„Ich bin kein Nestbeschmutzer“

München - Münchens bekanntester Pfarrer muss eine neue Aufgabe schultern: Rainer Maria Schießler übernimmt ab Sonntag die konservative Pfarrei Heilig Geist am Viktualienmarkt - zusätzlich zu seiner Gemeinde St. Maximilian. Ein schmerzhafter Spagat für den unbequemen Musterknaben der Erzdiözese.

Rainer Maria Schießler betritt die Heilig-Geist-Kirche wie ein Tourist. Das Hauptportal fällt dumpf hinter ihm zu, der Trubel des Viktualienmarkts verstummt. Ein paar ältere Herrschaften sitzen ins Gebet versunken in den Bänken. Sie bemerken den stämmigen Mann in der schwarzen Lederjacke gar nicht, der da in abgelatschten Haferlschuhen langsam das barocke Kirchenschiff nach vorne geht, in der Hand eine Plastiktüte aus dem TSV-1860-Fanshop. „Schee is’ scho“, flüstert Schießler in die Stille und betrachtet, den Kopf im Nacken, das Deckenfresko der Gebrüder Asam. „Das wird mein Wohnzimmer sein“, seufzt er. „Im Moment bin ich allenfalls im Hinterhof angekommen.“

An diesem Kirchweihsonntag wird Schießler die Pfarrei Heilig Geist übernehmen - so will es die Erzdiözese München-Freising. Er wird im Messgewand vorn am Altar stehen, inmitten von Stuck, Blattgold und Marmor, und seinen ersten Gottesdienst feiern. Jetzt lässt er sich ratlos in die erste Bank sinken. Schießlers weißes Hemd ist so weit aufgeknöpft, dass es ein goldenes Kreuz auf der breiten Brust freigibt. Der Mann mit den pfiffigen braunen Augen und den widerborstigen Locken weiß, dass er hier vorerst ein Fremder ist. „So sieht also eine Kirche aus“, witzelt er und grinst nervös.

Schießler ist unsicher. Denn er hat doch schon eine Pfarrei, St. Maximilian am Isarufer, die er so sensationell erfolgreich führt, dass sie in der Diözese eigentlich stolz sein müssten. Er ist der Mann, der der katholischen Kirche allen Negativ-Trends zum Trotz Mitglieder zurückgewinnt. Ein unermüdlicher Menschenfischer, ein 51-jähriger Musterknabe. Aber in der Diözese sieht das beileibe nicht jeder so.

Denn Schießler tut nicht, was man von einem katholischen Geistlichen erwarten würde. Und er redet auch nicht so. Er sagt Dinge wie: „Es war so ein scheiß schönes Wetter auf der Wiesn - so anstrengend war’s noch nie!“ Seit sechs Jahren verbringt er seinen Urlaub auf dem Oktoberfest, um im Schottenhamel-Biergarten zu kellnern. Den Erlös spendet er einem Aidswaisen-Hospiz in Afrika. Heuer hat er sich im Bayerischen Fernsehen sogar Gedanken zum Oktoberfest gemacht - „Das Wort zur Wiesn“ in mehreren Folgen.

Alljährlich nach der Christmette schmeißt er mit seinen Ministranten eine Party, zu Hochzeiten und Krankenbesuchen brettert er mit dem Motorrad, einer sportlichen 1200er BMW, er spielt Rocksongs im Gottesdienst. Aus einer Seitenkapelle von St. Max würde er gerne eine Gaststätte mit Biergarten machen. Und ob einer katholisch getauft ist oder nicht, interessiert Schießler nicht, wenn er die heilige Kommunion austeilt.

„Wir sind Verkündiger einer frohen Botschaft, nicht eines Gesetzbuchs - die Kirche muss mitten im Leben stehen“, mahnt der Geistliche, dessen schwielige Hände aussehen wie die eines Zimmermanns: Winzig sieht das Handy in Schießlers Pranken aus, das alle paar Minuten mit der Melodie von „Sweet Home Alabama“ klingelt. „Hallo, hier ist der Pfarrer“, sagt er dann. Er ist immer für jeden da, egal ob geschieden, schwul, lesbisch, Atheist - denn Schießler ist ein Seelsorger, kein Moralist. Er sagt: „Gott ist kein Korinthenkacker, der zählt, wie oft einer in die Kirche geht“ oder „Es gibt nur eine Sünde: die des ungelebten Lebens.“ Saftige Sätze in sanftem Bairisch.

Für all das liebt ihn seine Gemeinde im Glockenbachviertel, die Leute spenden nach seinen Predigten Applaus. Und für all das hat man ihn in der Diözese auf dem Kieker: Etliche Ermahnungen hat er sich schon eingehandelt, der Pfarrer, der gleichzeitig als charismatischer Glücksfall und rebellischer Showman gilt.

Dann, im Dezember 2010 die Anfrage, ob er zusätzlich Heilig Geist als „Pfarradministrator“ übernehmen wolle - ein neuer Pfarrer findet sich seit zwei Jahren nicht. „Ich hatte keine Wahl“, sagt Schießler, dem bewusst ist, dass es sich mit seinem Verständnis von Seelsorge nicht verträgt, seine Kraft aufteilen zu müssen. In seinem neuen Pfarrbrief schreibt er unverblümt: „Im Leben gibt es halt mal keine halben Sachen, vor allem nicht, wenn es um den Menschen geht!“

Tatsächlich scheint es fast so, als wollten die Bistumsoberen das beliebte schwarze Schaf disziplinieren. Aber das Argument ist so bekannt wie schlagend: Priestermangel. Schießler findet, dass dieser Mangel systembedingt ist: „Den Papierkram könnte doch auch ein Laie erledigen - Sache des Pfarrers ist die Seelsorge.“ Er muss sich jetzt um 3000 weitere Gläubige kümmern, zusätzlich zu den 4500 von St. Max. „Das sind doch pastorale Bypässe“, schimpft er. „Wir verwalten den Mangel.“

Natürlich fügt er sich - auch wenn er manches nicht versteht: Warum tut sich seine Kirche so schwer, Bewegung in ihre Strukturen zu bringen? „Ich bin kein Nestbeschmutzer - ich liebe diese Kirche“, stellt er klar, und seine Stirn wirft trotzige Falten. „Darum will ich verhindern, dass sie ein Fremdkörper in der Gesellschaft wird. Wir können uns das nicht mehr lange leisten.“ Dass Papst Benedikt neulich sagte, die Kirche solle sich „entweltlichen“ - dazu könne er nichts sagen, meint er, und sein verzweifelter Blick sagt doch alles.

Nicht jeder sieht die Dinge wie er. Manches neue Schäflein zum Beispiel bockte schon im Vorfeld gegen den Hirten. Die altehrwürdige Pfarrei Heilig Geist zeichnet sich nicht wie St. Max durch relativ junge Mitglieder aus, sondern wird von vielen älteren Gläubigen von außerhalb besucht. Und die haben zum Teil große Angst vor Neuerungen: „Einer hat mich auf der Wiesn regelrecht angeschrien - ich solle mir ja nicht einbilden, etwas zu verändern.“ Zum Beispiel das mit dem Volksaltar: In Heilig Geist wird die Messe noch mit dem Rücken zu den Gläubigen zelebriert - Schießler will das ändern, einen Altar etablieren, der zur Gemeinde schaut. „Aber das steht wirklich ganz unten auf der Liste. Ich habe andere Sorgen - dass ich junge Menschen in den Gottesdienst bekomme. Trotzdem befragen mich alle nur über Nebensachen wie den Volksaltar.“

Im Grunde, sagt Schießler, sei er doch konservativ. Er wolle nur den Geist seiner Jugend bewahren - Schießler ist ein echtes Münchner Kindl und in der Pfarrei „Zu den Heiligen Zwölf Aposteln“ im Stadtteil Laim aufgewachsen. Geborgenheit und Verständnis erfuhr er da: Bei seinem ersten Mal als Ministrant war er so aufgeregt, dass er sich übergeben musste, als der Pfarrer gerade das Allerheiligste emporhob. Voller Scham trollte er sich, doch der Pfarrer meinte nur augenzwinkernd: „Bua, du hast wirklich alles gegeben.“ Da habe er zum ersten Mal gewusst, dass er dazugehört, sagt er.

Der Pfarrer tritt hinaus auf den Hinterhof von Heilig Geist - ein Spalt zwischen den Mauern lässt einen Streifen Herbstsonne herein. Schießler rückt seinen Gartenstuhl ins Licht und schaut durch die Mauer in die Ferne: „Früher, da dachte ich, ich kann im Alleingang die ganze Welt missionieren“, seufzt er. „Die Energie habe ich nicht mehr.“ Aber dann erinnert er sich an den alten Pfarrer, der ihm kurz vor seiner Priesterweihe etwas ganz Einfaches mit auf den Weg gab: „Er sagte: Du bist nicht berufen, wenn du glaubst, dass Gott dich auserwählt hat. Du bist berufen, wenn du d’Leit mogst.“

Schießler mag die Leute. Und er erfüllt seine Pflicht, die eben doch seine Berufung ist: „Hier ist einfach eine andere Kundschaft“, sagt er, während draußen der Viktualienmarkt brummt. „Die Botschaft ist dieselbe, ich muss sie hier halt anders verpacken.“ Er schmunzelt. „Im Grunde bin ich ein Verkäufer, wie die Marktleute auch.“ Wie die Verpackung aussieht, weiß er noch nicht, aber ihm wird schon was einfallen. Am Sonntag werde er erst mal einen „nachdenklichen, feierlichen Gottesdienst halten“, kündigt er an. Der Pfarrer blinzelt nochmal ins Licht, dann steht er auf und verabschiedet sich - er muss in sein neues Wohnzimmer.

Johannes Löhr

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