München - Die Wiesn - das größte Volksfest der Welt - feiert Geburtstag. Zum Jubiläum gibt es eine Ausstellung der besonderen Art. Wir haben die besten Bilder aus 200 Jahren Oktoberfest-Geschichte.

© Schlaf
Auf geht`s beim Schichtel mit Florian Dering, Kurator der Ausstellung.
Was schenkt man nur einem Prinzen und einer Prinzessin zur Hochzeit? Nein, wir sprechen hier nicht von Schwedens Victoria und ihrem Bürgerlichen, wir reden von unserem Kronprinzen. Ludwig - später König Ludwig I. - heiratete am 12. Oktober 1810 seine Therese von Sachsen-Hildburghausen. Und die Münchner Bürgerschaft wollte dem Paar eben auch etwas ganz Besonderes darbringen. Aber was bloß?
Die zündende Idee kam vom Lohnkutscher Franz Baumgartner, der gerade als Unteroffizier bei der Kavallerie diente: Wie wär’s mit einem Pferderennen? Major Andreas von Dall’Armi war sofort dabei, und ruckzuck waren alle bürokratischen Hindernisse genommen. Auch Ludwigs Papa, Max I. Joseph, war einverstanden. 40 000 Menschen erlebten den Renntag am 17. Oktober auf der Wiese beim Sendlinger Abhang mit - die Geburtsstunde des Oktoberfestes oder kurz: der Wiesn.
Das Konzept der Schau erzählt chronologisch, was die Orientierung des Betrachters erleichtert, und arbeitet zugleich wunderbar augenfällig Schwerpunkte heraus: zunächst das Herrscherhaus als das Zentrum des Festes, danach die Schaustellerei, die zum Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr zunahm. Das Bier - Stichwort: Wirtschaftsmacht Brauereien - war von Anfang an dabei, was die locker in die Ausstellung verstreuten Banzen (darunter das älteste Bierfass Münchens) und Krüge beweisen. Am Bier, besser am Missbrauch des Alkohols, hakt auch die Kritik der Schau an der Wiesn ein, die ansonsten eine innige Liebe zum - eher gmiatlichn - Oktoberfest ausstrahlt.
Zu Beginn der schönen Inszenierung, die Hoffer geschickt in die komplizierten Räumlichkeiten des Museums integriert hat, fällt einem eine Fototapete auf. Sie zeigt den hemmungslosen Trubel auf der „jungen“ Wiesn und davor den Aushang eines Stummen Verkäufers unserer Zeitung mit der Aufschrift „Schon betrunken auf die Wiesn: Immer mehr junge Besucher ,glühen vor‘“, dazu Vorglüh-Utensilien wie Alcopop-Flaschen. Sie wurden im vergangenen Jahr um kurz vor neun Uhr vormittags (!) am Hacker-Zelt gefunden. Mit diesen originalen Indizien stellt der Auftakt der Ausstellung zu ihrem oben erwähnten Ende eine sarkastische Verbindung her. Die satirischen Blätter von einst zeigen allerdings, dass immer schon gsoffn und graft (gerauft) - und gemahnt sowie kontrolliert wurde.
Auch wenn es heute ein Münchner Fest ist, das Oktoberfest, war es doch ursprünglich im „Landwirtschaftlichen Verein in Baiern“ verankert, woran uns das Zentral-Landwirtschaftsfest immer noch erinnert - und das Stadtmuseum mit Exponaten von Grafiken bis zur Mistgabel. Am meisten kommen in der Präsentation aber die Schausteller-Nostalgiker auf ihre Kosten. Etwa in der kleinen Budenstraße mit Kintopp, Gaudi-Fotostudio mit alten Schablonen und dem lustigen Spiegelkabinett. Dann die alten Geisterbahn-Unholde, die sich an holden Mädchen vergreifen, die „Maschin“ von der Steilwand-Kitty, das Standl vom Vogel-Jakob und der rote Reiterrock des Gentleman-Ausrufers vom Hippodrom. Sie alle stehen einem lebendig vor Augen, ihre Faszination, ihre einmalige Persönlichkeit. So etwas vermisst man auf der heutigen Wiesn schon arg. Etwas anderes Altes hat dagegen fröhliche Urständ gefeiert - und manchmal ein gruseliges Wiedergängertum. Auf vielen Darstellungen, aber auch mit wirklich schönen Hüten und Hauben der Tracht schildert die Exposition ein ehrliches Gwand. Das ist vor einigen Jahren extrem aufgelebt - als mehr oder weniger gelungene Fantasie-Kostümierung: Das zeigt ein Dirndl-Laufsteg auf Hunderten von Masskrügen vor einer Film-Endlosschleife von „O’zapft is!“.
Das Oktoberfest ist mit der Zeit gegangen - von Anfang an, das lehrt die Ausstellung. Bei Cholera, Krieg, Inflation musste es ausfallen, schmerzlich auch das Foto vom Wiesn-Attentat. Aber es hat sich stets aufgerappelt unter den geduldigen Augen der Bavaria, die seit 1850 über ihm wacht. Mal ging es nach den Katastrophen wieder los mit einem Festzug der Wirte (1925), mal mit Dünnbier und einer Fischsemmel auf Brotmarken (1946). Und das Oktoberfest feierte sich in diesen 200 Jahren gern selbst. Zu allen Jubiläen finden sich im Museum Stücke, sei es der Festumzug mit 86 Wagen zu allen „Isarkreisen“ (Oberbayern) zum 25-Jährigen oder das neun Meter lange Gemälde zum 100-Jährigen. Was wohl vom 200-Jahre-Jubiläum bleiben wird?
Die Ausstellung
läuft bis 31.10. im Münchner Stadtmuseum am St.-Jakobs-Platz 1. Geöffnet ist sie mittwochs bis sonntags 10-18 Uhr, dienstags 10-21 Uhr. Tel. 089/ 23 32 23 70, Begleitprogramm unter www.muenchner-stadtmuseum.de, Festschrift: 24,90 Euro.
Hier finden Sie viele weitere Bilder von der Ausstellung.
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