Er könnte jetzt stundenlang den Katalog der Besamungsstation Greifenberg wälzen, sich einen ganz besonderen Stier heraussuchen, der gute Melkbarkeit vererbt oder viel Milchmenge verspricht. Doch dafür hat Alois Häuserer gerade überhaupt keine Zeit. Der 53-Jährige ist beim Melken, außerdem sind in elf Tagen elf Kälber zur Welt gekommen, die versorgt werden wollen. Deshalb brüllt er Tierarzt Werner Zöller nur kurz im Stall zu: „Ich brauche einen Stier für eine einfache Geburt.“
Doch das will Häuserer nicht. Da lässt er lieber noch einen Stier ran. Derzeit hat er sogar einen im Stall, ausnahmsweise. Denn eigentlich hat er gar keinen Platz für einen Stier. Doch ein vor einiger Zeit bei ihm geborenes männliches Kalb, dessen Mutter genetisch hornlos ist, hat er kurzerhand behalten und nicht zum Mäster gegeben. „Wenn die Stiere größer werden, sind sie aggressiver, auch gegen meine Frau“, erklärt Häuserer, warum er sonst nicht auf einen eigenen Stier setzt. Der jetzige Jungspund darf sich in Resis Nachbarbox austoben – da sind auch Rinder drin, die erstmals trächtig werden sollen. „Wenn die künstliche Befruchtung nicht klappt, kann er den Rest erledigen“, sagt der Landwirt und lacht.
Dass die Befruchtung nicht klappt, ist nämlich gar nicht so selten. 60 bis 70 Prozent beträgt die Erfolgsquote, sagt Fachmann Zöller – das erklärt auch die häufigen Besuche. Schließlich muss die Kuh oder das Rind auch empfängnisbereit sein, „rindrig“, wie Häuserer sagt. Die Anzeichen sind deutlich: „Wenn sie bei einem anderen Tier aufbockt, ist das ein sicheres Anzeichen, dass etwas im Busch ist.“ Und wenn andere bei ihr aufspringen und sie dabei ruhig bleibt, sei der Fall klar. So war das auch bei Resi, die mit ihren knapp eineinhalb Jahren laut Häuserer im normalen Alter für die erste Belegung ist.
Während der Landwirt weiter im Stall werkelt, öffnet Zöller seine Samenbank: ein kleiner Behälter auf der Rückbank seines Autos, gefüllt mit unzähligen Proben von Bullensperma, gekühlt bei 196 Grad kaltem flüssigen Stickstoff. Zöller ist quasi eine Außenstelle der Besamungsstation Greifenberg. Alle zwei Wochen kommt Nachschub, dann treffen sich die Abnehmer wie Zöller am Montagfrüh auf dem Schongauer Aldi-Parkplatz und füllen ihre Vorräte auf. Und das sind einige: Samen von geschätzt 100 Stieren hat Zöller immer dabei, mit allen möglichen Rassen und genetischen Sperenzchen.
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Für Resi allerdings ist die Auswahl überschaubar. Ein Braunvieh-Stier soll es sein, dann wie gefordert soll er als Vererbungsmerkmal eine leichte Geburt haben, was für Erstgebärende wie das Kalb wichtig ist – das schränkt die Auswahl ein. Und natürlich die Inzucht nicht zu vergessen: Resis Vater war Juleng, ebenfalls ein Stier aus Greifenberg. Deshalb scheidet Jusuf aus, obwohl er für Zöller eigentlich erste Wahl gewesen wäre. Die Anfangsbuchstaben gegen immer die Vererbungslinien weiter.
Schließlich zieht der Tierarzt eine winzige Probe von Stier Patriot aus seiner Stickstoff-Box. Den hält er für passend. Im Stall zieht er sich erst einmal akkurat den langen Plastikhandschuh über den linken Arm – er muss schließlich bis zum Anschlag in Resis Hinterteil greifen. Danach zieht er die lange, dünne Spritze auf, reibt den Inhalt warm – und dann muss es schnell gehen. „Das Sperma darf nicht mehr abkühlen“, erklärt er, während er zu Resi eilt. Bauer Häuserer hat das Kalb schon in der Futterluke fixiert und hält ihren Schwanz zur Seite, während Zöller den Darm freiräumt. Dann ertastet er die Gebärmutter, mit der rechten Hand kommt die Spritze – fertig. Resi ist ganz ruhig geblieben, Häuserer ist zufrieden: „Sie hat einen Buckel gemacht, das ist ein gutes Zeichen“, glaubt er. „Und wenn es bis zum Frühjahr nicht klappen sollte, kommt sie eben auf der Weide in den Genuss des Stiers.“ Dann ganz natürlich.
Boris Forstner


© Hans-Helmut HeroldGekühlt in flüssigem Stickstoff hat der Tierarzt immer hunderte Spermaproben dabei.










