München - Anne Elisabeth Dobbs war sechs, als sie zum ersten Mal sexuell missbraucht wurde. Und dann immer wieder, viele Jahre. Jetzt, mit 24, hat sie ein Buch geschrieben: ihr „Befreiungsschlag“, wie sie sagt. Es ist aber auch ein bewegender Ratgeber – genau hinzuschauen, was nebenan passiert.

Kämpfernatur: Anne Elisabeth Dobbs wurde als Kind missbraucht. Sie sagt: „Die, die wissen müssten, dass so etwas passieren kann, haben keine Ahnung."
Mit sechs lernte sie, dass Hoffnung eine Farce ist. Mit 13 wollte sie sterben. Anne Elisabeth Dobbs war sechs Jahre alt, als ihre Kindheit endete – und das Martyrium begann. Erst war es der Vater ihrer Freundin, der sich fünf Jahre lang an ihr verging. Später wurde sie von einem Onkel sexuell missbraucht. Jedes grausame Detail hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Überlebt habe ich das nur, weil ich versuchte, mich von meinem schmerzenden Körper zu trennen und nichts mehr zu fühlen“, sagt sie heute.
Das Café Jasmin, Steinheilstraße, Maxvorstadt. Anne Elisabeth Dobbs sitzt auf einem beigen Plüschsofa, ihre Hände mit den türkisfarbenen Fingernägeln ruhen auf den Jeans. Inzwischen ist sie 24, lebt in München, sucht einen Job in der Medienbranche. Sie hat einen festen Partner und Freunde. Die dunklen Haare trägt sie offen – und im Gesicht weniger Schminke als auf dem Titel ihres Buches. In „überleben. missbraucht. gefallen. wieder aufgestanden. meine geschichte“ beschreibt sie ihre traumatischen Erlebnisse als Opfer sexuellen Missbrauchs, ihre Wut auf die Täter und ihren Kampf um Aufdeckung und Verarbeitung. Es ist ein Versuch, die Gesellschaft für das Thema Kindesmissbrauch zu sensibilisieren.
Frau Dobbs, wie stehen Sie heute zum Leben?
Früher habe ich mich oft gefragt, ob es für die anderen nicht besser ist, wenn ich einfach weg wäre. Ob es etwas bringt, immer wieder gegen den Strom anzuschwimmen? Im Nachhinein, und das kann ich nur jedem in einer ähnlichen Situation raten, sollte man sich immer wieder vor Augen halten, dass es irgendwann besser wird, dass man irgendwann den Sinn des Lebens entdeckt. Dann weiß man, warum man das überlebt hat. Heute bin ich froh, dass ich lebe. Die Erinnerungen werden nie vergehen, aber irgendwann wird es ein Leben neben dem Missbrauch geben.
Die Fakten zum Thema Kindesmissbrauch sind grausam. Im Jahr 2010 gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik 11 867 erfasste Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern. Das sind 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich deutlich höher. Und: Die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Und in Deutschland ist nicht der berühmte „fremde Mann“ der statistische Haupttäter, sondern die Vertrauensperson in der Nähe – der Vater, der Nachbar, Lehrer oder Trainer. „Je enger die emotionale Bindung, desto schwieriger fällt es den Kindern, sich mitzuteilen“, sagt Irmgard Deschler, 56, vom Verein Wildwasser München, der gegen sexuellen Missbrauch kämpft. „Das ist die Strategie der Täter. Die Betroffenen haben dann – so komisch es sich anhört – auch viel zu verlieren, wenn es diese Bindung nicht mehr gibt.“
Auch Anne Elisabeth Dobbs empfand diesen perfiden Geheimhaltungsdruck, den der Missbrauch entfaltet. Aufgewachsen in einem Dorf außerhalb Bayerns, wo jeder jeden kannte. Sie war eine gute Sportlerin – und eine noch bessere Schülerin, die nie schwänzte. Nachmittags, nach den Hausaufgaben, ging sie zu den Großeltern, die mit im Haus lebten. Kaffee trinken. Ihre gutbürgerliche Familie beschreibt Dobbs als Bilderbuchfamilie, als heile Welt, in die sie sich zurückzuziehen versuchte.
Sie werfen der Gesellschaft vor, in Ihrem Fall versagt zu haben. Ihre Eltern klammern sie davon aus, obwohl auch Sie nichts bemerkt haben. Warum?
Wenn ich Mutter wäre, ich würde mir diese Frage auch stellen: Wie kann es sein, dass ich nichts bemerkt habe? Aber meine Eltern sind auch Opfer. Einerseits wollte ich, dass es bemerkt wird, mir geholfen wird. Andererseits gab es diese wahnsinnige Angst, dass meine Eltern das mitbekommen. Ich habe meine Gefühle und Wunden bewusst versteckt. Mir wurde gesagt: „Wenn es rauskommt, verstößt Dich Deine Familie.“ Das ist das Schlimmste, was einem Kind angetan werden kann. Und dann lässt man es geschehen.
Was können Eltern überhaupt tun?
Floskeln wie „Geh’ nicht mit Männern mit“, „Nimm’ keine Süßigkeiten an“ oder „Du sollst keine schlechten Geheimnisse haben“ – die sind Blödsinn. Ein Kind kann nicht unterscheiden, was ein gutes und was ein schlechtes Geheimnis ist, wenn es nicht weiß, wie sich das definiert. Eltern sollten genau erzählen, was passieren kann. Ich glaube nicht, dass das die Kindheit nimmt, wenn eine Vertrauensperson das sensibel und altersgerecht tut.
„Heute schaut niemand mehr weg“, sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. Nach dem Bekanntwerden der vielen Missbrauchsfälle in Kloster- und Privatschulen gäbe es eine neue Sensibilität. Dennoch muss auch Wenzel einräumen, dass Angebote und Fortbildungen zum Thema „sexueller Missbrauch“ für Lehrkräfte nur sporadisch stattfänden. Es kranke am System Schule. „Die Schule wird mehr und mehr zur reinen Paukanstalt, es bleibt keine Zeit, Beziehungen aufzubauen: Wir müssen uns um dicke Kinder kümmern, um Mädchen und Buben, die nicht schlafen können. Wir sind heillos überfordert mit den vielen Aufträgen“, gesteht Wenzel.
Bei Anne Elisabeth Dobbs haben alle weggeschaut. Selbst ihre Freunde. Die tuschelten zwar, aber keiner hat sie jemals direkt angesprochen. Dobbs zog sich immer mehr zurück. Erst aus der Sicherheit der Anonymität heraus fasste sie Vertrauen – zu zwei Chat-Freunden im Internet. Nach einem besonders brutalen Übergriff ihres Onkels initiierte der Chat-Freund eine Konferenzschaltung mit der Kriminalpolizei.
Brauchen die Opfer jemanden, der für sie spricht?
Es nagt an mir, dass ich nicht selbst etwas dagegen getan habe. Man muss aber realistisch sein und sich eingestehen, dass ich es alleine wahrscheinlich nicht geschafft hätte. Es war wohl der einzige Weg, um das einzuleiten. Man braucht jemanden, dem man vertraut, der einem erklärt, was sich verändern – was besser werden kann. Alleine ist das ganz, ganz schwierig.
Sie waren oft alleine.
Ich glaube schon, dass sich viele über mein Aussehen und Verhalten gewundert haben, aber keiner hat etwas unternommen. Die Lehrer dachten, die hat ja einen Arzt. Der Arzt glaubte, die hat ja ihre Familie. Die wiederum sagte sich, dafür gibt es die Freunde. Man wird von einem zum anderen geschoben. Keiner hat sich für mich zuständig gefühlt.
Dreieinhalb Jahre lang kämpfte Anne Elisabeth Dobbs nach der Anzeige für ihr Recht, kehrte in Gesprächen mit Gutachtern ihr Seelenleben nach außen, durchlebte dabei den jahrelangen Missbrauch aufs Neue. „Ich habe oft das Gefühl gehabt, ich sage aus, um der Justiz zu helfen – und nicht, damit mir geholfen wird.“ Besonders grotesk fand sie, dass sie überwiegend von Männern vernommen wurde. „Ich habe eigentlich nichts gegen Männer. Aber was mich ängstigt, sind ausweglose Situationen, denen ich nicht entgehen kann. Die Vernehmungen erinnerten mich an die Übergriffe.“ Dobbs blieb – abgesehen von ihren Chat-Freunden – auch nach der Anzeige größtenteils eine Einzelkämpferin. Die Mutter fragte, warum Anne die Täter angezeigt hatte, bevor sie mit ihren Eltern gesprochen hatte. Man hätte doch mit dem Onkel eine Lösung finden können.
Kann es wirklich eine interne Lösung bei Missbrauch geben?
Die ganze Familie steht unter Schock. Ich glaube, es ist fast unmöglich, da alleine rauszukommen. Das Problem ist, dass die Hilfsfrage von einem auf den anderen geschoben wird. In meinem Fall war keiner da, der mich mal an die Hand genommen hätte. Es müsste eine Art Familienberater geben, der Kontakt zu speziellen Ärzten und Therapeuten herstellt, Anwälte vermittelt und die Opfer bei Vernehmungen und Verhandlungen begleitet. Einer, der einfach da ist.
Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen den Onkel von Anne Elisabeth Dobbs nach einiger Zeit ein. Der Vater einer Freundin, der sich auch an ihr vergangen hatte, wurde hingegen verurteilt. „Der Opferschutz ist nach wie vor katastrophal“, sagt Irmgard Deschler vom Verein Wildwasser München. „Wir haben nicht mal die Kapazitäten, um den bekannten Fällen gerecht zu werden. Und die Dunkelziffer ist um bis zu 20-mal so hoch.“
Neben Vereinen wie Wildwasser und den Jugendämtern gibt es bei der Polizei in Bayern spezielle Beauftragte für Frauen und Kinder. Immerhin: Die Bundesregierung will jetzt einen Hilfsfonds für Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch einrichten und diesen mit 50 Millionen Euro unterstützen. Weitere 50 Millionen Euro sollen die Bundesländer beitragen. Mit dem Geld will man Therapien und Beratungen bezahlen.
Für Anne Elisabeth Dobbs war das Buch nur der erste Schritt – „ein Befreiungsschlag“. Noch ist die Verjährungsfrist beim Onkel nicht abgelaufen.
Anne Elisabeth Dobbs: „überleben. missbraucht. gefallen. wieder aufgestanden“; 9.95 Euro, Schwarzkopf & Schwarzkopf
Von Katharina Blum
Die Kommentarfunktion ist bei diesem Artikel nicht aktiviert. Sie haben aber die Möglichkeit uns Ihre Meinung über das Kontaktformular zu senden.
Karte wird geladen...

Bestimmen Sie auf der Karte die Region, aus der Sie Nachrichten angezeigt bekommen möchten.



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.