Olympia-Grundstücke: Keine Einigung in Sicht

Offensive für Olympia: „Dschingdarassabumm“ statt Frieden

827.07.10|Garmisch-Partenkirchen|96 KommentareFacebook
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Garmisch-Partenkirchen – Ein Herz für Olympia: Per Charme-Offensive wollte die Staatsregierung die Bewerbung um die Winterspiele 2018 retten. Das ganze Kabinett tagte in Garmisch-Partenkirchen, schwang Spaten und verkündete Wohltaten. Die Fronten bleiben aber verhärtet.

© dpa

Repräsentativ: Ministerpräsident Horst Seehofer (M. ) sitzt zu Beginn der Kabinettssitzung mit seinen Ministern im Gemeindesaal des Rathauses von Garmisch-Partenkirchen.

Oben auf dem Hügel tun sich vor Horst Seehofer zwei dicke Baustellen auf. Vorne der Kramertunnel, Baubeginn einer neuen Ortsumgehung. Dahinter das Bergpanorama mit der Kandahar-Abfahrt, Symbol für die Olympia-Bewerbung. Bei der Baustelle 1 helfen Spaten und Defiliermarsch. Bei der Baustelle 2 hilft bald nur noch ein Wunder.

Seehofer schiebt sich langsam Richtung Rednerpult. „Ein schöner, ein guter Tag für Garmisch-Partenkirchen“, sagt der Ministerpräsident. Er hat sein ganzes Kabinett mitgebracht, selbst für CSU-Verhältnisse ein ungewöhnlicher Aufmarsch. Im Werdenfelser Land müssten an diesem Tag die Spaten und weißblauen Schleiferl ausverkauft sein, würde der Bau diesmal nicht per Knopfdruck begonnen. Über der Festveranstaltung schwebt, neben grauen Regenwolken, aber immer die heikle Frage nach Olympia.

Dass die komplette Regierung ins Werdenfelser Land reist, ist schon lange geplant, platzt jetzt aber in eine heikle Phase. Die Grundstücksverhandlungen im Ort stocken. Die Weigerung einiger Grundbesitzer, Flächen für die Olympia-Anlagen zu verpachten, gefährdet einen möglichen Erfolg der Kandidatur ernsthaft. Es geht um ein Athletendorf, die Sportstätten, das Medienzentrum. Der Routinebesuch mit der externen Kabinettssitzung wenig später wird deshalb zur groß angelegten Charmeoffensive, beidseitig. Landrat Harald Kühn (CSU), mit dem ganzen Kabinett per Du, umschmeichelt „Horst, den Herrn der Ringe“ – der olympischen natürlich. Jedem Minister lässt er im Sitzungssaal einen Liter Ammergauer Alpenmilch hinstellen, eine saftige Erdbeere, eine Jutetüte und die Werbebroschüre „Vielfalt in vier Talschaften“. Sogar das Goldene Buch des Landkreises liegt aufgeschlagen vor Seehofer. Was offenbar eine besonders seltene Ehre ist: Würde der Regierungschef zwei Seiten zurückblättern, stieße er auf den Eintrag des Bundespräsidenten Karl Carstens, 1981.

Bürgermeister Thomas Schmid schleppt seine Amtskette und ein joviales Lächeln durch den ganzen Tag. Er lässt das Kabinett in seinem Rathaus tagen, großer Sitzungssaal, dicke Schinken mit Bergmotiven an den Wänden. Vor der Tür passt eine Eishockeyjugendmannschaft in voller Montur Seehofer ab. So was taugt dem Regierungschef. „Könnt’s ihr mal a bisserl auf die Journalisten da vorne losgehen?“, ruft er das Team feixend auf.

Die Harmonie aber ist in erster Linie Fassade. In Wahrheit ist die Lage ernster. Das Klima ist politisch belastet, es gibt Reibereien im Ort zwischen dem Bürgermeister und den Eigentümern. Viele akzeptieren ihn nicht als Vermittler. Er wittert Rachegelüste nach der letzten Wahl hinter manchen Auseinandersetzungen. Andere wiederum werfen Schmid vor, zu wenig kommuniziert zu haben. Er habe die Grundbesitzer kaum eingebunden, seinen Gemeinderat schon gar nicht.

Der streitbare Bürgermeister, aus der CSU ausgetreten und in eine Art Konkurrenzveranstaltung („Christlich Soziales Bündnis CSB“) gewechselt, gilt auch manchen im Kabinett als Problem. Man sagt das nicht offen, aber „der Schmid und die Olympia-Gesellschaft, die haben’s versaubeutelt“, faucht ein Münchner Regierender leise im Treppenhaus des Rathauses. Ein riesiger Büffel hängt hier an der Wand, ausgestopft, Geschenk einer Patenstadt in den USA. „So“, sagt einer und zeigt auf das gehörnte Tier, könne man halt heikle Gespräche nicht angehen. In der Kabinettssitzung gibt es, so berichten Teilnehmer, auch Kritik am Geschäftsführer der Kandidatur, Willy Bogner, und an Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Von „Unfähigkeit, mit Leuten zu kommunizieren“, ist die Rede.

Seehofer hatte vor wenigen Wochen die Olympia-Bewerbung zur Chefsache gemacht. Das Problem in Garmisch, verkündete er voreilig, müsse bis zur Kabinettssitzung Ende Juli gelöst sein. Vorerst steht er ohne Lösung da. Der Landrat raunt den Promi-Gästen auch noch zu, er erwarte ein Bürgerbegehren gegen Olympia. Die Unterschriftensammlung laufe an.

Die Sitzung im schönen Rathaus bleibt ohne krachenden Durchbruch. Am Vorabend noch hat die Staatskanzlei den Ministern einen eiligen Vermerk zukommen lassen, der allerdings nicht mehr ist als eine Durchhalteparole. Der eben erst ausgestandene Ärger um Oberammergau, das Ausweichen auf das staatliche Gestüt Schwaiganger sei „keine Schwächung des Bewerbungskonzepts“, steht darin. Oder dass man in Garmisch jetzt noch über Flächen der Bahn verhandle.

Erkaufen kann sich die Zustimmung der Bevölkerung zum Megaprojekt Olympia eh keiner. Es wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass Seehofer den Baubeginn am Kramertunnel vornimmt. Akzeptiert wird auch, dass die Staatsregierung ein „Zentrum für Nachhaltigkeit“ im Ort plant, mit ausdrücklichem Olympia-Bezug. Und den Titel als Modellregion für Elektromobilität verspricht. Die Kandidatur aber bringt das keinen Quadratmeter weiter.

Es geht vor allem um atmosphärische Entspannung, um ein Ende der negativen Schlagzeilen über mangelnde Einbindung. Als Seehofer aus Schmids schmuckem Saal kommt, ein paar Notizen auf gelbem Papier vor sich, sagt er mit vielen Worten wenig. „Nerven behalten“, rät er den Kommunalpolitikern, „nicht in falsche Hektik treiben lassen“. Von den Beteiligten fordert er „ein Stück mehr Patriotismus“ und weniger „Dschingdarassabumm“ ein.

Eine neue Zeitvorgabe will Seehofer jetzt nicht nennen, der Frage nach mehr Geld für die Grundeigentümer weicht er aus. Vermutlich wird der Regierungschef selbst in die Gespräche eingreifen. Er kenne die Bauern alle aus seiner Zeit als Landwirtschaftsminister, sagt er: „Das sind keine Schachfiguren, die Bürger von Garmisch-Partenkirchen. Wir müssen sie ernst nehmen.“

Christian Deutschländer / Matthias Holzapfel

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