Ein hochbegabter Stalker

Ein hochbegabter Stalker

029.01.10|MünchenFacebook
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München - Thorsten B. kann keine normale Beziehung pflegen. Er ist Autist, hat Sinologie studiert und beherrscht 23 Fremdsprachen. Seit über vier Jahren verfolgt er Nathalie A. - und saß deswegen schon in U-Haft.

Natalie A. (21) war jahrelang das Opfer eines Stalkers. Er beobachtete sie ständig und überall: an der U-Bahnstation, an der Schule und später dem Ausbildungsplatz, vor der Uni-Reitschule, wo die Pferdenärrin ihrem Hobby nachging. Ein Kontaktverbot half nichts, Angehörige begleiteten das Mädchen schließlich überall hin. Thorsten B. (31) hat das Asperger Syndrom, eine Form des Autismus, diagnostizierte ein Psychiater vor dem Amtsgericht. Normale zwischenmenschliche Beziehungen sind dem Studenten verwehrt.

Ob das Asperger Syndrom eine Krankheit oder noch eine Normvariante menschlicher Verhaltensweisen ist, darüber streitet die Wissenschaft. Jedenfalls aber reagieren die Betroffenen sozial und emotional „unangemessen“, fanden Psychiater heraus. Ihre intellektuellen Fähigkeiten sind dafür oft weit überdurchschnittlich. Das trifft auch auf den Angeklagten zu: Er hat nach den Rechtswissenschaften Sinologie studiert und beherrscht 23 Fremdsprachen. Allerdings hat er sich hauptsächlich der Grammatik gewidmet und nicht der Konversation, was seiner Störung entspricht.

Der hochbegabte junge Mann hatte 2005 an der U-Bahnstation Olympiazentrum die damals 17-jährige Natalie gefragt, ob sie Kontakt zu ihm wünsche. Das Mädchen verneinte, doch Thorsten B. ließ nicht locker. Es entwickelte sich eine Beziehung, die nach eigener Einschätzung des Angeklagten „Züge von Stalking“ hatte. Natalies Eltern erwirkten ein Kontaktverbot, das zwei Mal verlängert wurde – der Ex-Jurastudent bombardierte die Justiz mit Einsprüchen und Beschwerden und blieb der jungen Frau hartnäckig auf den Fersen. Die Familie schaltete vergeblich einen Anwalt ein und organisierte schließlich einen regelrechten „Begleitservice“ für das verängstigte Mädchen. Natalie A.: „Unser ganzes Leben war beeinträchtigt.“.

Die angehende Erzieherin ging nach Kamerun, um ihrem Verfolger zu entgehen. Daraufhin wurde Thorsten B. nach acht Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen – keine Wiederholungsgefahr. Doch seit Dezember ist Natalie zurück und fürchtet nun, „dass es wieder los geht“. Denn dem laut Gutachten in seiner Schuldfähigkeit stark eingeschränkten Ersttäter wurde die Aussetzung seiner 15-monatigen Strafe zugebilligt. Der Angeklagte bekam zur Auflage, bei MAUT, einer Einrichtung für Autisten, eine Therapie zu machen.

S. List

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