420.07.10|München|München|67
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München - Während am Rande des Prozesses im Fall Brunner alle über die Todesursache des Managers sprechen, befragt das Gericht weiter Augenzeugen. Die meisten belasten die beiden Angeklagten. Die Verteidiger dagegen ändern ihre Strategie.

© dpa
Markus S.
An diesem fünften Verhandlungstag drängen weit mehr Zuschauer als zu Prozessbeginn in den Gerichtssaal. Jeder versucht, einen der Plätze im Zuschauerraum zu ergattern. Eng wird es, weil sich seit Bekanntwerden der tatsächlichen Todesursache auch wieder mehr Journalisten für das Verfahren gegen Markus S., 19, und Sebastian L., 18, interessieren.
Nur einer, der bisher immer da war, kommt an diesem Morgen nicht: Oskar Brunner, der Vater des Opfers und Nebenkläger. „Es geht ihm nicht gut“, sagt seine Anwältin Annette von Stetten. Näheres könne sie nicht sagen. Es sei nicht sicher, ob er an den folgenden Verhandlungstagen wieder im Gerichtssaal sein könne.
Um sich ein besseres Bild vom S-Bahnsteig zu machen, haben die Verteidiger nach vier Prozesstagen außerdem beantragt, alle Verfahrensbeteiligten sollten nach Solln fahren. Vor Ort lasse sich erkennen, dass der Bahnsteig viel schmaler sei, als dies die Bilder zeigten. Markus S. und Sebastian L. hätten daher gar keine andere Chance gehabt, als auf Brunner und die vier Jugendlichen zuzulaufen.
Indes haben weitere Zeugen vor allem den Angeklagten Markus S. schwer belastet. Während er auf Brunner losgegangen sei, habe er „Fuck, fuck, ich bring Dich um, motherfucker“ gerufen. Das berichtet eine 16-jährige Schülerin vor Gericht, die mit ihrem jüngeren Bruder auf die S-Bahn wartete.
Ein älteres Ehepaar erinnert sich außerdem daran, dass Markus S. eine „Siegerpose wie im Fernsehen“ gezeigt habe, nachdem er und sein Kumpel den Tatort verließen. „Es war eine eindeutige Geste, die dem Opfer gegolten hat“, sagt der Mann über das Auftreten von Markus S. „Sein Gesicht war hasserfüllt.“ Und seine Frau erinnert sich: „Es war eine Siegerpose so nach dem Motto: Dir hab’ ich es gezeigt“ Sie kenne derlei nur aus dem Fernsehen. „Ich habe so etwas noch nie gesehen, das Gesicht war aggressiv.“ Die Pose habe sie „schlichtweg zum Kotzen“ gefunden.
Wenn der Prozess heute weitergeht, dann dürfte das Thema Todesursache mehr Gewicht als am Dienstag bekommen. Denn heute sollen Ersthelfer, Sanitäter und Notarzt als Zeugen kommen.
Der 46-jährige S-Bahn-Fahrer hatte am 12. September 2009 den Zug 7776 vom Ostbahnhof nach Wolfratshausen gefahren. Bis Solln, sagt er, sei alles ruhig und friedlich gewesen. Dort aber sei ein älterer Mann ausgestiegen und habe ihm zugerufen: „Jetzt gibt’s hier hinten Ärger.“ Ängstlich habe er dabei nicht geklungen. Die beiden Angeklagten seien als letzte von etwa 20 Fahrgästen aus der S-Bahn ausgestiegen – im normalen Tempo, nebeneinander, „eher an Brunner vorbei“. Auf dem Weg zum Treppenaufgang stand Brunner, schützend postiert vor den vier Jugendlichen. Hätten die Angeklagten an der Gruppe vorbeigehen können, „stand etwas im Weg?“, will Richter Reinhold Baier wissen. „Herr Brunner halt“, antwortet Matthias B. Dieser habe dann mit der Faust ausgeholt und einen der beiden geschlagen. Ob Herr Brunner getroffen habe, will der Richter wissen. „Getroffen hat er sehr gut.“ Dann hätten alle lautstark diskutiert. Brunner habe gesagt: „Das klären wir jetzt mit der Polizei.“ Da habe er gedacht, berichtet Matthias B., „der Druck ist weg, der Dampf ist raus“. Deshalb sei er weitergefahren, habe aber den Fahrdienstleiter über den Vorfall informiert, der dann die Polizei rufen sollte.
Die gegen den Lokführer erhobenen Vorwürfe spricht vor Gericht niemand an. Auf die Frage, warum er weitergefahren sei, sagt Matthias B. „Aus meiner Sicht hat sich da gar nichts angebahnt.“ Er wartet kurz, dann fügt er hinzu: „Ich hätte nie gedacht, dass das so ausartet.“
Von Bettina Link und Philipp Vetter
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