München - Als Helmut Hinz seinen Job als Kfz-Mechaniker verliert, bricht für ihn eine Welt zusammen. Doch er lässt sich nicht hängen: Im Alter von 57 Jahren fängt er nochmal von vorne an.

Startet noch einmal neu durch: Helmut Hinz, der 2009 seinen Job bei Buchner + Linse verlor, hat sich mit 57 Jahren mit einer Autowerkstatt selbständig gemacht. R. Kurzendörfer
Noch riecht es hier nicht nach Autoabgasen, sondern nach der frischen Farbe an der Wand. Nirgends ist ein Ölfleck zu sehen, der blaue Lack der Messgeräte und Maschinen glänzt. „Das ist mein Schmuckkästchen“, sagt Helmut Hinz und zeigt stolz seine Werkstatt vor.
Mit 57 Jahren ist der Auto-Mechaniker einen langen und nicht immer einfachen Weg gegangen – bis er die Werkstatt sein Eigen nennen konnte. Mehr als 40 Jahre lang arbeitete Hinz bei Renault Buchner + Linse. Sein ganzes Arbeitsleben lang. 1966 begann er in dem Traditionsunternehmen seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Dann, im April 2009 der Schock: Er wurde betriebsbedingt entlassen, als das Unternehmen Insolvenz anmeldete. „Ich konnte es einfach nicht glauben“, sagt Hinz und zuckt hilflos mit den Schultern. Noch immer fehlen dem sonst so gelassen wirkenden Mann die Worte, wenn er sich an den Moment erinnert, als er seine Papiere in der Hand hielt.
Der Gang zur Arbeitsagentur fällt ihm schwer. „Es war das erste Mal, dass ich da hingehen musste, um nach einem Job zu fragen“, erzählt Hinz. In seinem Alter sei er schwer vermittelbar, heißt es dort. Da helfen ihm auch sein Meister und 40 Jahre Berufserfahrung nicht. Doch aufgeben kommt für Hinz nicht infrage: „Ich bin zu jung, um in Rente zu gehen.“
Den blonden Kopf unter die Motorhaube stecken, mit ölverschmierten Händen am Innersten eines Autos schrauben – das ist seine Welt. „Er liebt seinen Beruf“, sagt seine Ehefrau Karolina über ihn und nennt ihn deshalb auch liebevoll „Auto-Doktor“.
So schwierig hatte er sich den Weg in die Selbständigkeit allerdings nicht vorgestellt. Formulare ausfüllen, eine Finanzierung auf die Beine stellen; noch nie zuvor hatte Hinz etwas von einem Business-Plan gehört. Er stürzt sich in die neue Aufgabe, lässt sich von der Agentur und der Handwerkskammer beraten – und von seiner Familie. Ehefrau Karolina ist gelernte Bankkauffrau, der Sohn hat Sportmanagement studiert und dadurch auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Gemeinsam überzeugen sie die Banken, bekommen einen Kredit von 40 000 Euro und steuern ihre eigenen Ersparnisse, 30 000 Euro, zu.
Die geeigneten Räume für seine neue Existenz findet der Familienvater nach langer Suche in Karlsfeld an der Dachauer Straße 558. Die Autogas-tankstelle H&H sucht einen neuen Mieter für ihre Werkstatt. Der perfekte Ort für Helmut Hinz. In der Werkstatt mit zwei Zweisäulen- und einer Hebebühne finden vier Autos Platz. Im kleineren Werkstattraum nebenan werden Reifen gewechselt. Auf dem Platz hinter der Tankstelle können bis zu zehn Autos parken und auch ein großer Abschleppwagen rangiert hier mühelos. „Das ist wie ein Sechser im Lotto“, freut er sich.
Zum Oktober sollte der Vormieter ausziehen. Der beste Zeitpunkt, um eine Werkstatt zu eröffnen, schließlich wollen im Herbst die Kunden ihre Autos winterfest machen. Doch es gibt Verzögerungen. Noch fast drei Monate zieht es sich hin, bis Hinz den Schlüssel zu seiner Werkstatt in Empfang nehmen kann. Die Wartezeit ist ihm als der absolute Tiefpunkt auf seinem Weg in die Selbständigkeit in Erinnerung. „Ich hatte ständig die Befürchtung, dass die Kunden doch woanders hingehen könnten.“
Mit dem Jahreswechsel wurde sein Traum wahr. Inspektionen, Abgasuntersuchungen und TÜV-Abnahmen, Reifenwechsel und jede Art von Autoreparaturen bestimmen heute wieder seinen Arbeitsalltag. Zwei seiner ehemaligen Kollegen, die ebenfalls ihren Job verloren hatten, hat Hinz als Kfz-Mechaniker eingestellt – auch wenn es gerade am Anfang für ihn schwer ist, die beiden zu bezahlen. „Wenn ich eine Werkstatt eröffne, mache ich es gleich richtig“, sagt er. Schließlich solle keiner seiner Kunden warten müssen. Verantwortung für alles zu haben, ist eine neue Herausforderung für ihn, aus der er aber auch jede Menge Tatendrang schöpft.
Wenn er morgens um sieben Uhr die Tür seiner Werkstatt aufschließt, den Computer hochfährt und die Kiste mit dem Werkzeug zurecht rückt, fühlt er sich am richtigen Platz. „Ich bin beruhigt, richtig entspannt“, sagt er.
Kerstin Lottritz
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