München - Der psychiatrische Gutachter hat im Brunner-Prozess auch für den zur Tatzeit 18-jährigen Markus S. eine Jugendstrafe vorgeschlagen. Als Belege für sein kindliches Verhalten verlas das Gericht mehrere Briefe des Angeklagten an seinen Bruder. Er träumt von einer Zukunft als Rapper – oder als Fernsehstar.

© dpa
Markus S. will nach dem Prozess "voll viele Interviews" geben.
Es ist eine Sprache, die Psychiater Franz Joseph Freisleder später als „jugendtypisch“ bezeichnen wird. „Mein Anwalt hat voll viele Anfragen von RTL und Co., die mit mir so ein Interview machen wollen.“ Die Sender wollen denjenigen zeigen, der Dominik Brunner am 12. September 2009 am Bahnhof Solln getötet haben soll. Sie wollen Markus S. im Bild, sie wollen denjenigen zeigen, der sogar noch zutrat, als Brunner bereits am Boden lag.
Markus S. würde diese Interviews gerne geben. Er sieht sie als Mittel zum Zweck, um sich seinen großen Traum zu erfüllen: eine Karriere als Star-Rapper. Sein Bruder Peter soll das Tonstudio schon einmal einrichten, solange Markus S. seine Rap-Songs noch in seiner Zelle textet. „Da fließen voll viele Gagen ein“, schreibt er seinem Bruder. „Voll krass, dass man einen Film über mich drehen will, aber ohne dich mach ich das nicht.“
Krankhafte psychische Störungen kann Freisleder bei keinem der Angeklagten feststellen. Beide hätten sich jedoch seit ihrer Pubertät dissozial entwickelt. Bei Sebastian L. habe der Verlust der Eltern – die Mutter kam in ein Pflege heim, der Vater starb an einem Hirnschlag – dazu geführt, dass der Jugendliche mehr und mehr Alkohol trank und Drogen nahm. Er habe einen „haltlos egozentrischen Lebensstil, geprägt von Missachtung von Regeln und Normen“ geführt.
Dies trifft auch auf Markus S. zu. Bei ihm habe die dissoziale Entwicklung parallel zu den schulischen Problemen begonnen. Freisleder spricht bei Markus S. von einem „disfunktionalen Familiensystem“. Dabei habe „der zwei Jahre ältere, ebenfalls sozial gestörte Bruder eine dominante Rolle“ gespielt. Dieser sei ein Vorbild für Markus S., an dem er sich ständig orientiert habe.
Die Briefe an seine Mutter klingen ganz anders. Er vermisse die Familie, denke dauernd an sie und wolle sich bessern: „Ich habe endgültig mit der ganzen Scheiße abgeschlossen, also mit der kriminellen Bahn.“
Von Bettina Link und Philipp Vetter
Dieses Lied wurde im Prozess verlesen, hier Auszüge davon:
Weißt du noch, als ich das erste Mal besoffen war, weil ich die ganze Whisky-Flasche gesoffen hab? Später bist du auch gekommen, du warst so sauer und ich hab von dir ’ne Faust bekommen …
Refrain: Weißt du noch damals, erinnerst du dich an die Zeit, ohne Stress, ohne Probleme und nur zu zweit? Weißt du noch damals, erinnerst du dich an die Zeit, mit viel Stress, mit viel Problemen und innerlich nur geweint? Weißt du noch damals, erinnerst du dich an die Zeit, ohne Alk, ohne Gras, wir waren noch Kinder und so klein? Weißt du noch damals, erinnerst du dich an die Zeit? Ich tu es, weil die Erinnerung an uns für immer bleibt.
Weißt du noch, das erste Mal Stress mit den Cops, denn wir hatten im Geschäft Zigaretten gezockt …
Als wir dann zur Esso gingen, einen Tag vor Weihnachten, voll besoffen, und die S. sagte, wir sollen es sein lassen, und wir trotzdem die Tanke und die Kerle kleinhackten …
Weißt du noch, die ganze Fighterei bei der S-Bahn am Marienplatz als so ein Kerl mit seinem Freund den anderen angepisst hat (…) wo wir dann die Typen getroffen, als ich dich zurückgehalten hab’, weil du wolltest sie boxen …
Weißt du noch, als wir die Bikes gezockt haben, und auf einmal die Cops kamen. Ich dachte, jetzt bin ich im Arsch, doch nur deines haben sie mitgenommen, und ich durfte weiterfahren.
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