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    • 29.06.10
    • München
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Das Massaker von München

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München - Brutal, skurril, schicksalhaft - wir erzählen einige der spektakulärsten Kriminalfälle Münchens neu. Heute: Das Massaker von München bei den Olympischen Spielen 1972.

© ap

Ein Bild, das um die Welt ging: Einer der Attentäter zeigt sich maskiert auf dem Balkon des Olympiadorfs.

Die Einschusslöcher in diesem Teil eines Hubschraubers sind mit Pfeilen markiert.

Zehn kleine rote Papierpfeile kleben noch immer - fast 40 Jahre danach - auf dem dunkelgrünen Metall. Jeder deutet in eine andere Richtung, jeder zeigt auf ein Einschussloch. Das Metallteil gehörte zu einem der beiden Hubschrauber, die am 5. September 1972 von Kugeln durchsiebt und teilweise in die Luft gesprengt wurden. Es zeugt vom schwärzesten Moment der olympischen Geschichte und einem dunklen Kapitel in Münchens Polizeihistorie. Ausgerechnet in Deutschland sterben an diesem Tag elf israelische Sportler, die ein palästinensisches Terror-Kommando als Geiseln genommen hatte.

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Direkt neben dem Überbleibsel des Helikopters steht in der Polizeiausstellung eine Schaufensterpuppe. Sie trägt eine große Sonnenbrille, einen hellen Stoffhut, eine schwarze Maske und einen beigen Anzug. Nur einige Stecknadeln halten den Stoff zusammen. Jemand hat diesen Anzug einem der Terroristen vom Körper geschnitten. Die dunkelbraunen Schlieren auf dem Stoff zeugen vom Blut, das an diesem Tag vergossen wurde.

Die Beweisstücke des Grauens holen die Bilder wieder ins Bewusstsein, die sich damals ins kollektive Gedächtnis der Welt eingebrannt haben: ein Attentäter mit Strumpfmaske auf dem Balkon des Gebäudes an der Connollystraße im Olympischen Dorf, die zerschossenen Hubschrauber auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, die Olympische Flagge auf halbmast im Münchner Stadion.

Am 5. September 1972 drangen Terroristen in das Quartier der Israelis ein.

Doch es ist ein anderes Asservat aus dem Münchner Polizeiarchiv, das hilft zu verstehen, wie es zu der Tat kommen konnte, die als Olympia-Attentat in die Geschichte einging. Es ist ein nicht einmal Din-A-5 großer grüner Zettel. „München 1972“ steht darauf und: „Passierschein Olympisches Dorf“. Drei Stempel, drei Mal die gleiche Unterschrift. Keine Hologramme, nicht einmal ein Passfoto. Niemand rechnete mit der Katastrophe, die Sicherheitsvorkehrungen sind im Vergleich mit heutigen Olympischen Spielen quasi nicht vorhanden. Es sollen heitere Spiele sein, die ein neues, ein schöneres Bild von Deutschland vermitteln.

Deshalb denken sich die amerikanischen Athleten nichts dabei, als sie kurz nach vier Uhr am 5. September am Tor 25a auf acht Gestalten treffen, die über den Zaun des Olympischen Dorfes klettern. Die Amerikaner haben schließlich das Gleiche vor: Sie haben im Münchner Nachtleben die Zeit vergessen und wollen sich zurück in ihr Quartier schleichen. Man hilft sich über den Zaun.

Am Tag danach: Diese weitgehend unbekannte Aufnahe aus denm Polizeiarchiv zeigt das ganze Ausmaß der Verwüstung.

Doch die acht Gestalten sind keine Athleten, sie sind Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“. Um 4.35 Uhr stürmen sie die Unterkunft der israelischen Mannschaft an der Connollystraße 31. Der Ringertrainer Mosche Weinberg, 31, und der Gewichtheber Josef Romano, 31, leisten Widerstand. Die Terroristen erschießen sie an Ort und Stelle. Dann beginnt der Nervenkrieg: Die Attentäter verschanzen sich mit ihren neun Geiseln im Quartier der Israelis, fordern die Freilassung von mehr als 200 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen. Auch die inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sollen ausgeflogen werden.

Die Polizei versucht zu verhandeln, will Zeit gewinnen. Selbst der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher schaltet sich in die Verhandlungen ein. Mehrere Ultimaten verstreichen, die Israelische Regierung lehnt die Erfüllung der Forderungen kategorisch ab, ein dilettantischer Befreiungsversuch mit Polizisten in Jogginganzügen scheitert, weil er von den Terroristen entdeckt wird. Derweil gehen die Wettbewerbe weiter: Japan spielt Volleyball gegen Deutschland, auch die Kanuten und Dressurreiter setzen die Spiele fort. Erst um 15.38 Uhr lässt IOC-Präsident Avery Brundage die Wettbewerbe unterbrechen.

Mit erhobenem Finger verhandelte einer der Terroristen (rechts) mit deutschen Politiker.

Schließlich fordern die Terroristen freien Abzug nach Kairo. Die neun Geiseln erklären sich gegenüber Genscher bereit, mit nach Ägypten zu fliegen. In den zwei Hubschraubern fliegen Terroristen und Geiseln nach Fürstenfeldbruck. Auf dem dortigen Fliegerhorst steht eine Boeing 727 bereit. Doch als die Attentäter die Maschine betreten, ist sie verlassen. Die als Crew verkleideten Polizisten hatten den Versuch, die Terroristen im Flugzeug zu überwältigen, eigenmächtig als zu riskant abgebrochen. Die Attentäter rennen zurück zum Hubschrauber. Da gibt der bayerische Innenminister den Befehl „Feuer frei“. Doch die drei Scharfschützen sind mit acht Terroristen völlig überfordert. Auch die Attentäter eröffnen das Feuer, sie werfen eine Handgranate in einen der Helikopter. Am Ende sind alle neun Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist tot. Die Wettbewerbe gehen weiter. „The Games must go on“, sagt IOC-Präsident Brundage - „Die Spiele müssen weitergehen.“

Philipp Vetter

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