- Birgitta Wolf, der "Engel der Gefangenen", wird 90 Jahre alt - Menschlichkeit und Hilfe
Murnau - Viele kennen sie unter dem Namen "Engel der Gefangenen", engagiert und couragiert setzt sie sich für eine humanere Gestaltung des Strafrechts und seines Vollzugs ein. Am kommenden Dienstag, 4. Februar, wird Birgitta Wolf, die am Rande der Marktgemeinde Murnau lebt, 90 Jahre alt. Die rüstige Dame von adeliger Herkunft (siehe Kasten) setzt auf Menschlichkeit und Hilfe, um den Rückfall von Ex-Häftlingen in die Kriminalität zu verhindern. Gelassen nahm sie das jahrelange Misstrauen der Murnauer hin, das sie wegen der zwielichtigen Gestalten, die sie zeitweise beherbergte, begleitet hat. Das Tagblatt sprach mit Birgitta Wolf über ihr Lebenswerk.
Seit Anfang der 50er Jahre setzen Sie sich für Gefangene und Ex-Häftlinge ein. Wie kam es dazu?
Birgitta Wolf: "Das fing schon in der Kindheit an. Ich lebte unbeschwert auf einem Schloss, hatte weder praktische noch seelische Probleme. Ich empfand den Unterschied zwischen meiner Situation und der der Arbeiterkinder als ungerecht. In den Arbeiterfamilien herrschte Armut in all ihren Facetten. So fing ich an, diesen Menschen zu helfen. Sowas spricht sich natürlich rum. Immer mehr baten mich in Briefen um Unterstützung - darunter auch viele Gefangene beziehungsweise deren Familien. Das Problem der Straffälligkeit ist eng mit der Armut verbunden. Wenn große Not herrscht, dann kann es sein, dass es ein Familienvater nicht aushält, ohne Essen nach Hause zu kommen - und er wird zum Dieb."
Wie haben sich die Bedingungen im Strafvollzug geändert?
Wolf: "Auf Druck von außen hat sich der Strafvollzug ändern müssen. Die Justiz hat in den vergangenen 30 Jahren zunehmend eingesehen, dass zivile Helfer für die Betreuung notwendig sind. Dies können die Strafvollzugsbeamten angesichts ihrer vielen Pflichten nicht zusätzlich leisten. Es ist auch wichtig, dass Entlassene freundlich aufgenommen werden und ihnen nicht nur ihre Straftaten immer wieder vorgehalten werden. Der Gefangene braucht einen Menschen, vor dem er sich nicht schämen muss und mit dem er offen sprechen kann. Nur wenn sich Vertrauen aufbaut, kann geholfen werden. Dadurch lassen sich Rückfälle in die Kriminalität oft vermeiden."
Welche menschlichen Erfahrungen haben Sie durch Ihre Arbeit gewonnen?
Hat es jemals einen Fall gegeben, bei dem Sie angesichts der Brutalität der Straftat nicht helfen wollten?
Wolf: "Ich bin oft enttäuscht worden und war oft erschrocken. Je schwerer die Tat, desto wichtiger ist es, den Menschen nicht im Stich zu lassen. Man kann Brutalität nicht mit Brutalität bekämpfen. Der Straftäter muss sich fragen: Wieso ist da jemand, der mich trotz meiner schweren Verbrechen gern hat? Jeder Straftäter, der nicht krankhaft gesteuert ist, kann sich bessern."
Wie gehen Sie mit der Kritik um, dass der Opferschutz viel wichtiger wäre?
Wolf: "Opfer und Täter brauchen Hilfe. In beiden Fällen kann Positives bewirkt werden."
War es nicht schwierig, die Öffentlichkeit von Ihrer Arbeit zu überzeugen?
Wolf: "Mir schlug anfangs sehr negative Stimmung entgegen. Es hieß: Die verkehrt nur mit Verbrechern. Wenn man sich jedoch jahrzehntelang engagiert, dann werden die Menschen hellhörig. Dann merken sie, dass sie mit ihrem Elternhaus und ihrer Kindheit Glück gehabt haben und deshalb nie in die Versuchung geraten sind, straffällig zu werden."
Am kommenden Dienstag werden Sie 90 Jahre alt. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Wolf: "Ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe und meine Arbeit weiterführen kann. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Briefe von Gefangenen und ehemaligen Häftlingen bekomme. Inzwischen befinden sich in meinem Archiv hunderte von Briefen aus dem Schriftwechsel mit Gefangenen, Behörden, Juristen und Politikern."
Das Gespräch mit Birgitta Wolf führte Tagblatt-Redakteur Andreas Seiler.
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