München - Der Hygiene-Skandal um verdrecktes OP-Besteck an zwei städtischen Kliniken zieht immer weitere Kreise. Ein Interview mit OB Ude.

„Ich bin fassungslos“: OB Christian Ude (SPD) fordert weitere Konsequenzen aus den Hygienemängeln. foto: M. schlaf
Die Opposition schießt längst auch gegen die Stadtspitze (wir berichteten): Sie habe schon bei der Besetzung der Chefposten in der städtischen Klinikum GmbH Fehler gemacht. Wir sprachen mit OB Christian Ude (SPD) über die Vorwürfe und über das Krisenmanagement in diesem beispiellosen Skandal.
Wie genau haben Sie reagiert, als Sie von den Vorkommnissen erfuhren?
Das war am Montag, den 5. Juli. Ich wurde vormittags in der Fraktionsvorstandssitzung von Stadtrat Hans Dieter Kaplan darauf aufmerksam gemacht, dass fürchterliche Dinge über Hygienemängel bekannt geworden seien. Gleich darauf, in der Referentenrunde um 11 Uhr, hörte ich erste konkrete Zitate aus dem Gutachten über die Hygienemängel. Ich habe noch während der Sitzung meine Sekretärin hereingerufen, um ein Schreiben an die Staatsanwaltschaft zu diktieren. Schneller und unmittelbarer kann man nicht reagieren.
Sie sind vor jenem Tag nicht auf die Mängel in der Sterilgutaufbereitung aufmerksam gemacht worden?
Nein. Das weiß ich sicher, weil ich bei diesem Thema sofort elektrisiert reagiert hätte. Es gab nämlich einmal einen Hygieneskandal in einer Hamburger Klinik. Damals gelangten Keime über die Klimaanlage in die OPs. Sechs Frauen wurden an jenem Tag dort operiert. Fünf von ihnen starben und nur eine überlebte. Die Überlebende war meine Frau.
Wie schockiert waren Sie da, als Sie von den Hygienemängeln in den beiden städtischen Krankenhäusern hörten?
Ich war fassungslos. Das Gutachten liest sich streckenweise so, als beschreibe es die Zustände in einem Feldlazarett unter Feindbeschuss und nicht in einem renommierten großstädtischen Krankenhaus.
Wie konnte es dazu kommen, dass so lange nichts gegen die Hygienemängel unternommen wurde. Sparzwänge?
In allen Krankenhäusern leidet man unter Sparzwängen, da ist sicher etwas dran. Ursächlich ist aber insbesondere eine völlig unerklärliche, unbegreifliche und auch unverantwortliche Untätigkeit der Geschäftsführer des Klinikums. Bei ihnen hätten spätestens im August 2009 die Alarmglocken läuten müssen, als ihnen in einer Chefarztkonferenz schwere Bedenken mitgeteilt wurden. Im Lauf der Monate hätten aber auch die Chefärzte sagen müssen: Wenn die Geschäftsführung nichts tut, melden wir die Angelegenheit dem Aufsichtsrat. Dass dies auch unterblieben ist, ist mir ebenfalls ein Rätsel.
Nein. Ich bin fassungslos.
Wer trägt die Verantwortung dafür, dass die drei jetzt entlassenen, offensichtlich unfähigen Personen zu Geschäftsführern gemacht wurden? Rot-Grün im Stadtrat?
Die Behauptung, sie seien „offensichtlich unfähig“ gewesen, muss ich zurückweisen. Der Vorsitzende Manfred Greiner war ein erfahrener und bewährter Klinikchef, der schon zwei Münchner Kliniken zur vollsten Zufriedenheit geleitet hatte und obendrein Chef der AOK München gewesen war. Er ist übrigens nicht nur von Rot-Grün gewählt worden, sondern auch von der FDP. Ich war fest davon überzeugt, dass er die richtige Wahl war.
Und die beiden anderen Geschäftsführer?
Bruno Wirnitzer war als Arbeitsdirektor von den Arbeitnehmern des Klinikums vorgeschlagen worden. Zugegeben: Mit Reinhard Fuß (ehem. Geschäftsführer Strategie und Planung, d. Red.) ist der Stadtrat ein gewisses Risiko eingegangen. Um ihn gab es damals schon Diskussionen. Denn Fuß hatte keine Klinik-erfahrung. Ich habe damals selber gesagt: Ich hoffe, dass er das im Krankenhaus lernt. Aber Fuß ist fünf Jahre später im Amt bestätigt worden - vom Aufsichtsrat, in dem Rot-Grün keine Mehrheit hat.
Die CSU moniert schon lange, ein Arzt hätte in der Leitung des Klinikums vertreten sein müssen.
Ich persönlich war immer der Meinung, dass in einem mehrköpfigen Leitungsgremium eines oder mehrerer Krankenhäuser auch ärztliche Kompetenz vertreten sein sollte. Aber das setzt natürlich voraus, dass sie einen Arzt als Bewerber haben, der Managementfähigkeiten und -erfahrungen hat. Denn das ist die erste Grundbedingung zur Leitung eines Konzerns. Nur weil jemand Arzt ist, ist er noch lange nicht in der Lage, einen Konzern zu leiten. Insofern halte ich zusätzliche ärztliche Kompetenz für wünschenswert - das wird auch ein Thema sein, wenn das neue Führungsteam gebildet wird. Aber es wird keine Quotenregelung geben, die das zwingend vorschreibt.
Wie soll es im Klinikum jetzt weitergehen?
Ich halte es für erforderlich, dass am Montag Beschlüsse gefasst werden, eine handlungsfähige Geschäftsführung sofort installiert wird. Es darf kein Führungsvakuum geben. Gott sei Dank liegen uns Angebote von Bewerbern bereits vor.
Müssen weitere Personen entlassen werden?
Ich denke, dass das, was bei Medizet (die für die Sterilgutversorgung zuständige Abteilung, d. Red.) abgelaufen ist, noch nicht ausreichend geklärt und mit Konsequenzen bedacht wurde.
Interview: Johannes Patzig
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