München - Hohn und Spott erwartet die Politiker seit Jahrzehnten am Nockherberg. Sie kommen immer wieder alle zum Derblecken, auch am Mittwoch Abend. Doch die wilden Jahre, als Politiker schon mal wüst die Schauspieler beschimpften, sind vorbei. Naht der Anfang vom Ende eines Phänomens?

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Franz Josef Strauß wurde auf dem Nockherberg schon mal gekrönt. Heuer soll er wiederauferstehen.
Sie werden vorne sitzen, sie werden betteln. Um Bier. Um Brezen. Und um Beleidigungen. Die Regenten und die Oppositionellen kommen, um zu büßen. Auf den ersten Blick hat der Nockherberg etwas Masochistisches. „Viele lechzen danach, sich da ein paar einzufangen“, sagt Erwin Huber. „Und auf einmal merkt man, ja hoppla, das tut weh.“
Die seltsame Sehnsucht nach dem Schmerz und das süße Gefühl, wenn es auch die anderen trifft, treibt heute Abend wieder mehrere hundert geladene Ehrengäste zum traditionellen Derblecken. Huber, lange Jahre Minister, ein bitter kurzes Jahr CSU-Chef, erlebt seinen 20. Nockherberg, mindestens. „Es gibt was Schöneres, als so öffentlich abgewatscht zu werden“, sagt er. Aber Huber kennt genau die Zauberformel: „Wer dran ist, ist drin. Wer nicht dran ist, ist raus.“
Sie wollen alle drin sein, bisher. Und stellen sich dafür jedes Frühjahr dem seltsamem Ritual in München-Au. Das in Fastenpredigt und Singspiel zweigeteilte Derblecken hat eigene, harte Gesetze. Sie beginnen an der Tür. Wer zur Garderobe durch will, muss den Kamerateams irgendeinen lustigen Satz sagen. Früher waren das oft unterhaltsame Beiträge, mitunter unfreiwillig sogar von Edmund Stoiber, der da mal laut über seine Räusche als Jugendlicher nachdachte. Inzwischen sind es meist auswendig gelernte Aufsager. Schlimmer noch ist die Höchststrafe an der Tür: Unbeachtet an den Kameras vorbeigehen zu können.
Eines der größeren Missverständnisse am Nockherberg ist ohnehin, dass die Schauspieler auf der Bühne stünden. Die wahren Mimen sitzen im Publikum, sie haben die schwierige Aufgabe, sich telegen vor Lachen zu wälzen. Obwohl ihnen nicht danach zumute ist. „Ich glaube, fast alle von uns tun nur so, als fänden sie es lustig“, klagt ein CSU-Spitzenpolitiker. Der Passauer Politologe Heinrich Oberreuter sagt trocken: „Die müssen grinsen. Das wissen die ganz genau.“ Nichts werde mehr verübelt, als diese Form der Satire nicht zu ertragen.
Das Grinsen ist manchem schon gefroren in den letzten Jahren. Oft jenen, die sonst am lautesten bellen. Markus Söder wurde statt als Generalsekretär als Stoibers „Sekret“ bezeichnet; er fand es nicht witzig. Er krümmte sich hingegen vor Lachen, als er 2009 im Singspiel den Rivalen zu Guttenberg als „Kuttenpups“ anreden durfte.
Falls sich heute noch jemand an Rothemund erinnert, dann vor allem deshalb. „Natürlich bleibt was hängen“, sagt Oberreuter über die Satire am Nockherberg. Die Überzeichnung verfestigt Klischees. Und das vor 1,4 Millionen TV-Zuschauern in Bayern, einem guten Drittel Marktanteil. Faustformel: Um so viele Menschen zu erreichen, muss ein Politiker rund 6000 Bierzelt-Reden halten.
Das zieht, noch immer. Dabei hat sich der Rahmen für die Politiker geändert. Die Texte sind milder geworden, doch die Bedingungen unangenehmer. Das Bayerische Fernsehen überträgt inzwischen live, mit einem Dutzend Kameras. Wer sich bei einem Scherz auf seine Kosten eine verkniffene Miene erlaubt, steht vor großem Publikum als fade Spaßbremse da. Nicht mal mehr der alte Trick mit dem alkoholfreien Paulaner-Bier im Krug funktioniert, weil dutzende Journalisten die Bedienung abpassen und befragen. „Muss ich wirklich hin zu dem Sch...“, fauchte ein prominenter CSU-Minister schon voriges Jahr im kleinen Kreis – er musste natürlich. Und lächelte in die Kameras.
Die alten Autoren (Holger Paetz, Eva Demmelhuber, Uli Bauer) hatten unter Zensur-Schlagzeilen 2009 hingeworfen. Das neue Singspiel klingt nun in der Beschreibung seltsam platt und unpolitisch. Als Casting-Show wird der zweite Nockherberg-Teil inszeniert, Politiker-Doubles treten gegeneinander an und trällern eigens komponierte Liedchen, nicht mal mehr die neu vertexteten Schlager der Vorjahre. Von den drei Autoren des urbayerischen, 250 Jahre alten Spektakels sind zwei Norddeutsche. Der dritte, Regisseur Alfons Biedermann, schrieb bisher Drehbücher für Klamauk-Filme. Es sollte alles moderner werden, gab die Brauerei als Vorgabe.
Dafür sind, was Hoffnung macht, zwei herausragende Schauspieler neu im Team: Franz Josef Strauß feiert in Person des stiernackigen Kabarettisten Helmut Schleich (übrigens geboren in Schongau) im Singspiel Wiederauferstehung, dazu kommt als Seehofer der Verwandlungskünstler Wolfgang Krebs. Reicht das?
Seit letztem Jahr ist der Nockherberg nicht mehr einzigartig im Fernsehen. Der Maibockanstich des staatlichen Hofbräuhauses wird seit 2009 ebenfalls vom BR übertragen. Dort spricht mit Maibock-Prediger Django Asül einer, der Paulaner für den Nockherberg zu scharf war.
Vermutlich steht und fällt der Abend heute mit Bruder Barnabas, dem Fastenprediger Michael Lerchenberg. Es dürfte eine bittere Bußpredigt sein. Landesbank, versenkte Milliarden, Krise, Kindesmissbrauch durch Kirchenleute – Themen, bei denen das Lachen im Hals stecken bleibt, bei denen die Realität übler ist als jede Satire. Lerchenbergs Barnabas wird Zyniker sein, nicht Komiker.
Lerchenberg war es übrigens, der dem Nockherberg der letzten Jahre die größten Momente schenkte. Der Schauspieler brillierte bis vor zwei Jahren als hektisches Stoiber-Double auf der Bühne. Er spielte den Regierungschef mit einer Präzision, dass sich einmal, als Lerchenberg das Toupet zu verrutschen drohte, der echte Stoiber erschrocken an die Haare griff.
Emotionale Achterbahnfahrten waren das. 2007, als der Ministerpräsident schon gestürzt, aber noch im Amt war, sang Lerchenberg spöttisch zur Melodie von „Don’t cry for me, Argentina“: „Weint nicht um mich, Landeskinder.“ Und: „Ich werde weg sein / Ihr kriegt den Beckstein.“ Dann aber stieg er runter von der Bühne und umarmte mitten in der Vorstellung lang und innig den echten Stoiber.
Christian Deutschländer
Nockherberg im TV
Das Bayerische Fernsehen überträgt heute, ab 19 Uhr, mehrere Stunden live vom Nockherberg. Wiederholung am Freitag, 19.45 Uhr.
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