007.02.10|München|München|2
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München - Saufen, bis nichts mehr geht: Immer mehr Mädchen trinken, bis sie am Ende mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus landen.

Am Dienstag findet in München der Fachtag "Mädchen und Alkohol" statt, zu dem die Mädchen-Kontaktstelle Imma e. V., der Suchthilfeverein Condrobs und die Hochschule München laden. "Was haben die Mädchen vom Komasaufen?" Um diese Frage geht es auch Maria Rerrich, Professorin an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, die die Veranstaltung organisiert hat.
Warum greifen junge Mädchen immer öfter zur Flasche?
Der exzessive Alkoholgenuss von jungen Menschen insgesamt ist in den letzten Jahren angestiegen. Wir haben im Jahr 2008 bundesweit 25 700 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren gehabt, die wegen einer Alkoholvergiftung stationär in einer Klinik behandelt wurden - elf Prozent mehr als 2007. Wenn man das Jahr 2000 heranzieht, wird der Wandel ganz eklatant: Damals waren es nur 9500 junge Patienten mit dieser Diagnose. Und: An diesem Prozess sind Mädchen wesentlich beteiligt.
Trinken Mädchen andere als Buben?
Ja, Mädchen und Jungen haben da ein unterschiedliches Verhalten. Jungs trinken, wenn sie unter sich sind und wenn sie in Gruppen mit Mädchen unterwegs sind. Mädchen dagegen trinken in gemischten Gruppen, aber wenn sie unter sich sind eher wenig exzessiv. "Rauschtrinken" kommt in reinen Mädchengruppen eigentlich kaum vor.
Heißt das, dass exzessives Trinken bei Mädchen etwas damit zu tun hat, dass sie ihre Rolle als Frau erst finden müssen?
Das kann man sicher so sagen. Mädchen bekommen heute ja ganz viele widersprüchliche Botschaften. Sie sollen alles auf einmal sein: Sie sollen stark und frech und leistungsbewusst sein, aber gleichzeitig auch brav und angepasst. Es gibt nicht mehr die eine klare Botschaft, die es noch vor 30 Jahren gegeben hat. Da war die Geschlechtsrolle der Frau noch aus einem Guss. Heute ist sie sehr facettenreich - nd eben sehr widersprüchlich. Alkohol ist da eine Möglichkeit damit umzugehen, und sicher nicht die beste.
Eine Sozialwissenschaftlerin aus der Schweiz hat Mädchen befragt, warum sie Alkohol konsumieren. Viele antworteten: Weil sie dann eine Ausrede für ihr Verhalten hätten.
Diese Erkenntnis findet man öfter in der Literatur. Das Betrunkensein wird als Ausrede gebraucht, nach dem Motto: "Das bin dann gar nicht mehr ich." In diesem Alter ist ja das Thema Sexualität sehr wichtig. Manche Mädchen sagen sich, dass sie dann vielleicht auch einmal mit einem Jungen knutschen können, ohne es sich hinterher vorhalten lassen zu müssen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wo es Ansatzpunkte gäbe, mit Mädchen darüber zu reden und zu erproben, wie man mit einer solchen Situation sonst noch umgehen kann. Denn hier sind die Mädchen richtig unter Druck.
Welche Rolle spielt der Zwang der Gruppe?
Der Gruppenzwang ist da, aber es sind ja nicht alle Mädchen, die exzessiv trinken. Das ist die nächste interessante Forschungsfrage, welche Mädchen es sind, die gefährdet sind. Welchen Familienhintergrund haben sie? Welche Erfahrungen haben sie in ihrer Kindheit gemacht? Darüber wissen wir noch zu wenig. Klar ist aber: Es ist die biografische Aufgabe der jungen Menschen, sich auszuprobieren. Sie müssen auch ein Stück weit die Erwachsenen vor den Kopf stoßen. Das hat jede Generation gemacht. Es sind nur die Grenzen, die immer weiter verlagert werden.
Auch die Rahmenbedingungen, unter denen Alkohol konsumiert wird, haben sich verändert . . .
Sehr sogar. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Als ich jung war, hat es so etwas wie Flatrate-Partys nicht gegeben. Die wirtschaftlichen Interessen der Alkoholindustrie und der Gaststätten, die da im Spiel sind, darf man nicht unterschätzen.
Und auch die Getränkewahl ist heute anders?
Heute sind richtig harte Getränke weit verbreitet. Jugendliche, auch Mädchen, trinken nicht mehr Bier oder Wein, sondern gleich eine Flasche Wodka oder Gin zusammen.
Und das auch auf der Straße.
Ich habe selbst die Szenen beobachtet, die sich im sogenannten Disko-Bus in Müchen abspielen. Dieser Bus fährt am Wochenende die Clubs ab. Ich stand an der Bushaltestelle, an der auch der Disko-Bus abfährt und habe viele Jungen und Mädchen mit der Wodkaflasche in der Hand gesehen. Mich erstaunt die Sichtbarkeit und die Toleranz dafür, dass junge Mädchen mit der Flasche in der Hand in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Diese Bilder kenne ich von vor 20 Jahren nicht. Damals wäre ein Mädchen mit der Wodkaflasche in der Hand verpönt gewesen. Da haben sich die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was in Ordnung ist, sehr gewandelt.
Welche Rolle spielt es, dass Alkohol eine gesellschaftlich anerkannte Droge ist?
Das gesellschaftliche Bewusstsein dafür, dass Alkohol ein Suchtmittel ist, ist bei vielen Jugendlichen noch nicht da. Wobei man sagen muss, dass nur ein Bruchteil der Mädchen, die sich in ihrer Freizeit exzessiv betrinken, süchtig wird. Bei den meisten ist das eine vorübergehende Phase im Leben, die irgendwann ausgestanden ist. Die Frage ist aber, welcher gesundheitliche Schaden in der Zwischenzeit angerichtet wird. Auf dem Fachtag wird Dr. Stolle aus Hamburg darüber berichten, wozu es führt, wenn junge Mädchen exzessiv Alkohol konsumieren. Denn er wirkt bei Mädchen auch anders als bei Jungen.
Gibt es bereits Präventionsansätze, die speziell Mädchen vom Komasaufen abhalten könnten?
Nein, die Forschung zu diesem Thema ist noch ziemlich in den Kinderschuhen. Es gibt aber ein Bewusstsein dafür, dass wir auch hier geschlechtssensibel vorgehen müssen.
Betrunken zu sein kann Mädchen auch in ernsthafte Gefahr bringen . . .
Leider ist es viel zu oft der Fall, dass Mädchen sich betrinken und dann zum Opfer sexueller Übergriffe werden. Das ist ihnen oft noch gar nicht richtig bewusst. Auch, weil der Konsum von Alkohol nach wie vor viel zu positiv besetzt ist.
Interview: Caroline Wörmann
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