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Mittlerer Ring: So entsteht der Mammut-Tunnel

Mittlerer Ring: So entsteht der Mammut-Tunnel

München - Am südwestlichen Mittleren Ring baut die Stadt einen neuen Supertunnel - und hat das Gebiet um den Luise-Kiesselbach-Platz dafür in eine gigantische Baustelle verwandelt.

© Marcus Schlaf

Großbaustelle am Nadelöhr: Am Luise-Kiesselbach-Platz, vom Verkehr umtost, sind die Arbeiten am Tunnel in vollem Gang. Rechts im Hintergrund: das städtische Altenheim.

Die Baumaschinen folgen einer exakten Choreographie, damit das technische Mammutwerk im Zeitplan fertig wird.

Ein Rundgang.

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Sie sehen aus wie Urzeit-Echsen mit langen Hälsen: die gelben Metallriesen, die in diesen Tagen entlang der Garmischer Straße aufragen und stampfend und dröhnend Stahlrohre in die Erde rammen. Man ist geneigt, sich spannende Namen für die Ungetüme auszudenken, doch Johann Wittmann nutzt da einen eher unromantischen Begriff: „Wir nennen sie Bohrgeräte.“

Überhaupt ist Wittmann ein ziemlich sachlicher Typ. Und das ist gut so. Denn der 58-jährige Bauingenieur trägt eine Menge Verantwortung. Zwei Tunnels am Mittleren Ring hat er der Stadt als Projektleiter schon beschert. Jetzt arbeitet er an seinem Meisterstück – der größten der drei Röhren für den Mittleren Ring: Fast drei Kilometer lang, teilweise zweistöckig und bis zu 22 Meter tief. Wittmann ist der Dirigent in dem vielstimmigen Konzert der Bohrer, Bagger und Bauarbeiter, das gerade beiderseits des Luise-Kiesselbach-Platzes aufgeführt wird.

Mancher Autofahrer kann dem freilich noch recht wenig abgewinnen. Die Fahrbahnen auf dem Ring entlang der Tunnelbaustelle wurden verschwenkt. Vor allem zwischen 10 und 16 Uhr, wenn Baufirmen öfter eine Spur komplett sperren, kommt es zu Staus. Unvermeidbar, sagen die Experten. Schließlich soll unter fließendem Verkehr ein 398,5 Millionen teurer Tunnel gegraben werden. Um das fertigzubringen, folgen die Arbeiter einem ausgeklügelten Plan.

Zurzeit arbeiten die Spezialisten an der Westhälfte der Garmischer Straße. Dort sieht man im Moment, wie die Bohrgeräte einen Bohrpfahl nach dem anderen in den Untergrund pflanzen. Die bis zu 1,50 breiten und viele Meter langen Betonpfähle bilden später die Seitenwand des Tunnels. Danach betonieren die Arbeiter auch gleich den westlichen Teil der Tunneldecke – direkt aufs Erdreich. Während dieser Zeit wird der Verkehr im Osten an der Baustelle vorbeigeführt.

Sind diese Arbeiten beendet, darf der Verkehr im Westen wieder über den neuen Deckel fließen – und die Arbeiter machen nebenan weiter. Sie nehmen sich erst den mittleren, und dann den östlichen Teil der Straße vor, betonieren die Tunneldecke und bohren im Osten die zweite Seitenwand in den Untergrund. Der Verkehr wird immer entsprechend verschwenkt. Ende 2012, glaubt Wittmann, dürfte das Tunnelgerüst komplett sein. Dann kann oben der Verkehr wieder auf voller Breite rollen. Erst dann wird das Erdreich unter der Tunneldecke ausgehoben – der Innenausbau kann beginnen.

An der Heckenstallerstraße ist man schon weiter. Dort gehen die Experten nach dem gleichen Prinzip vor: Derzeit ist der Verkehr nach Norden verschwenkt und auf der Südseite wird gebaut. „Hier ist schon das erste Stück Tunneldecke zu sehen“, sagt Wittmann und ein gewisser Stolz ist ihm anzumerken. Nach acht Monaten Arbeit nimmt der Tunnel Gestalt an.

Dennoch hat Wittmanns Team noch viel vor sich. Denn auch wenn der Luise-Kiesselbach-Platz schon jetzt an eine Geröllwüste erinnert – im Mai oder Juni geht es dort erst richtig los. Dann wird ein noch viel größeres Baufeld eingerichtet. Hier erhält der Tunnel sogar zwei Stockwerke. „Die Zufahrt von der Garmischer Autobahn auf den Ring in Richtung Norden wird unter dem Haupttunnel durchgeführt“, so Wittmann. So können Pendler hoffen, dass der Verkehr von der Autobahn kommend künftig flüssiger läuft.

Bis dahin sollten sie sich aber auf Geduldsproben einstellen. Denn: „Ab Sommer müssen wir wegen des großen Baufeldes den Verkehr auf der Kreuzung völlig neu organisieren“, sagt Stefan Bauer, zuständiger Experte beim KVR. Dann werde man nicht mehr direkt vom Mittleren Ring nach links auf die Autobahn abbiegen können. Stattdessen muss man 200 Meter weiter fahren, dann eine 180-Grad-Wende vollziehen und auf die Autobahn biegen. Freilich wird dies für noch zäheren Verkehr rund um die Baustelle sorgen.

Und Wittmann muss noch viel mehr im Blick haben: Etwa die Betriebsstationen für den Tunnel, die an vier Stellen entstehen. Oder die Pumpstationen: Falls in der Röhre später ein Unfall passiert und womöglich ein brennender Tanklastzug gelöscht wird, muss das Wasser abgepumpt werden. „Wir kämpfen täglich darum, im Zeitplan zu bleiben.“ Klar, dass all das auch ins Geld geht: 34 Millionen Euro werden allein für provisorische Verkehrsführung und Ampeln ausgegeben. Rund 50 Millionen kosten die Versorgungsleitungen, die rund um den Tunnel neu verlegt werden. Und: 20 Millionen hat Wittmanns Team schon verbaut. Doch der Bauleiter ist zuversichtlich: „Bei den anderen Tunnels konnten wir den Kostenrahmen gut einhalten.“

Und es gibt etwas, auf das Wittmann sich sehr freut: Ende 2015 soll der Tunnel fertig sein und ein Großteil des Verkehrs darin verschwinden. Über die Garmischer Straße brettern heute 103 000 Autos am Tag – dann sollen es nur noch 4000 sein. An der Oberfläche entsteht viel Platz: für Bäume, Promenaden, sogar für einen Park vor dem Altenheim am Luise-Kiesselbach-Platz. Dafür, so ist die Stadt überzeugt, lohnt es sich, einige Jahre Staub und Lärm zu ertragen.

Johannes Patzig

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