Massenhausen/München – Nachdem die Produktion weiter ruhen muss, wird die Situation bei Müller-Brot immer dramatischer. Den Pächtern wurde mitgeteilt, dass ihre Kautionen verloren sind. Der Bürgermeister von Neufahrn rechnet mit hunderten Entlassungen. Und ein Start der Produktion scheint erst in zwei bis drei Wochen möglich zu sein.

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Oliver Deringer
Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent nach dem Bekanntwerden des Hygiene-Skandals beklagen sie. Der Insolvenzantrag hat die Verunsicherung gesteigert. Und dann wurde am Freitag auch noch die Produktion in Neufahrn nicht wie erwartet von den Behörden freigegeben. „Das ist ein Desaster“, schimpfte ein Pächter. An manchen Filialen hängen unter dem Müller-Brot-Logo schon selbstgemalte Schilder, auf denen „Wir verkaufen kein Müller-Brot!“ steht. Auch auf der Pächterversammlung machten Teilnehmer deutlich, dass sie ihre Semmeln am liebsten nicht mehr unter dem Namen verkaufen würden. „Es gab viel Gerede um das Müller-Emblem“, erzählte hinterher ein Pächter aus Erding.
Mit einer Freigabe der Produktion durch die Behörden rechnet man offenbar nicht in dieser Woche. Dem Vernehmen nach ist ein Termin in zwei bis drei Wochen wahrscheinlich. Ein Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters sagte gestern unserer Zeitung, dass die Reinigungsarbeiten jetzt „neu strukturiert und fortgesetzt“ würden. Am Freitag waren bei der Kontrolle erneut „Ungeziefer wie Schaben und Käfer sowie auch Mäusekot“ gefunden worden. Auch in Bereichen, in denen bereits am Samstag wieder produzieret werden sollte, wurden Schädlinge festgestellt.
„Wenn nicht gearbeitet wird, ist das der Super-Gau“, sagte Freddy Adjan, der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gestern. Immerhin: Die Löhne für die Beschäftigten sind durch das Insolvenzausfallgeld zunächst sicher. Offenbar sollen so auch ausstehende Gehälter rückwirkend bezahlt werden.
„Von der Firma Müller-Brot werden sie das Geld nicht kriegen“, sagte der Münchner Anwalt Wolfgang Bengen, der Pächter vertritt, am Sonntag. „Wo nichts ist, kann man auch nichts holen.“ Er sagte: „Die Leute haben unheimlich viel Geld investiert in eine Marke, die einen guten Ruf hatte. Jetzt ist die Marke zerstört – oder zumindest massiv beschädigt.“
Wie viel Schaden die Marke Müller-Brot durch den Skandal genommen hat, da gehen die Meinungen noch auseinander. Klar ist: Die Situation wird immer dramatischer. „Wir verfügen über nahezu keinerlei Liquidität mehr“, hatte Ampferl schon am Freitagabend gesagt. Es soll einen Kauf-Interessenten geben, der auch das Filialnetz im Auge hat. Bei einem Verkauf würden die Pachtverträge nicht unbedingt gültig bleiben. Anfang dieser Woche soll es Gespräche geben. Am Dienstag will Ampferl erklären, wie es weitergeht.
Das Ziel wird zunächst sein, das Filialnetz aufrecht zu erhalten und Geld für die weiter nötigen Reinigungsarbeiten zusammen zu bekommen. Schon am 1. April könnte das eigentliche Insolvenzverfahren eröffnet werden. Vorerst ist die Situation für alle Beteiligten vor allem eines: unsicher. Neufahrns Bürgermeister Rainer Schneider (Freie Wähler) ist bisher einer der wenigen, die offen von bevorstehenden Massenentlassungen sprechen. „Einige hundert Mitarbeiter werden wohl freigestellt“, sagte er – für den 20 000 Einwohner-Ort ein „Riesenproblem“. Der Sprecher von Hubert Ampferl teilte unserer Zeitung gestern mit, eine Rettung des Unternehmens sei „nach wie vor möglich“. Besonders optimistisch klingt das nicht mehr.
Felix Müller und Alexander Fischer
Das Drama der Pächter
Oliver Deringer (42), Pächter einer Müller-Brot-Filiale in München, ist verzweifelt. „Wir haben alles verloren“, sagt er der tz. Nach dem Skandal in Neufahrn hatte er gehofft und noch mehr gearbeitet – doch die Worte von Insolvenzverwalter Ampferl trafen ihn am Samstag „wie ein Blitz“. Deringer war mit seiner hochschwangeren Frau Dulni (29) bei der Versammlung in Massenhausen. Dort erfuhren sie, dass ihre 15 000 Euro Kaution weg sind: „Obwohl die Geschäftsleitung uns vor 14 Monaten versprochen hatte, das Geld auf ein separates Konto anzulegen.“ Für den 42-Jährigen eine Frechheit. Die Hälfte des Geldes, das er als Sicherheitsleistung hinterlegen musste, hatte er angespart, für den Rest nahm er einen Kredit auf. Er und seine Frau stehen jetzt vor dem Nichts. „Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, sagte er.
svs
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