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Hilfe für Mütter, die an ihre Grenzen gehen

Hilfe für Mütter, die an ihre Grenzen gehen

München - Das Kontaktnetz „allfa beta“ unterstützt alleinerziehende Frauen mit behinderten Kindern. Jetzt bekam das Münchner Projekt eine Auszeichnung.

Jasmin kann die Welt nur robbend erkunden - oder, wenn sie im Rollstuhl geschoben wird. AMC heißt das seltene Syndrom, an dem die Sechsjährige leidet. Bei dieser Körperbehinderung sind die Gelenke verkrümmt und verdreht. Sich aufsetzen oder krabbeln kann Jasmin nicht. Für ihre Mutter Christine Heck bedeutet das, dass sie ihr Kind viel herumtragen muss, dass sie oft rund um die Uhr gefordert ist. Und dann ist da noch die tägliche Krankengymnastik - „eine sehr schmerzhafte Tortur für Jasmin, sie weint oft dabei“, erzählt Heck. „Auch mich kostet es jeden Tag Überwindung“, fügt die 46-Jährige hinzu. Es gebe bessere und schlechtere Tage. Auf Dauer aber ist die Pflege ihrer Tochter eine kaum zu ertragende Belastung. Denn Heck, gelernte Einzelhandelskauffrau, ist alleinerziehend.

Bis zu 700 Mütter in München sind nicht nur alleinerziehend, sondern haben ein behindertes Kind. Hilfe von außen bekommen diese Frauen selten. Da ist es ein Glücksfall, dass es seit 2007 ein bundesweit einzigartiges Projekt in der Landeshauptstadt gibt: Die Beratungsstelle „allfa beta“ des Vereins „siaf - sozial integrativ aktiv für Frauen“. Entstanden ist das Angebot durch die Zusammenarbeit von siaf mit der Selbsthilfegruppe „Bayerns alleinerziehende Mütter mit behinderten Kindern“. „Die Gruppe hat uns darauf aufmerksam gemacht, wie groß der Bedarf für ein solches Angebot ist“, sagt die Sozialpädagogin Igball Selimi, die „allfa beta“ leitet.

Oft sähen die Frauen keine Möglichkeit mehr, nach draußen zu kommen, Freunde zu treffen. Sie lebten sehr isoliert. Und oft, sagt Selimi, kommen die Mütter erst dann, wenn sie in einer akuten Notsituation sind. „Meist sind sie völlig erschöpft und ausgebrannt.“

So war es auch bei Bianca Brand (42), die innerhalb weniger Jahre 250 Krankenhaus- und Arztbesuche mit ihrem körperlich und geistig behinderten Sohn Noah (8) durchzustehen hatte. Als Brand zum ersten Mal zu einem der von „allfa beta“ organisierten Treffen ging, ging es ihr wie vielen der aktuell 130 Frauen, die hier Beratung und Hilfe zur Selbsthilfe bekommen: „Ich musste mich nicht erklären, die anderen haben mich sofort verstanden.“

Darum geht es bei „allfa beta“ in erster Linie: Die Mütter sollen sich untereinander vernetzen, Sicherheit geben. „Oft ist es so, dass eine Frau ein Problem hat, das die andere schon vor drei Jahren bewältigt hat“, berichtet Selimi. Was bei den monatlichen Treffen im Café des Vereins siaf dann oft wie ein lockerer Ratsch wirke, sei von massivem Nutzen. Ebenso wie die Informationen über Enlastungsangebote, gesetzliche Änderungen oder Freizeitangebote, die Selimi weitergibt. Ein Mal im Jahr organisiert die Sozialpädagogin zudem einen mehrtägigen Erholungsaufenthalt für die Mütter in Wartaweil am Ammersee - Kinderbetreuung ist inklusive. „Es ist immens wichtig, dass sich die Frauen einmal ein paar Tage auf sich selbst konzentrieren können“, sagt sie.

Das Kontaktnetz „allfa beta“ - in den ersten drei Jahren als Modellprojekt von der „Aktion Mensch“ finanziert - wird inzwischen von der Stadt München unterstützt. Heuer stellt das Sozialreferat rund 50 000 Euro zur Verfügung.

Von der Arbeit des Projekts waren auch die AOK und die Ärztekammer Berlin so überzeugt, dass sie „allfa beta“ gerade den mit 20 000 Euro dotierten „Berliner Gesundheitspreis 2010“ verliehen haben. „Angehörige und Kinder alleine pflegen zu müssen, kann jeden von uns schnell an seine Grenzen bringen“, sagte Josef Hecken, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. „Deshalb brauchen wir Initiativen wie ,allfa beta‘ zur Unterstützung derjenigen, die diese Verantwortung schultern.“

Und es ist nicht nur die Verantwortung, die es zu schultern gilt. Christine Heck hat einen zähen Kampf mit der Krankenkasse um Hilfsmittel für Jasmin hinter sich. „Die haben mich richtiggehend terrorisiert mit Anrufen. Der Hilfsmittelberater hat wörtlich gesagt, ich würde der Kasse schaden.“ Dabei wollte Heck nur einen Buggy für die damals fünfjährige Jasmin, weil sie nur so mit ihr auf den holprigen Wegen im Wald spazieren gehen konnte. Die Kasse beharrte darauf, dass „ein behindertes Kind nicht im Wald spazieren gehen“ müsse. Das Geld für die verweigerten Hilfsmittel erstritt Heck schließlich mit der Hilfe des Sozialverbands VdK. Die seelische Belastung federte „allfa beta“ ab.

Caroline Wörmann

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