Zwei Silvesterraketen haben Waltraud Vogt fast alles geraubt. Pfeifend schlugen sie auf ihrem Balkon ein, gaben ihre Wohnung den Flammen preis. Die 79-Jährige überlebte, nun steht sie vor dem Nichts.

© Klaus Haag
Ein Foto von Waltraud Vogts Vater hat das Inferno überstanden. Ansonsten haben Flammen und Ruß kaum etwas verschont.
Nachbarn versuchen, ihr zu helfen, so gut es irgendwie geht.
Im Aufzug riecht es noch immer leicht verbrannt. Weiter oben nimmt der Gestank zu, vor allem im siebten Stock des am Neuhaderner Stiftsbogen liegenden Wohnblocks. Es ist die Etage, in der die Wohnung liegt, die an Silvester gegen ein Uhr morgens in Flammen aufging. Zwei Männer stehen im Gang, streichen Wände, putzen Türrahmen, beseitigen die Spuren der Unglücksnacht. Der Boden ist mit Pappe ausgelegt. Irgendjemand hat „Danke!“ draufgeschrieben.
Zwei Stockwerke darüber sitzt Waltraud Vogt traurig in dem Appartement, das ihr der Vermieter, die Bayerische Versorgungskammer, zur Verfügung gestellt hat. Bei ihr sind zwei Nachbarn: Walter Zaus und Ingrid Appel, die Mitglied im Seniorenbeirat und Gründerin der Mieterinitiative Haderner Stern ist. Vor allem sie, aber auch viele andere Bewohner haben sich in den vergangenen Tagen rührend um die Seniorin gekümmert.
Waltraud Vogt fällt es schwer, über die Geschehnisse zu sprechen. Immer wieder kommen ihr die Tränen. Der Schrecken sitzt tief. Die Trauer darüber, dass mit ihrer Einrichtung auch die meisten Erinnerungsstücke wie alte Briefe, Bücher und Bilder verbrannt sind, ist unendlich groß. Eines der wenigen Dinge, die unversehrt blieben, ist ein Foto ihres Vaters. „Daneben hing das meiner Mutter. Aber es ist nicht mehr da“, sagt Vogt leise.
Fast alles in ihrem Appartement ist rußgeschwärzt und zerstört. Die Fenster sind zerborsten. Auf einer Kommode, deren Front die Flammen verschonten, stehen die Reste einer Stereoanlage. Sie ist fast ganz geschmolzen. Die Wände und die Decke sind verfärbt, die Perserteppiche grau, überall liegt eine giftige Ascheschicht. Etwa drei Monate werde die Spezialfirma brauchen, um das Appartement wieder bewohnbar zu machen, berichtet Zaus.
Nach nur einem Tag verlässt sie das Krankenhaus: „Ich musste sehen, was mit meiner Wohnung ist.“ Der Anblick ist ein Schock. „Ich hatte so schöne Sachen!“ Nachbarinnen fangen die alte Dame auf. Bei einer bleibt sie drei Tage, danach kommt Vogt im benachbarten Augustinum unter. Seit Montag wohnt sie im Ersatzappartement. Ihre Nachbarn haben sie mit dem Nötigsten versorgt, ihr einige Möbel- und Kleidungsstücke, Bettwäsche und Geschirr geschenkt oder geliehen. Walter Zaus packt gerade eine Lampe aus, als es klingelt. Eine Frau, die auch im Haus wohnt, will wissen, ob Vogt etwas braucht, wie es ihr geht. „Nicht gut, mir ist oft schwindlig“, antwortet die 79-Jährige. Sie komme kaum zur Ruhe, könne nichts essen.
Anfang der Woche berichteten Zaus und Appel dem Haderner Bezirksausschuss, dass am Haderner Stern an Silvester gezielt Feuerwerkskörper in Richtung der Balkone abgeschossen worden seien. Sogar als die Feuerwehr bereits von der Drehleiter aus gegen die Flammen kämpfte, hätten Personen auf dem daneben liegenden Parkplatz noch Silvesterraketen hochgejagt.
Die Polizei geht derzeit nicht davon aus, dass Feuerwerkskörper gezielt gegen Häuser abgefeuert wurden. Bisher hätten sich keine Zeugen gemeldet, so Polizeisprecher Gottfried Schlicht. „Es ist als fahrlässig zu werten, wenn so nah an Balkonen Raketen abgeschossen werden.“ Derzeit kursiert am Haderner Stern das Gerücht, dass bei den Löscharbeiten die Wasserversorgung nicht gleich funktioniert habe. Feuerwehrsprecher Harald Justl weist dies zurück. „Es gab keine Probleme.“
Für Waltraud Vogt spielt all das keine Rolle. Sie sitzt auf Ruinen. Die 50 000 bis 70 000 Euro Schaden seien über die Versicherung abgedeckt, erklärt Appel. Sie will erreichen, dass in der Wohnanlage keine Silvesterraketen mehr abgefeuert werden dürfen. „Es müsste verboten werden“, sagt Waltraud Vogt nickend. Und kämpft erneut mit den Tränen.
Brigitta Wenninger
Spenden für Waltraud Vogt an: Mieterinitiative Haderner Stern e.V., Sparkasse München, Bankleitzahl 701 500 00, Kontonummer 1000 083 327, Stichwort: Silvesterbrand.
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