108.03.10|München|München|27
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München - Nach dem Eklat um das Politiker-Derblecken am Nockherberg zeigt sich der ehemalige Autor Hannes Burger (72) besorgt um die Zukunft der Satire-Veranstaltung. Im Merkur-Interview redet er Klartext:

© Marcus Schlaf
Derblecker mit langem Atem: Über 20 Jahre hat Hannes Burger die Reden am Nockherberg geschrieben.
Herr Burger, Sie saßen im Publikum am Nockherberg. Wie haben Sie die Bußpredigt von Michael Lerchenberg erlebt?
Ich hab’ sie als schlimm empfunden. Neben mir saß der Karikaturist Horst Haitzinger, uns gegenüber Irene und Theo Waigel. Da hat keiner gelacht. Wir haben uns angeschaut und gesagt: Mein Gott, der drischt aber drauf. Das Singspiel hinterher war nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Trotzdem waren die Leute richtig erleichtert, dass sie wieder lachen konnten.
War Lerchenbergs Rücktritt unvermeidlich?
Er hätte nicht zurücktreten müssen, wenn er sich für die Dinge, die er überzogen hat, gleich entschuldigt hätte. Aber er ist ein Schauspieler mit sehr dogmatischen Vorstellungen. Ihm fehlt, was man mir oft vorgeworfen hat: journalistische Bescheidenheit. Man darf aus dem Nockherberg keine Hinrichtungsstätte machen.
Michael Lerchenberg betonte die mahnende Rolle des Fastenpredigers.
Er hat aber nicht verstanden, dass er kein Fastenprediger ist, sondern einen spielt. Er spricht nicht mit der Autorität des Evangeliums oder der Kirche. Eine Bedeutung hat der Nockherberg nicht seinetwegen, sondern nur deshalb, weil viele Politiker kommen, die von Paulaner eingeladen werden, und weil das Fernsehen das Ganze überträgt. Man darf den Politikern eben nicht als Oberzensor der Nation so auf die Hühneraugen treten, dass sie im nächsten Jahr wegbleiben.
Sie haben die Figur Bruder Barnabas 1992 erfunden. Wie beurteilen Sie ihre Entwicklung?
Man hat ihn vom Laienbruder zum intellektuellen Priester erhoben. Das gibt die Figur nicht her. Barnabas war ein Bierbrauer. Ich habe die Rolle ursprünglich für Max Grießer gewählt, weil ich ihn vor dem ständigen Vergleich mit seinem Vorgänger Walter Sedlmayr schützen wollte. Außerdem war Grießer im Vergleich zu Sedlmayr ein Bühnenschauspieler – eine Rampensau. Ich wollte nicht, dass er herumturnt und Komödienstadl spielt und dachte mir: Den müssen wir disziplinieren.
Wann kippte die Figur ins Moralische?
Bei Erich Hallhuber war’s an der Grenze, bei Bruno Jonas dann vollends – aber er hat immer den Unterschied gekannt zwischen seinen Soloprogrammen und dem Derblecken von geladenen Gästen. Django Asül konnte dann nicht mehr als Mönch auftreten – deshalb muste er auch nach dem ersten Mal gehen. Nicht weil er zu scharf war, sondern, weil die Brauerei zurück zum Markenzeichen Barnabas wollte. Hätte ich geahnt, dass die Figur so einschlägt, hätte ich sie mir patentieren lassen.
Seit einigen Jahren ist nun der Wurm drin, sei es bei der Predigt oder beim Singspiel. Hat der Nockherberg überhaupt Zukunft?
Der Nockherberg ist als Institution in Gefahr. Die Erfolgssträhne ist schon nach Bruno Jonas abgerissen. Sie müssen im nächsten Jahr was bringen, was überzeugt und länger Bestand hat. In den Themen und in der Form muss die Rede wieder bayerischer werden, in den SpitNockherberzen hinterfotziger. Mit Ironie kann man mehr erreichen als mit dem Bierschlegel. Es wird aber schwer sein, jemanden zu finden – denn der Redner wird erst mal als Verräter an Lerchenberg angesehen.
Wäre es möglich, dass die Starkbierprobe einmal ausfällt?
Wenn Paulaner sie ausfallen lässt, ergeht es ihnen wie Löwenbräu. Die haben ihre Triumphator-Probe Anfang der 80er einmal ausfallen lassen – und danach gab es nie wieder eine. Dabei hatten sie Gerhard Polt in der Rolle eines Bierkutschers und waren drauf und dran, den Nockherberg in Sachen Popularität zu übertrumpfen.
Wie müsste das künftige Gespann aussehen?
Am besten wäre ein Schauspieler mit einem Journalisten als Autor, der die politischen Pointen kennt und die Fangeisen erkennt.
Das klingt ja ganz nach Ihnen.
Nein, das tue ich mir nicht mehr an. Bei mir gab es nach zwei Jahrzehnten ja die gegenteilige Gefahr. Ich kannte die Politiker schon zu gut, da hat sich eine Art Beißhemmung breitgemacht. Wichtig wäre für den Autor eine Distanz zu den Personen und eine Nähe zu den Themen. Ich würde allerdings schon raten, an die Zeiten anzuknüpfen, in denen nur ein paar im Saal beleidigt waren und nicht alle.
Das Gespräch führte Johannes Löhr
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