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Zocken für das Schongauer Hallenbad

Schongau - Vor 50 Jahren ging man in Schongau ungewöhnliche Wege, um ein Hallenbad zu realisieren. Es wurde gezockt mit Mitteln aus der Stadtkasse.

Die schönsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben selbst. Und manchmal fühlt man sich dabei wie im Märchen. Ein solches wünscht sich in diesen Tagen auch der Plantsch-Geschäftsführer Andreas Kosian und blickt dabei voller Sehnsucht in die Vergangenheit, die ihm zufällig durch einen „Spiegel“-Artikel von 1969 in die Hände gefallen ist.

Man schrieb das Jahr 1958, der Lederfabrikant Otto Ranz war soeben zum Schongauer Bürgermeister gewählt worden, als ihn ein Drang nach Besonderem überkam. Etwas, das untrennbar mit seinem Namen verbunden wäre, quasi etwas unsterblich Machendes. Das Objekt der Begierde war schnell ausgemacht, ein Schwimmbad sollte es sein. Aber nicht irgendein Schwimmbad, sondern eines, von dem noch viele Generationen reden würden. Eine verlockende Idee allemal, wenn da nicht die leidige Finanzierung gewesen wäre. Doch da kam Ranz die Erleuchtung. Eine halbe Million müsse man gewinnen, dann könne aus dem Traum Wirklichkeit werden.

Und so trug er seine ebenso ungewöhnliche wie einzigartige Idee dem Finanzausschuss des Stadtrats vor. Dieser sollte einen wöchentlichen Lottoeinsatz von 2,10 Mark genehmigen. Zocken auf Stadtkosten quasi. Der Ausschuss genehmigte, der städtische Kämmerer Arthur Mayer - wer sonst - stellte die Zahlenkombination zusammen, und des Bürgermeisters Sekretärin tippelte fortan Freitag für Freitag aus dem Rathaus zur Lotto-Annahmestelle. So weit, so gut.

Wäre da nicht die Gier plötzlich zu groß geworden. So standen der Stadt im Jahr 1960 aus einem Grundstücksgeschäft 28 000 Mark zur Verfügung, die dem Eigentümer erst in einigen Jahren zurückgezahlt werden mussten. Die städtische Führung, mittlerweile erfahrene Glücksspieler, ersann den nächsten Coup. Nein, konservativ aufs Sparbuch tragen wollten sie das Geld nicht. Stattdessen wurden Papiere gekauft, an der Börse gehandelt. Bis 1964 verdiente man auf diese Weise 616 Mark hinzu - dann forderte der Besitzer der 28 000 Mark sein Geld ein.

Einmal ins Rollen gekommen, ließ sich die Achse Ranz/Mayer aber nicht mehr stoppen. Mayer, der die 616 Mark „sinnvoll“ zu investieren gedachte, hob den Lotto-Spielbetrag eigenmächtig auf 13,30 Mark an, während der Bürgermeister schon mal seinen Hallenbad-Traum (Kostenpunkt 5,5 Millionen Mark) projektieren ließ.

Einzig Fortuna tanzte in der Folge aus der Reihe, und so sehr sich des Bürgermeisters Sekretärin auch Freitag für Freitag mühte - der laut Zocker-Duo mittlerweile längst überfällige Millionengewinn wollte sich einfach nicht einstellen. Und dann wurde auch noch der Bayerische Prüfungsverband aktiv. Und, konservativ, wie er nun mal ist, konnte er dem modernen Gedankengut der Herren Ranz und Mayer so gar nicht folgen. Zocken fürs Schwimmbad? Das ging über die Vorstellungskraft der Prüfer, inzwischen in Solidargemeinschaft mit Schongaus SPD, die - damals in der Opposition - jetzt ihre große Chance sah, den modernen Visionen der Schongauer Stadtführung entgegenzuwirken.

Verständlich, dass Otto Ranz dies als „sehr undankbar“ empfand. Und die Moral von der Geschicht: Schongaus Hallenbad ward für die Ewigkeit nicht, fiel weit bescheidener aus, als Ranz es erträumt hatte.

Geblieben ist aber eins - der Traum. Und den träumt heute Andreas Kosian. Eine eigene Trainings- und Kurshalle wünscht er sich - für Schul- und Vereinsschwimmen sowie das Kurswesen. So könnte der allgemeine Betrieb entlastet werden.

Doch woher nehmen und nicht stehlen? Über die Spielgewohnheiten eines Bürgermeisters Karl-Heinz Gerbl und eines Kämmerers Werner Hefele ist nichts bekannt. Kosian sieht sich zudem als „Greenhorn“ in Sachen Glücksspiel. Einen Vorschlag hat er aber. „Wir könnten zur Garmischer Spielbank fahren, einen Liter Wasser mitbringen und für den Fall, dass wir gewinnen, ein Becken draus machen.“ Womit wir wieder beim Märchen wären.

Märchenhaft ging die Sache damals übrigens auch für den Kämmerer aus. Er hat mit der gleichen Zahlenkombination privat weitergespielt - und soll Zigtausende Mark gewonnen haben. Vielleicht der Grund dafür, warum Märchen auch heute noch mit „Es war einmal“ beginnen.

stephan penning

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