Eingespieltes Team: Sabine Kerschbaumer (lila Pullover) begleitet Simon (2.v.r.) durch den Schulalltag. foto: sak

Schulbegleiter an der Mittelschule Peiting: Simon ist nicht allein

Peiting - Sabine und Simon aus der 6 b sind ein eingespieltes Team. Aber Sabine (45) ist nicht tausendmal sitzengeblieben, sie ist die Schulbegleiterin des Elfjährigen.

Kinderlachen dringt vom Klassenzimmer der 6 b in den Gang der Peitinger Mittelschule. Als Klassleiterin Brunhilde Kolb den Raum betritt, geht das Lachen in Flüstern über. Ein Glöckchen erklingt, Stille. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Simon nicht von den anderen Kinder. Das einzige, was auffällt, ist die erwachsene Frau an seiner Seite. Ihr Name ist Sabine Kerschbaumer und sie ist Simons Schulbegleiterin.

„Wir alle haben unseren Rucksack zu tragen“, beginnt Lehrerin Kolb. Bei Simon ist der so schwer, dass er jemanden braucht, der ihm hilft, den Schulalltag zu meistern. Simon ist intelligent, kann sich sehr gut ausdrücken und hat sogar schon angefangen, ein eigenes Buch zu schreiben. Talentiert also. Simon ist aber auch Asperger-Autist. Gesichtsausdrücke kann er nicht so gut deuten, in großen Menschenmengen fühlt er sich unwohl. Doch dafür ist Sabine Kerschbaumer da. Sie ist seine Bezugsperson, greift in schwierigen Situationen ein und sorgt dafür, dass der Elfjährige sich wohl fühlt.

Seit Mai besucht Simon die Peitinger Mittelschule. Vorher war er auf einem Gymnasium. Doch da hat es nicht so gut geklappt. „Wir sind froh, dass wir uns für Peiting entschieden haben. Hier ist man pädagogisch sehr flexibel“, freut sich Simons Mutter.

Eigentlich kommt Sabine Kerschbaumer aus der Altenpflege, ist ausgebildete Demenzbegleiterin. „Ich kann vieles davon auch jetzt anwenden“, sagt die 45-Jährige. Berührungen sind wichtig, sie helfen dem Menschen, wieder bei sich zu sein, nicht abzudriften. Mit Simon begann Kerschbaumers Laufbahn als Schulbegleiterin. Es ist der Beruf, in dem sie in Rente gehen will. „Der soziale Zweig ist sehr erfüllend“, sagt sie. Auch wenn die Zeit mit Simon oft fordernd ist. Mit ihm ist kein Tag wie der andere, „weil er eine ganz andere Sicht auf die Welt hat“. Und wenn die ins Wanken gerät, ist das richtig schlimm für den Jungen. Doch Sabine Kerschbaumer kann er vertrauen, „ich bin sein Fels in der Brandung“. Oft genügt ein einziger Blick, um für Simon Brücken zu den anderen zu bauen. Ihm zu helfen, sich in die Gemeinschaft zu integrieren. „Manchmal erkläre ich ihm minutenlang, dass es ok ist, heute mit einem anderen Stift zu schreiben.“ Denn Simon braucht vor allem eines: Regelmäßigkeit. Ausfallen darf Sabine Kerschbaumer darum nur bedingt. Einmal ist das schon passiert, drei Tage konnte sie ihrem Schützling nicht beistehen. Aufgefangen hat das vor allem Klassleiterin Brunhilde Kolb. „Wir arbeiten sehr gut zusammen und halten uns auf dem Laufenden“, so Kolb. Denn gute Kommunikation ist der Schlüssel zu einem harmonischen Schulalltag.

Simon ist nicht das einzige Kind mit einer Beeinträchtigung. „Wir sind eine Inklusionsschule“, erklärt Schulleiter Jochen Böhm. Egal, ob körperliche Behinderung oder Lernschwäche, in Peiting werden alle ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert.

Damit Inklusion gelingt, muss sich aber auch die Schulfamilie entwickeln. 309 Kinder besuchen die Einrichtung. Einige davon brauchen mehr Zuwendung als andere. „Die Lehrer müssen sich darauf einlassen können,“ weiß der Schulleiter. Vor allem sei es eine Umstellung, wenn mit dem Schulbegleiter plötzlich ein weiterer Erwachsener im Unterricht sitzt. „Die Lehrkraft kann sich kontrolliert fühlen und Mitschüler reagieren zunächst irritiert“, so Böhm.

Neben Kerschbaumer gibt es an der MS Peiting noch einen weiteren Schulbegleiter. „Dieser Job ist anspruchsvoll“, mahnt Böhm. Es gehe nicht darum, das Kind an sich zu binden, sondern immer mehr loslassen zu können. Ziel sei es, den Schüler zur Selbstständigkeit zu erziehen.

Inklusion - eine Herausforderung. An der Peitinger Mittelschule ist sie im Prozess. Vor etwa sechs Jahren hat die Schulfamilie diese Richtung eingeschlagen. Es ist zweifellos ein guter Weg. Das zeigt sich auch im Erzählkreis der

6 b. „Wir sind eine der besten sechsten Klassen an der ganzen Schule“, sagen Simons Mitschüler. Warum? „Wir haben gute Noten und wir können gut miteinander reden.“ Simon gehört einfach dazu - das, was er schon immer wollte.

Sabine Krolitzki

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