Mit Knödeln gegen Kampf-Jets

Mit Knödeln gegen Kampf-Jets

228.07.09|München|2 KommentareFacebook
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München - Die Geschichte von David gegen Goliath hat eine Münchner Variante: Im Jahr 1967 platzte Helmut Winter wegen des Fluglärms über seinem Haus der Kragen – und er gelangte als „Knödelschütz’ von Pasing“ zu internationalem Ruhm.

Helmut Winter

Von Johannes Löhr

Es müssen hunderte Knödel gewesen sein, die Elisabeth Winter im Februar 1967 gedreht hat. „Ich hab’ lange probieren müssen, bis sie hart genug waren“, erinnert sich die 76-Jährige und ihr Mann stimmt zu: „Am Anfang hat’s die ja immer gleich zerbröselt.“ Doch im winterschen Test-Labor, der Küche, mauserten sie sich zur perfekten Waffe gegen eine drückende Übermacht. Noch heute lächelt der rüstige 89-Jährige über seinen Coup: „Im bayerischen Knödel steckt eine geheimnisvolle Kraft.“

Zum Lachen war Helmut Winter nicht zumute, Anfang 1967. „Fast 100 Flieger sind täglich über unser Haus.“ Die Krachmacher: Bundesluftwaffe, Amerikaner, Engländer, Kanadier. Vom Fliegerhorst Fürstenfeldbruck oder aus Manching starteten die Starfighter. „Die haben geübt“, sagt Elisabeth Winter. Und genau über dem Haus des Ehepaars am Falkweg, „da haben sie noch mal durchgestartet. Wir konnten die Gesichter der Piloten im Cockpit sehen.“

Am 4. Februar wurde es dann zu viel: Winter, Werbegrafiker von Beruf, zeichnete gerade mit Tusche, als es wieder einmal knallte, dass das Haus erzitterte. Ein Starfighter hatte die Schallmauer durchbrochen. Winter bekleckerte vor Schreck seine fast fertige Arbeit, sprang auf und rief: „Jetzt langt’s!“ Er rannte zur Anzeigen-Abteilung einer Zeitung und gab folgende Annonce auf: „Flugabwehrgeschütz mit ausreichender Munition gesucht zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung im westlichen Luftraum Münchens, Zuschriften erbeten unter 1/3469 Z.“

„Ich habe das im Affekt gemacht“, beteuert er, „und sicher nicht ernst gemeint.“ Doch wenige Abende später klingelte es an der Tür. „Halb elf war’s. Ich hab’ zu meiner Frau gesagt: Elisabeth, da sind Besoffene.“ Falsch. Die englische BBC war’s, samt Übertragungswagen. Wann Winter denn nun schießen wolle? Ein Interview bitte! Tags darauf kam die amerikanische Presse und wollte alles über den „bevorstehenden Abschuss der Düsenjäger“ wissen.

Wind von der Geschichte hatten die Reporter über den Spiegel bekommen. Das Nachrichtenmagazin hatte Winters Anzeige auf der Kuriositäten-Seite „Hohlspiegel“ veröffentlicht. Jetzt wusste die ganze Welt davon. „Aber ich wusste nicht, was ich tun soll.“

Während Winter überlegte, fielen vor seinem Haus unauffällige Herren in Mänteln auf. „Die waren vom Geheimdienst.“ Kein Wunder: Auf die Annonce bekam er jede Menge ernst gemeinte Antworten. August W. aus Wolfratshausen bot eine „komplette Vierlings-Flak mit 5000 Schuss Munition“ an. Carl J. aus dem Isarwinkel eine 15-cm-Flak – damit Winter die Amis vom Himmel hole, „am besten auch im Münchner Osten“. Winter, der im Krieg an der Ostfront gekämpft hatte, graut es bei dem Gedanken: „Die hatten die Waffen in Scheunen versteckt. Das Schlimmste, was mir angeboten worden ist, war eine Boden-Luft-Rakete. Von Privat.“

Winter war genervt, aber er ist ein friedlicher Mensch. „Ich wusste: Ich muss schießen, aber es darf nicht kriegerisch sein.“ Dann kam ihm die rettende Idee: Von einem Schreiner ließ er ein altertümliches Katapult, eine „Balliste“ aus Eschenholz bauen – und Frau Winter kochte Knödel.

Die Presse bekam, was sie verlangte: „Die Schleuder hatte eine Reichweite von gut 60 Metern“, sagt Winter. Damit kam er zwar nicht in die Nähe der Flieger, aber die Medien berichteten über den Mann, der mit Knödeln kämpfte. Ein Film-Beitrag wurde in 72 Ländern ausgestrahlt.

Und Winter gewann: Major Donald Murphy empfing ihn mit allen Ehren und unterbreitete ein Kapitulationsangebot: Man werde sich künftig Überschallflüge über der Stadt sparen. Die Deutschen änderten ihre Route wenig später. Major, General und drei Piloten aus Fürstenfeldbruck trafen sich am Falkweg zum Knödelessen. Winter hatte geschafft, was hunderte Lärm-Opfer mit Briefen nicht geschafft hatten. US-Zeitungen wie die New York Times oder der San Francisco Chronicle berichteten auf der Titelseite: „Dumpling Attack Routs Luftwaffe“ – „Knödelattacke schlägt Luftwaffe in die Flucht“. Newsweek druckte gar das Rezept für die „Ballistic Knödels“ ab. US-Leser schickten Dollar-Noten für Munition. Winter lacht. „Die Amis waren überrascht: Endlich mal ein Deutscher mit Humor.“

Heute gilt Winter als Urvater aller Bürgerbegehren. Er trat in Talk-Shows auf, erhielt Auszeichnungen, nahm sogar ein Lied auf: „Ich bin der Knödelschütz’ von Bayern“. Sein Kampfgeist erlosch nie: Im Jahr 1972 verbrannte er aus Protest gegen das geänderte Rundfunkgesetz seinen Fernseher vor dem Maximilianeum. Und wenn er an die heutige Rentengesetzgebung denkt, „dann frage ich mich schon, warum nicht mal einer nach Berlin fährt und denen die Schreibtische umdreht“.

Bürgerliches Engagement und Humor vermisst Winter heute. „Die meisten meckern nur und tun nichts.“ Damit mehr Menschen Lust auf zivilen Ungehorsam bekommen, schenkt er seine Balliste nun dem „Wirtshaus in der Au“, wo sie gebührend ausgestellt wird. Ist er stolz auf das, was er erreicht hat? „Ach wo.“ Winter winkt ab. „Ich schon“, sagt seine Frau Elisabeth. „Und er auch. Er gibt’s nur nicht zu.“

Die Waffen-Übergabe

findet am Freitag um 18 Uhr im Wirtshaus in der Au, Lilienstraße 51, statt.

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