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Endlich ist Hilfe gekommen: Nach dem rätselhaften Unfall zwischen Wildsteig und der Echelsbacher Brücke wollte der 35-Jährigen niemand helfen. Durch das Fenster auf der Beifahrerseite konnte sie sich selbst befreien.

Ein Unfall voller Rätsel

"Wie von Geisterhand"

Wildsteig - Ein Auto liegt zerbeult auf der Seite im Graben. Eine Frau steht am Straßenrand, ruft um Hilfe. So ist es am Dienstag bei Wildsteig passiert. Die Geschichte dahinter: Traurig und voller Rätsel.

Sie steht am Straßenrand. Völlig verzweifelt. Ruft um Hilfe, winkt mit beiden Armen. Michaela T. (Name von der Redaktion geändert) wünscht sich nichts mehr, als dass ein Auto anhält und sie mitnimmt. Sie hat kein Handy, ist leicht verletzt, weiß nicht mehr weiter. Ihr eigenes Auto, das liegt neben ihr im Graben, in der Rechtskurve bei Schwaig. Auf dem Dach, nachdem es sich zweimal überschlagen hat (wir haben berichtet). Es ist Dienstagmorgen, gegen 6 Uhr. Es dämmert. Was in den vergangenen zehn Minuten passiert ist, kann sich die 35-jährige Wildsteigerin nicht erklären.

Retter verletzt

Wie durch ein Wunder hat sich die 35-Jährige bei dem Unfall nur leicht verletzt. Ein Retter hat weniger Glück: Ausgerechnet der Wildsteiger Feuerwehrkommandant Norbert Greinwald ist bei der Bergung des Autos in ein Loch für einen Froschzaun-Pfosten gestiegen und hat sich ein Sprungelenk gebrochen.

Sie ist aus dem Haus gegangen, wie jeden Morgen. Wollte zur Arbeit fahren, wie jeden Morgen seit vier Jahren. Die Strecke von Wildsteig nach Oberammergau kennt sie in und auswendig. „Mit allen Tücken.“ Davon ist sie überzeugt. Auch am Dienstag. „Ich bin gefahren wie immer“, sagt sie. Ruhig, aufmerksam, nicht zu schnell. Ohne Stress. Und plötzlich - Michaela T. fängt leicht zu zittern an, als sie sich erinnert - plötzlich war es, als hätte ihr jemand ins Lenkrad gegriffen. Sie hat daran geruckelt, es weiter versucht, gebremst. Passiert ist nichts. Sie kracht in die Leitplanke, doch die Wucht ist zu groß. Ihr Wagen wird darüber geschleudert, überschlägt sich und bleibt völlig zerbeult auf der Fahrerseite liegen. Stille. Dunkelheit.

„Das erste, an das ich mich wieder erinnern kann, ist das graue Autodach“, sagt sie. Und dann? „Oh.“ Das war alles, was ihr in den Sinn kam. Dann fiel ihr Blick auf den Inhalt ihrer Handtasche, der überall um sie herum verstreut lag. „Ich hab das sogar noch eingesammelt“, erzählt Michaela T. Dann wollte sie durch die Beifahrertür aus dem Wagen klettern. Doch nur das Fenster lässt sich öffnen. Ihre Rettung. Vorerst.

„Als ich oben an der Straße stand, schien die Lage aber wieder aussichtslos.“ Die 35-jährige Ehefrau und Mutter denkt ein weiteres Mal zurück. Sie hat gewartet und gewartet, bis sie endlich die Scheinwerfer eines Autos erkennen konnte. Wie lange, das weiß sie nicht. Dann folgt die Szene, wie sie es bereits beschrieben hat. Winken, rufen. Doch der Pkw fährt weiter. Wieder warten, wieder winken, wieder fährt ein Auto vorbei, ohne anzuhalten. „Vier oder fünf Mal“, erzählt Michaela T. Niemand hat gehalten, um ihr zu helfen.

Frau rettet sich aus Wrack - niemand hält an

Frau rettet sich aus Wrack - niemand hält an

Also ist sie losgelaufen, immer der Straße entlang. Etwa zweieinhalb Kilometer sind es zu ihr nach Hause. „Ich wusste nicht, ob ich es schaffe, ich konnte nicht nachdenken“, erzählt sie. Autos fahren an ihr vorbei. Dann hält eines an. Michaela T. erkennt das Gesicht eines Mannes, er kommt ihr bekannt vor. Ist wohl ein Wildsteiger. „Nur deswegen hat er angehalten“, da ist sich die 35-Jährige sicher. „Mensch Mädle, was ist denn los?“, hat er gesagt. Dann hat er Michaela T. ins Auto geladen und sie nach Hause gebracht. Zu ihrem Mann, der sofort zur Unglücksstelle gefahren ist. Dort konnte er seinen Augen kaum trauen. „Wie bist du da nur rausgekommen?“ Das hat er seine Frau immer wieder gefragt. Für die ist eines jedoch viel wichtiger. Die Frage, wie es passieren konnte. Immer wieder geht Michaela T. die Situation im Kopf durch. Versucht zu rekonstruieren. Mittlerweile ist ihr eines wieder eingefallen: Das Radio ist nicht mehr gelaufen. Es war aus, wie durch Geisterhand.

So hat sie es ihrem Bruder geschildert, einem Kfz-Experten. Der vermutet einen technischen Defekt, keinen Fahrfehler. Sein Kommentar: „Bestimmt ist dann auch das Lenkradschloss eingerastet.“

Das würde einiges erklären, genau wissen wird es Michaela T. aber nie. Ihr Auto ist mittlerweile verschrottet. „Gut so, ich will es nie wieder sehen“, sagt sie. Sie will nicht mehr Autofahren, will diesen Albtraum nicht noch einmal erleben. „Nicht, dass meine tausend Schutzengel jetzt Pause machen“, sagt sie. Wie viel Glück sie hatte, weiß sie. Auch damit, dass der Wildsteiger sie mitgenommen hat. Seinen Namen weiß sie nicht, „trotzdem soll er wissen, dass ich unendlich dankbar bin“.

Franziska Bär

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