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Erinnerungen an Bespitzelung und Verrat

Murnauer wollen Stasi-Akten einsehen

Murnau - 40 Murnauer beantragen Einsicht in Stasi-Akten. Anlass ist der Besuch des Behörden-Mitarbeiters Helmut Müller-Enbergs im Staffelsee-Gymnasium. Drei beispielhafte Schicksale:

© Riesenhuber

Reger Austausch: Dr. Helmut Müller-Enbergs im Gespräch mit Schülern des Staffelsee-Gymnasiums.

Mit so einem Andrang haben die Verantwortlichen wohl nicht gerechnet: 40 Murnauer sind gestern Vormittag ins Staffelsee-Gymnasium gekommen, um Einsicht in die Akten zu beantragen, die das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR, kurz Stasi, über sie angelegt hatte. Viele persönliche Erlebnisse und Lebensschicksale stehen hinter den Anträgen, die in den kommenden Monaten bearbeitet werden.

Anlass zu dieser außergewöhnlichen Gelegenheit ist der Besuch von Dr. Helmut Müller-Enbergs. Der wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stasiunterlagen-Behörde in Berlin ist für zwei Tage auf Einladung der Fachschaft Geschichte an das Staffelsee-Gymnasium gekommen. Mit Schülern der elften Klassen wollte er über die Staatssicherheit in der ehemaligen DDR sprechen.

Bespitzelungsmethoden erscheinen heute manchmal plump

Manches von dem, was Müller-Enberg zu berichten wusste, klang für die Jugendlichen wie aus einem alten Spionagefilm. Die Bespitzelungsmethoden, die noch bis in die 80er Jahre verwendet wurden, erscheinen heute, im Zeitalter von Mikroelektronik und Internet, manchmal plump und beinahe zum Lächeln: So seien zum Beispiel Blumentöpfe von links nach rechts gerückt worden, um anzuzeigen, ob eine konspirative Wohnung „sauber“ war. Und es habe Codewörter genauso gegeben wie Verstecke für Mikrofilme auf entlegenen Friedhöfen. Hinter allem habe ein perfides System aus Misstrauen und Verrat gestanden. Der Aufwand der DDR bei der Beobachtung seiner eigenen Bürger sei unvorstellbar gewesen.

Die Seminare, in denen Müller-Enbergs seit 15 Jahren als Referent an bayerischen Schulen darüber redet, stellen für ihn ein wichtiges Korrektiv für seine eigene Arbeit dar: „Beim Umgang mit der jungen Generation, für die das alles ja manchmal so weit weg ist wie die Schlacht von Verdun, sehe ich, was die Schüler verstehen und wo sie Fragen haben.“

Drei beispielhafte Schicksale

Gestern kamen dann diejenigen in die Schule, die das System der DDR mitunter am eigenen Leib erlebt haben. Ein Murnauer Geschäftsmann, der sechs Jahre lang für einen Versicherungskonzern in Dubai lebte, wurde auf Flügen mit der „Interflug“, der Fluggesellschaft der ehemaligen DDR, regelmäßig von einer Stewardess ausgefragt. „Nun wollte ich doch mal wissen, was die über mich zusammengetragen haben“, erklärte er. Veit Volwahsen stellte einen Antrag für seinen 1988 verstorbenen Vater, den Künstler Herbert Volwahsen. „Mein Vater ist 1953 nach einer Ausstellung im Westen Deutschlands nicht in die DDR zurückgekehrt.“ Mit Sicherheit wurde er von der Stasi beobachtet, genauso wie Stefan Kern, der seit 23 Jahren in Murnau lebt. Er hatte im September 1989 in Plauen die erste Massendemonstration in der DDR beantragt - und war daraufhin von den Behörden abgeschoben worden. „Zunächst wollte ich einfach damit abschließen“, erzählte er. „Inzwischen sage ich mir, dass auch diese Erlebnisse ein Teil meines Lebens sind - und man sollte schon wissen, was da gewesen ist.“

So wie Kern ging es auch anderen Bürgern, die in die Schule gekommen waren: Am liebsten würden sie die Vergangenheit ein für alle Mal vergessen. Aber für Müller-Enbergs ist klar: „Die Geschichte kann man nicht abschließen.“

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