München: Zwei der neun Döner-Morde in Ramersdorf und im Westend

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    • 13.11.11
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Auf der Spur des Grauens

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München - In München geschahen in den Jahren 2001 und 2005 zwei der neun sogenannten Döner-Morde. Die tz hat die Tatorte heute besucht und mit damaligen Nachbarn der Opfer gesprochen. Traurige Erinnerungen kommen ans Tageslicht.

© Bodmer

Anneliese Kranz (Name geändert) steht am Sonntag vor dem Laden, in dem ihr Nachbar Habil Kilic am 29. August 2001 erschossen wurde

Die Wut will nicht verschwinden. Zwei Tage nach der Aufklärung der Döner-Morde sind Anneliese Kranz (Name geändert) und die anderen Nachbarn des Opfers Habil Kilic noch aufgebracht. Im Umfeld des zweiten Münchner Opfers herrscht aber auch Erleichterung. Die tz hat die Tatorte aufgesucht.

© KurzendörferHier wurde Gemüsehändler Habil Kilic ermordet

Bad-Schachener-Straße 14, Ramersdorf: Hier wird der Gemüsehändler Habil Kilic am 29. August 2001 im seinem Laden erschossen. Frau und Tochter (14) sind zu dieser Zeit in der Türkei. Sie konnten die Erinnerungen nicht ertragen. Laut einer Nachbarin zogen sie kurz nach dem Mord fort. Heute betreibt eine andere Familie den Laden. Für die Nachbarn aber bleibt Habil Kilic unvergessen. „Das war ein äußerst lieber Mensch“, sagt Anneliese Kranz, die seit 33 Jahren hier lebt. „Er hat sich mit allen gut verstanden, auch mit vielen Deutschen.“ Sie habe stets gedacht, der Mörder stamme aus Mafia-Kreisen. „Als ich gehört habe, dass das deutsche Neonazis waren, konnte ich es nicht glauben. Ich bin 1944 geboren. Wie können Leute heutzutage noch so dummes Zeug denken? Die Politik sollte das zum Anlass nehmen, strenger gegen diese Neonazis vorzugehen. Wie konnten die Täter so lange frei rumlaufen?“

Im Trappentreuhof (Trappentreustraße 4, Westend) spielt eine Gruppe griechischer Männer Karten. Richtig konzentrieren kann sich keiner. Im selben Haus, wo jetzt der Döner-Laden ist, wurde ihr Bekannter und Freund am 15. Juni 2005 in seinem Schlüsseldienst-Laden mit einem Kopfschuss hingerichtet. „Das war sehr schlimm damals“, sagt ein Mann, der mit Theodorous Boulgarides (41) schon als Bub Fußball gespielt hat. „Wir standen wochenlang unter Schock. Wir waren so ratlos – er hatte doch keine Feinde …“

Die Unklarheit machte auch Nachbar Kosta K. (29) lange zu schaffen. „Ich habe mich im Gang immer umgesehen, ob mir jemand folgt.“ Sein Vater hatte wenige Minuten vor dem Mord noch mit Boulgarides gesprochen. „Ihn hat das sehr mitgenommen. Jetzt wird alles wieder aufgewühlt.“ Der alte Freund des Opfers ist aber froh, dass die Spekulationen nun ein Ende haben. „Und die Täter haben ihre gerechte Strafe.“ Ein anderer Kartenspieler wirft ein: „Das bringt den Theo aber auch nicht mehr zurück.“

© BodmerAm 15. Juni 2005 wurde Theodorous Boulgarides in seinem Schlüsseldienst-Laden im Westend erschossen; das Haus heute

Der damals zuständige Chef der Münchner Mordkommission, Josef Wilfling, erfuhr am Freitag während eines Termins im Münchner Justizministerium, dass die Döner-Mord-Serie vor der Aufklärung steht: „Ich habe mich aufrichtig gefreut und empfinde eine tiefe Befriedigung, dass diese schrecklichen Morde geklärt sind.“ Beide Münchner Morde in den Jahren 2001 und 2005 fielen in die Amtszeit des mittlerweile pensionierten Kriminalbeamten und Besteller-Autors (Abgründe). Was er im Gemüseladen von Habil Kilic (38, Mordfall Nummer 4) und dem Schlüsseldienstgeschäft von Theodorous Boulgarides (41, Mordfall Nummer 7) sah, hat er nie vergessen: „Die Täter sind mit einer solchen Kaltblütigkeit vorgegangen, dass man es nicht fassen konnte.“

Beide Opfer wurden aus nächster Nähe regelrecht hingerichtet. Kilic hatte sich noch minutenlang quälen müssen, bevor er starb. In der Zeit nach den Morden arbeitete die Münchner Mordkommission rund um die Uhr. Bereits nach der Ermordung von Habil Kilic hatte Wilfling im Sommer 2001 erklärt, „dass es sich hier um eine völlig neue Qualität von Verbrechen“ handle: „Es war uns klar, dass es in Richtung Organisierte Kriminalität ging.“

Sämtliche Varianten wurden geprüft: Drogen, Glücksspiel, Wettmafia, Geheimdienstaktivitäten und auch ein rechtsextremer Psychopath– „was in unseren Möglichkeiten stand, haben wir getan. Dass zwei Wahnsinnige im Wohnmobil mordend durch die Republik fahren, dafür gab es null Anhaltspunkte.“

Daran scheiterte letztlich auch die SoKo Bosporus in Nürnberg, die mit 160 Beamten 3.500 Spuren, 11.000 Alibis und 33 Millionen Datensätze überprüfte. Wilfling: „Ich habe nie verstanden, warum das Bundeskriminalamt die Mordserie nicht von Anfang an übernommen hat. In unseren 16 Bundesländern gibt es viel zu viele Zuständigkeiten, aber keinen Informationsaustausch zwischen Verfassungsschutz und Polizei. Das ist eine politisch gewollte Trennung. Es muss aber eine zentrale Stelle her, an der alle Informationen zusammenlaufen. Viele Köche verderben eben den Brei.“

Nina Bautz, Dorita Plange

Die Chronologie:

Das Nazi-Trio aus Thüringen soll nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft nicht nur die Morde an der Polizistin in Heilbronn sowie an acht Türken und einem Griechen begangen haben:

Januar 1998: In Jena hebt die Polizei eine Bombenwerkstatt von Uwe B., Uwe M. und Beate Z. aus. Es werden Rohrbomben mit TNT sichergestellt.

1999: Unbekannte Täter beginnen eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen in Ostdeutschland. Die Taten werden Uwe B. und Uwe M. zugeordnet.

9. September 2000: In Nürnberg wird ein türkischer Blumenhändler erschossen. Bis April 2006 folgen Morde an sieben Türken und einem Griechen, immer mit derselben Waffe – einer Ceska 83. Drei Döner-Morde ereignen sich in Nürnberg (2000, 2001, 2005), zwei in München (2001, 2005), jeweils einer in Kassel (2006), Hamburg (2001), Rostock (2004) und Dortmund (2006).

9. Juni 2004: Beim Nagelbombenanschlag in Köln werden 22 Menschen verletzt. Die Täter zünden einen selbst gebauten Sprengsatz auf einem Fahrrad per Fernsteuerung. Der Fall wird wieder aufgerollt. Laut Spiegel bekennt sich das Nazi-Trio in einer DVD dazu.

25. April 2007: In Heilbronn wird eine 22 Jahre alte Polizistin erschossen. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer unbekannten Frau sichergestellt. 2007 bis 2009: Die Ermittler jagen ein Phantom. Gen-Spuren einer angeblichen „Frau ohne Gesicht“ werden bei mehr als 35 Straftaten gefunden – da­runter Morde und Einbrüche.

27. März 2009: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn gibt bekannt, dass die Gen-Spuren der „Frau ohne Gesicht“ bereits beim Verpacken auf die Wattestäbchen der Ermittler gelangt sind.

1. November 2011: In Döbeln bei Leipzig wird noch ein Dönerbuden-Betreiber erschossen. Ob es eine Verbindung zu den Döner-Morden gibt, ist unklar.

4. November 2011: Nach einem Banküberfall in Eisenach (Thüringen) werden Uwe B. und Uwe M. tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach gefunden. In Zwickau (Sachsen) geht die Wohnung, in der sie mit Beate Z. gelebt hatten, in Flammen auf.

7. November 2011: Die Polizei teilt mit, dass die Pistolen der Heilbronner Polizistin und ihres Kollegen im Wohnmobil entdeckt wurden.

8. November 2011: Beate Z. stellt sich in Jena. Sie soll nach Polizeiangaben mehrere Alias-Namen benutzen.

11. November 2011: Die Bundesanwaltschaft gibt bekannt, dass sie Verbindungen zwischen dem Polizistenmord von Heilbronn und der sogenannten Döner-Mordserie sieht.

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