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Das Sündenregister von Müller-Brot: So oft wurde kontrolliert

Ekel-Akte Müller: Protokoll des Versagens

Neufahrn - Jahrelang schwiegen die Behörden über die Hygienemängel bei Müller-Brot. Am Donnerstag legte das Landratsamt offen, was bei den zahlreichen Kontrollen in Neufahrn festgestellt wurde. Unterdessen will die Großbäckerei schon bald wieder produzieren.

© dpa

Immer mehr Details zum Hygiene-Skandal um Müller-Brot kommen ans Licht.

„Bitte gebt uns und unseren Kollegen eine zweite Chance“, so hat es Müller-Brot diese Woche im Internet geschrieben. „Wir werden Euch nicht enttäuschen.“ Für viele Kunden kommt die Bitte zu spät. Das Vertrauen hat gelitten – auch weil die Missstände erst so spät öffentlich wurden. Diese Verzögerungstaktik wird auch den Behörden vorgeworfen, die Müller-Brot seit Jahren im Visier haben. Erst gestern gab es eine umfangreiche Mitteilung des Landratsamts Freising.

Was die Kontrolleure über die Jahre zu sehen bekamen, ist eklig. Insgesamt 21 Mal wurde die Großbäckerei unangemeldet kontrolliert, erstmals am 9. Juli 2009 – unter Mitwirkung der Spezialeinheit des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Diese Einheit war nach dem Gammelfleisch-Skandal gegründet worden. Auch Kontrolleure der Regierung von Oberbayern waren bei diesem ersten Termin in Neufahrn dabei. Festgestellt wurden „mittelgradige Mängel“ – Details werden nicht angegeben.

Die Kontrolleure ordneten diverse Maßnahmen an – doch Müller-Brot kam denen nicht nach. Fünf Monate später wurde deshalb das erste Bußgeld fällig: Insgesamt musste das Unternehmen seither 69 000 Euro zahlen. Doch dabei blieb es nicht: Im März 2010 berichteten die Kontrolleure erstmals von „gravierenden Mängeln“. Sechs Mal mussten seit dem 2. Oktober 2010 Lebensmittel vernichtet werden. Das letzte Mal am 30. Januar 2012, dem letzten Tag der Produktion. In drei Fällen musste sogar ausgelieferte Ware zurückgerufen werden. Betroffen waren nach Angaben des Landratsamts unter anderem „Teig, Toastbrot sowie frische Backwaren und tiefgefrorene Teiglinge“.

Gewissensfrage: Das sagen die Behörden zum Brot-Skandal

Der Großbäcker vernichtete die Ware selbst – sonst wären die Behörden aktiv geworden. Zur Menge der zurückgerufenen Waren wollte man sich nicht näher äußern. Eine Sprecherin des Landratsamtes sagte aber: „Wir reden sicherlich nicht von haushaltsüblichen Mengen.“ Bekannt wurde auch, dass Fremdkörper wie Papierschnipsel und Kunststofffasern vom Förderband in Backwaren gefunden wurden.

Ende 2011 verschlechterte sich die Situation in der Fabrik dramatisch. Mit einer Schließung des kompletten Betriebs drohten die Behörden das erste Mal am 19. Dezember 2011. Teile der Produktion wurden gesperrt, wieder mussten Backwaren vernichtet werden. Die Lebensmittel selbst seien zu diesem Zeitpunkt „in Ordnung und gesundheitlich nicht bedenklich“ gewesen, betont eine LGL-Sprecherin. Anfang Januar schien das Unternehmen auf die Anordnungen reagiert zu haben, es wurden „Verbesserungen der allgemeinen Hygiene“ festgestellt. Doch nur wenige Wochen später mussten bei einer weiteren Kontrolle „Produktionsanlagen für eine Grundreinigung stillgelegt“ werden, erneut wurden Waren weggeworfen.

Am 30. Januar reichte es den Kontrolleuren. „In nahezu allen Produktionsbereichen waren Schädlinge und Mäusekot feststellbar“, heißt es. Erstmals auch in Zutaten wie Mehl, sagt die LGL-Sprecherin. „Es zeigte sich, dass durch Einzelmaßnahmen keine dauerhafte Sanierung während des Betriebs möglich war“, schreibt das Landratsamt. Die Produktion wurde gestoppt – Müller-Brot reinigt seither den Betrieb in Neufahrn und baut ihn um.

Damit will das Unternehmen offenbar bis kommenden Freitag, 17. Februar, fertig sein. Das Landratsamt meldete gestern, dass Müller-Brot für diesen Tag um einen erneuten Abnahmetermin gebeten hat. Geben die Kontrolleure grünes Licht, könnte die Großbäckerei wieder produzieren. Müller habe erklärt, ein „fachkompetentes, renommiertes Beratergremium“ installiert und einen Maßnahmenkatalog erarbeitet zu haben.

Müller-Brot selbst bezeichnete die Krise als „Chance für einen grundlegenden Neustart“. In einer Mitteilung vom Donnerstagabend heißt es weiter: „Erklärtes Ziel der Unternehmensführung ist es, am Ende das Vertrauen der Verbraucher wiederzugewinnen.“

Obwohl ein Neuanfang scheinbar näher rückt, ist die Verunsicherung bei den Mitarbeitern groß. Wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mitteilt, werden sich heute NGG-Vertreter mit der Geschäftsleitung treffen. Auch der Mehrheitseigner, Klaus Ostendorf, habe sein Kommen zugesichert.

Unterdessen plant die Interessenvertretung der Pächter aller betroffenen Müller-Brot-Filialen, sich zu einer „unverbindlichen Informationsveranstaltung“ zu treffen. Dort sollen alle auftretenden Fragen zur derzeitigen Situation von einer Münchner Anwaltskanzlei beantwortet werden. Die Aktion diene der Existenzerhaltung der Filialpächter und deren Angestellten und richte sich nicht gegen Müller-Brot, betont die Interessenvertretung. Alle Pächter, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen, sollen sich melden. Ort und Termin werden ihnen dann bekannt gegeben. Die Interessenvertretung ist per E-Mail zu erreichen unter paechtervertretung@freenet.de oder telefonisch unter der Nummer 0160/93 28 72 01.

Patrick Wehner, Thomas Schmidt und Felix Müller

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