Direkt vor Hans Graßls Balkon an der Siglstraße fährt die Tram 19 vorbei. Das merkt Graßl auch, wenn er nicht auf dem Balkon steht: Es dröhnt in der Wohnung, der Boden vibriert. Das Problem tritt nach Graßls Beobachtung aber nur bei den neuen Variobahnen auf.

Dröhnen in der Wohnung

Neue Variozüge: Trambahnen erschüttern Anwohner

München - Quer durchs Stadtgebiet klagen Anwohner der Tramlinie 19 über Erschütterungen in der Wohnung. Seit einigen Monaten fährt auf der Linie die neue Variotram. Die Stadtwerke verweisen darauf, dass kein Zusammenhang bestehen müsse - wollen aber noch im Frühjahr Messungen durchführen.

Wenn sich draußen die Tram 19 nähert, fängt drinnen in Hans Graßls Wohnzimmer das Dröhnen an. Der Boden vibriert, die Gläser klirren. Schon seit Jahren wohnt der Münchner am Anfang der Siglstraße in Laim, vor seinem Balkon fährt die Tram 19 die Agnes-Bernauer-Straße entlang. Noch nie haben ihn Lärm oder Vibrationen gestört, sagt Graßl. Aber das habe sich vor einigen Monaten geändert - seit die neue Variobahn fährt.

Einige Kilometer weiter, an der Bayerstraße 79, hat Mario Baier dasselbe Problem. Wenn die Bahnen des neuen Bautyps an dem Haus im Bahnhofsviertel vorbeirauschen, laut Baier im Vier-Minuten-Takt, klirren im Schrank die Gläser und der Boden vibriert. Das ist anstrengend, wenn man wie er von zu Hause aus arbeitet. Außer Baier und Graßl hatte sich vor zwei Wochen auch eine Anwohnerin in Haidhausen im Bezirksausschuss über Lärm und Erschütterungen beschwert - auch hier ging es um die Tram 19.

Die Stadtwerke München (SWM) teilen auf Anfrage mit, dass ihnen ebenfalls Beschwerden über Erschütterungen an der Linie 19 vorliegen. Allerdings gebe es keine Erkenntnisse über einen konkreten Zusammenhang mit der Variobahn. Man wolle deshalb noch im Frühjahr Messungen durchführen, um entsprechende Daten zu erheben.

Die Variotram hatte immer wieder mit technischen Problemen für Schlagzeilen gesorgt, bevor sie überhaupt auf Münchens Schienen eingesetzt werden konnte. Auch drei Jahre, nachdem die modernen Trams geliefert wurden, durften nur vereinzelte Bahnen fahren - immer wieder gingen die Dämpfungsgummis kaputt, die Erschütterungen mindern sollten.

Dieses Problem ist laut SWM allerdings mittlerweile behoben. Der Hersteller habe die Gummiteile aller Bahnen ausgetauscht, inzwischen seien 13 der 14 Variobahnen einsatzbereit. Allerdings müssten sich die Räder noch den Winter über beweisen, bevor man Entwarnung geben könne.

Wenn es nach Hans Graßl geht, ist es für eine Entwarnung zu früh. „Ich bin sonst niemand, der sich sofort über alles beschwert“, sagt er. Aber auch Nachbarn hätten ihn auf die Erschütterungen angesprochen. Und es geht Graßl auch nicht nur darum, dass er sich von den Vibrationen gestört fühlt - er fürchtet Schäden an der Bausubstanz. „Im Mai soll unsere Fassade renoviert werden“, sagt Graßl. Wenn dann die neue Tram vorbeirumpelt, so seine Sorge, geht das vielleicht auf das Material.

Ähnliche Sorgen treiben auch Mario Baier um: Das Haus, in dem er wohnt, ist ein denkmalgeschützter Altbau von 1888. Die Erschütterungen, sagt Baier, gingen bis ins Fundament - das sei bisweilen beängstigend. Und: „Wer zahlt das dann, wenn es mal Risse in der Hauswand gibt?“

Deshalb hat sich Baier mit den anderen Wohnungseigentümern des Hauses zusammengeschlossen, um das Problem anzugehen. Nachdem sich nun mehrere Anwohner der Linie 19 beschwert hatten, hat auch die CSU-Stadtratsfraktion das Thema aufgegriffen und eine Anfrage an Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) gestellt. Darin will die Fraktion unter anderem wissen, ob eine bauliche Nachbesserung möglich sei und ob man durch Dämpfungsmaßnahmen einen besseren Schutz erreichen könne.

Derzeit fahren die neuen Variobahnen vor allem auf der Linie 19 zwischen Pasing und St.-Veit-Straße, aber auch auf den Linien 20, 21 und 22. Bei der Linie 19 sollen in diesem Sommer von Juli bis September in Haidhausen und Berg am Laim Gleise und Weichen erneuert werden. Dabei wird laut SWM „grundsätzlich Erschütterungsschutz nach dem aktuellen Stand der Technik eingebaut“. Dadurch verbessere sich die Situation in der Regel, was auch Anwohner bestätigten.

Die Betroffenen sind zunächst erleichtert, dass die SWM auf ihre Beschwerden reagiert und Messungen angekündigt haben - nachdem sich die Anwohner mehrfach an die Stadtwerke direkt und auch an die Bezirksausschüsse gewandt hatten. Mario Baier kritisiert jedoch, dass man ihm immer noch keinen konkreten Termin genannt habe: „Die wollen da schließlich einen ganzen Tag lang Gerätschaften in meiner Wohnung aufstellen.“ Er ist sich sicher, dass die SWM die Messungen noch länger herauszögern wollen, bis die Temperaturen wieder besser seien. Denn besonders schlimm seien die Erschütterungen bei Minustemperaturen.

Moritz Homann und Janina Ventker

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