München - Was der Bundestagsbeschluss zur Diamorphinabgabe an Schwerstabhängige für einen süchtigen Münchner bedeutet

Oliver Pogarell leitet die Suchtambulanz am Uniklinikum. timm
Von Kerstin Lottritz
13 Jahre alt war Ulli (Name geändert), als er sich den ersten Schuss Heroin setzte. Jahrelang beherrschte die Droge sein Leben. Der völlige Absturz kam mit Anfang 30, als seine Mutter starb: Seine Freundin trennte sich von ihm, er wurde obdachlos. Mit Prostitution verdiente er Geld für den nächsten Schuss. Heute ist Ulli 48 Jahre alt und spritzt immer noch zwei Mal am Tag – allerdings Diamorphin, ein künstlich hergestelltes Heroin, das er legal seit mehr als sechs Jahren in der Münchner Suchtambulanz erhält.
Mit der Bundestagsentscheidung sei nun die Grundlage gelegt, das ehemalige Modellprogramm auszuweiten. Doch im Gesundheitsreferat der Stadt geht man davon aus, dass sich für die Arbeit in der Ambulanz erstmal nichts ändert. „Bis wir weitere Patienten in das Programm aufnehmen können, wird es noch lange dauern“, so Birgit Gorgas, Koordinatorin für Psychiatrie und Suchthilfe. Zuerst müsse die genaue Gestaltung verhandelt werden, etwa der Kostenrahmen mit den Krankenkassen.
Von den ehemals 30 süchtigen Teilnehmern der Studie ist neben Ulli noch die Hälfte in Behandlung. Manche haben die Therapie abgebrochen, andere sind weggezogen, wieder andere sind mittlerweile abstinent. Die Patienten konnten nur noch mit einer befristeten Ausnahmegenehmigung weiter behandelt werden. „Diese rechtlich unklare Situation“, so Pogarell, „hat eine große Unsicherheit für Patienten und Ärzte mit sich gebracht.“
Für die Stadt bedeutet die Bundestagsentscheidung auch eine finanzielle Entlastung. Bisher übernahm sie die Therapiekosten. In Zukunft sollen das die Krankenkassen leisten. Rund 14 000 Euro zahlte die Stadt bislang für einen Heroin-Abhängigen pro Jahr. Doch die Studie hat gezeigt, dass den Ausgaben Einsparungen, etwa bei der Notfallversorgung, der Strafverfolgung und Haft von 6000 Euro gegenüber stehen.
„Diaphormin hat mein Leben gerettet“, sagt Ulli und freut sich für diejenigen, die nun auf eine Therapie hoffen können. Pogarell rechnet mit „wenigen hundert Heroin-Süchtigen“ in München, die für die Therapie in Frage kommen.
Für Ulli heißt die Entscheidung der Politik, auf ein Leben ganz ohne Drogen zu hoffen. Bisher hatte er sich nicht getraut, Diaphormin abzusetzen. Wer einmal aus dem Modellprojekt raus war, konnte nicht zurück. Jetzt ist alles anders. „Ich kann endlich versuchen, ein freies Leben zu führen.“
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