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E-Zigaretten: Geschäfte im Nebel

München - Dampfen statt rauchen: Elektronische Zigaretten werden immer beliebter, doch Gesundheitsexperten warnen vor unbekannten Risiken. Die Regierung hat die E-Kippen als Arzneimittel eingestuft – doch kaum jemand weiß davon.

© Klaus Haag

Dampft mit Leidenschaft: Geschäftsinhaber Gerhard Steinke raucht eine elektrische Pfeife. Für ihn ist sie die gesunde Alternative zu echtem Tabak.

Seit Dieter Schneider aus dem Krankenhaus zurück ist, hält er vom Qualm lieber Abstand. Wenn man den Löwen-Präsidenten bei den Spielen seiner Mannschaft nun trotzdem mit einer Zigarette sieht, dann raucht er nicht. Er dampft. Seine Zigarette hat einen Akku und vernebelt das Nikotin, anstatt es zu verbrennen. Das soll weniger schädlich sein als das herkömmliche Rauchen und hat die „E-Zigarette“ in Windeseile populär gemacht.

Die Zigarette, die nicht brennt, besteht aus drei Komponenten: Einem Lithium-Ionen-Akku, dem Verdampfer und einer Kartusche, die mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, dem „Liquid“. Zieht man am Mundstück, wird die Flüssigkeit erhitzt und verdampft. Der Rauch stinkt nicht und sticht auch nicht in den Augen. Eine kleine LED-Lampe simuliert sogar die Glut.

Seit sechs Jahren ist die E-Kippe in Deutschland auf dem Markt. Lange wurde sie nur als Importprodukt über das Internet vertrieben. Seit Kurzem aber gibt es auch Geschäfte, die ganz auf E-Zigaretten spezialisiert sind. So wie der Laden „Clean Smoker“, den Gerhard Steinke im November an der Agnes-Bernauer Straße eröffnet hat. „Unser Laden ist immer voll“, freut sich Steinke. „Mit Kunden von 18 bis 80 Jahren.“ Manche reisten sogar extra aus der Schweiz an. Bislang habe er täglich knapp 40 Neukunden bedient. Doch das könnte sich bald ändern. Denn die E-Zigarette ist umstritten.

Noch sind die gesetzlichen Vorgaben schwammig. In Deutschland regelt jeder Regierungsbezirk die rechtliche Einstufung auf seine Weise. In Oberbayern gelten die Verdampfer und ihre Flüssigkeit als Medizinprodukt. Bereits seit zwei Jahren „vertreten wir die Auffassung, dass nikotinhaltige Kartuschen unter arzneimittelrechtlichen Standards zu bewerten sind“, erklärt Regierungs-Sprecher Heinrich Schuster. Eine E-Zigarette, die Nikotin verdampft, dürfte demnach nur in Apotheken verkauft werden. Eigentlich. Denn lange Zeit hat das niemanden gekümmert – entweder wussten die Händler nichts von dieser Regelung, oder sie wollten nichts davon wissen. Nur wenn das Liquid kein Nikotin enthält und lediglich ein Aroma verströmt wie Kirsche, Schokolade oder Piña Colada, darf es frei verkauft werden. Um die aktuelle Rechtslage endlich zu klären, hat die Regierung von Oberbayern nun Informationsschreiben an die Händler verschickt.

Auch Steinke hat eines bekommen: „Das liegt bei meinem Anwalt, der wird die Rechtslage klären und dann gegen das Verbot vorgehen“, kündigt er an. Vorerst habe er die nikotinhaltigen Kartuschen aus dem Sortiment genommen. „Wir werden uns keine Probleme durch illegalen Verkauf einhandeln.“ Über den Beschluss der Regierung ärgert er sich: „Ich kann überall Alkohol und Zigaretten kaufen, wieso nicht E-Zigaretten?“ Regierungs-Sprecher Schuster begründet das mit der „historischen Einführung“ der Zigarette. Die Tabakindustrie habe eben eine andere Stellung am Markt. Steinke fürchtet nun um sein Geschäft. „Manche Kunden fahren jetzt nach Holland und besorgen sich dort die Nikotin-Liquids.“

Die Regierung von Oberbayern steht mit ihrer Sicht jedoch nicht allein da. Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat die Nikotin-Verdampfer als zulassungspflichtiges Arzneimittel eingestuft und damit den Weg zu einem Grundsatzurteil geebnet. Längst warnen Gesundheitsexperten vor den weitgehend unerforschten Risiken. Ob Nikotin oder nicht – die Zusammensetzung des Liquids ist schädlich, sagen sie. Auch wenn keine Teerpartikel in die Lunge geraten, so werden durch die Verdampfung doch eine Reihe anderer Stoffe freigesetzt.

Umstritten ist zum Beispiel das Propylenglycol, das den Qualm einer echten Zigarette simuliert. Propylenglycol wird in den Nebelanlagen von Diskotheken eingesetzt, ist aber auch ein Hauptbestandteil von Frostschutzmitteln. Mitte der 80er Jahre geriet es in die Schlagzeilen, weil Weine aus Österreich mit dem Stoff gepantscht waren. In der Lunge kann es „nachweisbar zu Atemwegs-Reizungen führen“, warnt Martina Pötschke-Langer vom Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Für sie ist die E-Zigarette keine Alternative. „Für den Verbraucher ist sie ein unbekanntes Produkt. Man weiß nicht, welche Stoffe im Liquid enthalten sind und was man inhaliert.“ Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung teilt ihre Sorgen. Sie veröffentlichte eine Warnung, dass man die Risiken von E-Zigaretten nicht unterschätzen solle. Langfristige gesundheitliche Auswirkungen seien noch nicht abzuschätzen. Neben den bekannten Substanzen wie Ethanol, Glyzerin und Aromastoffen habe eine amerikanische Kontrollbehörde auch giftige Substanzen wie krebserregende Nitrosamine gefunden.

Trotz solcher Warnungen hat Steinke noch immer viele Kunden. „Vor allem jetzt, wo es draußen kalt ist, kommen noch mehr zu uns“, erzählt er. „Die Raucher wollen nicht frieren, während sie ihrer Sucht frönen. Da dampfen sie lieber drinnen im Warmen.“ Denn noch darf überall gedampft werden: im Flugzeug, im Restaurant, am Arbeitsplatz. Auch darin sieht Pötschke-Langer eine Gefahr: „Da wir nicht wissen, was genau in dem Liquid enthalten ist, wissen wir auch nicht, was die E-Raucher ausatmen.“ Die Risiken für Passivraucher – ebenfalls unbekannt.

Die EU-Kommission will die E-Zigaretten noch in diesem Jahr in die überarbeitete Fassung der Tabakprodukt-Richtlinie aufnehmen, oder sie alternativ als Medizinprodukt einstufen. Das würde strenge Prüfungen nach sich ziehen. Der Verkauf – Nikotingehalt hin oder her – wäre dann vermutlich nicht mehr nur in Oberbayern eingeschränkt oder verboten.

Dieter Schneider, der Löwen-Präsident, ist mit dem Dampfen bisher zufrieden. Früher rauchte er drei bis vier Schachteln am Tag. Heute sei es nur noch eine – zusätzlich zur E-Zigarette. „Schädlich ist es so oder so“, sagt Schneider. „Aber ich werde mich mit dem Thema jetzt mal genauer befassen.“

Constanze Kainz und Katharina Fuhrin

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