefallen an der Schwärmerei des Publikums zu finden. „Wenn es morgens raus geht und viele Leute vorne am Zaun stehen, geht er sofort neugierig hin“, erzählt Fries.
Das Kindchenschema ist ein Schlüsselreiz, auf den Menschen weltweit reagieren. Flauschig, pelzig und kulleräugig sind jedoch auch andere Tierbabys (siehe unten). Warum kennt die Begeisterung gerade bei Elefantennachwuchs kaum Grenzen? Es sei die Kombination aus zwei Dingen, glaubt Fries: Elefantenbabys seien von Anfang an eine Miniaturausgabe der großen Elefanten - und gleichzeitig seien sie „bezaubernd tollpatschig“. Er müsse da immer an die Elefantenparade aus dem Dschungelbuch denken, sagt der Tierpfleger. Die Verzückung sei groß, wenn so ein Tier stur den großen grauen Beinen seiner Mama hinterherstolpere - und ihm der Rüssel ständig im Weg umgehe. Ludwig ist da jetzt schon weiter. Fries: „Er steckt seinen Rüssel in eine Pfütze, bläst hinein und freut sich über die Blasen, die aufsteigen“. Auch mit seiner kleinen Behinderung, der bei der Geburt gequetschten Zunge, die noch aus dem Maul hängt, weiß Ludwig inzwischen umzugehen. „Er schiebt sie sich mit dem Rüssel wieder ins Maul rein“, berichtet Fries.
Sie haben ihren Neuzugang ins Herz geschlossen. Vermenschlichen wollen die Pfleger den Dickhäuter aber nicht. „Er soll Elefant sein, nicht unser Kasperl“, sagt Fries. Es ist ein Dilemma, in dem alle Zoos mit Elefanten- oder Eisbärenbabys stecken: Einerseits bringen die Jungtiere Geld, weil mehr Besucher kommen. Andererseits sollen die Menschen aber nicht vergessen, dass es sich um Wildtiere handelt. Fühle Temi sich bedroht oder sehe sie ihr Jungtier in Gefahr, würde sie „alles wegräumen, was im Weg steht“, betont Fries. „Auch uns Pfleger, das darf man nicht vergessen.“
Fries und seine Kollegen lassen „Ludwig“ nicht aus den Augen. Jeden Tag von 10 bis 11.30 Uhr und von 13 bis 15.30 Uhr darf er ins Freie - wenn das Wetter es zulässt. „Wenn es unter 10 Grad hat und regnet, kann er eine Lungenentzündung bekommen.“ Damit sich der Racker nicht übernimmt, holen die Pfleger ihn täglich zum Mittagsschlaf ins Elefantenhaus. Draußen ist an ein Nickerchen nicht zu denken. „Da gibt es zu viele Reize“, sagt Fries. Einmal drinnen, ist es schnell um Ludwig geschehen. „Da liegt er nach zwei Minuten da und pennt, so erschöpft ist er.“
Caroline Wörmann
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