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Bildband: So sündig war München

München - Unter den deutschen Großstädten gilt München als die spießigste. Das war auch früher so. Doch hinter der prüden Fassade gab es schon in der Nachkriegszeit eine sehr frivole Stube, Prostitution und Stripshows inklusive. Al Herb hat dieses München in einem Bildband porträtiert.

© Herb/Hirschkäfer Verlag

Kulturschock: Ein Zeitungsverkäufer beäugt 1976 ungläubig die Tänzerin Terry Black.

Infos zum Buch:

Al Herb: „Sündiges München“, Hirschkäfer-Verlag, 168 Seiten, 28 Euro.

Für einen Moment scheint der gute Mann vergessen zu haben, warum er gerade zur Tür hereingekommen ist. In seiner linken Hand hält er drei Tageszeitungen, die er eigentlich verkaufen wollte. Doch nun steht er da und starrt gebannt auf die Brüste der Künstlerin Terry Black, die sich nackt vor ihm räkelt. Was er wohl gedacht hat, als Alfred „Al“ Herb 1976 in der Fernandel Bar an der Hans-Sachs-Straße auf den Auslöser drückte?

So sündig war München

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Herb, mittlerweile 78 Jahre alt, hat viele Szenen wie diese in seinem faszinierenden Bildband „Sündiges München“ festgehalten. Nach dem Krieg ist er knapp 30 Jahre lang mit seiner Tele-Rolleiflex nachts durch die Stadt gestreift, um die andere Seite des ach so braven München zu dokumentieren. Er hat betrunkene Wiesn-Besucher abgelichtet, Obdachlose am Hauptbahnhof, Soldaten – und vor allem Tänzerinnen. „Es hat mir immer gefallen, wie die sich bewegt haben“, sagt er. „Das hat mich ungemein fasziniert.“

In den Fünfzigern begann Al Herb die Mädchen in Bars wie dem Intermezzo, dem Lola Montez oder dem Moulin Rouge zu fotografieren. „Das waren keine schlimmen Bars, keine Bordelle oder sowas“, erzählt er. „Der Erich Kästner war zum Beispiel oft in der Fernandel Bar.“

„Prinzessin Semiramis“ war 1951 die erste, die Herb in der Bongo Bar am Färbergraben vor die Linse lief. Weil sie aber nicht abgelichtet werden wollte, rannte sie schreiend davon, ihr Manager beschlagnahmte den Film. Wenig später kam er zurück – und engagierte den fremden, damals erst 20 Jahre alten Herb für weitere Aufnahmen. Und so wurde aus Alfred Herb, der später tagsüber als Jurist arbeitete, nach und nach der Hof-Fotograf der Striptease-Tänzerinnen.

Darauf wollte er sich aber nicht beschränken. In den Sechzigern zog es ihn etwa in Clubs wie das Birdland, in dem schwarze GIs mit weißen „Frolleins“ den Twist tanzten. Herb freundete sich mit Prostituierten des Laimer Straßenstrichs an, die auf den Fotos locker, aber auch erstaunlich bieder gekleidet wirken: lange Röcke, niedrige Schuhe kein Dekolleté. „Mein Pudel war ein gutes Kontaktmittel“, erinnert er sich. „Die haben gar nicht erst versucht, ihrem Gewerbe nachzugehen.“

Nur einmal, da waren die Damen nicht ganz so nett zu ihm. Als er Mitte der Fünfziger auf dem „Flesh Pot“, dem „Fleischtopf“ der Soldaten an der Goethestraße fotografieren wollte, haben die Prostituierten ihm die Regenschirme über den Kopf gezogen. „Die GIs haben mich dann befreit“, sagt Al Herb. „Das war eine noble Geste von denen.“

Ende der Siebziger verlor der Fotograf, der seine Bilder auch an die Münchner Presse und die Agentur „Keystone“ verkaufte, allmählich das Interesse am Nachleben. „Die Damen hatten nicht mehr die Qualität, sie haben teilweise nur mehr vor einem oder zwei Gästen getanzt“, sagt er. „ Da war wahrscheinlich das Fernsehen dran Schuld.“

Al Herbs Archiv ist nach drei Jahrzehnten dennoch prall gefüllt. Sein Bildband ist eine Hommage an jene „Schönheitstänzerinnen“, die es heute nicht mehr gibt. Herb verzichtet dabei auf Erklärungstexte. Doch dafür gibt es einen simplen Grund: Die Schwarz-Weiß-Fotos sprechen für sich.

von Thierry Backes

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