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München: Die Hauptstadt des Fluss-Surfens

München: Die Hauptstadt des Fluss-Surfens

München - Die Eisbach-Surfer haben die Öffentlichkeit lange gemieden - aus Angst, jemand könnte ihnen ihr Hobby wegnehmen. Umso faszinierender ist der Film „Keep Surfing“, der heute im Kino startet.

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Videobeschreibung (+Laufzeit oder Datum siehe Original).

Er hatte sie ja gewarnt. Walter Strasser hatte sie erst freundlich angesprochen, dann angeraunzt, in dem ihm eigenen schroffen Ton. Er hatte ihnen eindringlich nahegelegt, doch bitte die Kamera auszuschalten. Vergebens: Sie ignorierten ihn einfach. Das konnte, das wollte Strasser sich nicht gefallen lassen. Also schubste er die Kameraleute ins Wasser, einfach so. „Aber geschlagen habe ich keinen“, sagt er - und grinst schelmisch.

Walter Strasser ist ein zentraler Protagonist in Björn Richie Lobs großartigem Dokumentar-Film „Keep Surfing“. Denn ohne den gelernten Tankschutzmonteur gebe es die Eisbach-Welle an der Prinzregentenstraße gar nicht: Strasser hat die Holz-Planken eingebaut, die das Wasser zu einer stabilen Welle stauen. So ganz legal dürfte das nicht gewesen sein. Doch seither nennen die Eisbach-Sportler Walter Strasser nur noch den „Hausmeister“.

Mann der ersten Strunde: Dieter Deventer reitet seit 35 Jahren Wellen - anfangs als "Brettl-Fahrer", heute als Surfer.

Der Spitzname ist geblieben, selbst wenn Strasser der Isar längst den Rücken gekehrt hat. Der Hausmeister lebt heute auf Sardinien und werkelt an seinen Didgeridoos. Er gehört zu den renommiertesten Produzenten aus-tralischer Blasinstrumente. Den Alteingesessenen bleibt der kauzige Typ im Gedächtnis, weil er sich stets für die Sache geopfert hat. Er reparierte die Welle, wenn eines der im Wasser versenkten Bretter von der Strömung weggerissen wurde. Und er schützte die Surfer vor Kameralinsen. „Der Walter wollte nicht, dass der Sport in die Medien kommt“, sagt Dieter Deventer, ein Surfer der ersten Stunde. Polizei und Politik sollten ja nicht auf die Idee kommen, die Welle abzuriegeln. Und die Möchtegern-Surfer wollte man hier auch nicht haben.

Jahre später ist das alles Makulatur. Die Sportler sind eine Attraktion. Die Eisbach-Welle steht in jedem Reiseführer, und wer eine Radl-Tour bucht, macht hier einen Zwischenstopp. „Wir haben praktisch mehr Zuschauer als der FC Bayern“, scherzt Regisseur Björn Richie Lob, „denn wir sind ja 24 Stunden dort.“

Das Fluss-Surfen ist längst Volkssport geworden - was in der Szene nicht jedem gefällt. Klar ist: Je mehr Menschen anstehen, desto aggressiver ist die Stimmung. Selbst unter den ach so coolen Surfern. „Wenn mehr als sechs Leute da sind, schaue ich lieber zu“, sagt Dieter Deventer, der Oldie. Dann stehe er lieber um 4 Uhr morgens auf, um als Erster auf der Welle zu reiten.

Als Deventer vor 35 Jahren anfing, wusste an der Isar noch niemand, was ein Surfbrett ist. Auch er nicht. „Wir sind Brettl gefahren“, sagt er - allerdings nicht am Eisbach, sondern eine Stufe oberhalb der heutigen Floßlände. „Brettl-Fahren ist wie Wasserski“, erklärt Deventer. Das Seil habe man damals an einer Brücke befestigt. Dass es auch ohne geht, entdeckten die Brettl-Fahrer erst, als das Seil mal durchhing - und sie trotzdem auf der Welle stehenblieben. Deventer hüpfte mit einer Luftmatratze in die Strömung, andere mit Bierbänken. „Ein Freund von mir hat dann das erste Surfbrett gebaut“, sagt der Blondschopf. „Es war 20 Zentimeter dick.“ Das Fluss-Surfen war geboren.

Extremsportler: Eli Mack hat weltweit 120 Flusswellen entdeckt. Kleidung hält er offenbar für überbewertet.

Heute gilt München als die „Hauptstadt des Fluss-Surfens“. Das sagt der amerikanische Extremsportler Eli Mack, der stets nach neuen Wellen sucht. Im Film sieht man ihn zuerst nackt über die Ludwigstraße radeln, dann im Eisbach surfen, ebenfalls nackt. Und dann nimmt er den Münchner Informatiker und Eisbach-Surfer Gerry Schlegel mit nach Skookumchuck in Kanada, zu einer monströsen Flusswelle. Und der erbleicht. Es wird hier nichts passieren, aber die Bilder zeigen, wie gefährlich die Wassermassen sein können.

Das gilt selbst für die beschauliche Isar, die sich im Sommer 2005 in einen reißenden Fluss verwandelt hatte. Mittendrin Regisseur Björn Richie Lob, die Eisbach-Surfer - und die Polizei. Lob sagt, er habe damals „um sein Leben paddeln müssen“. Er sagt aber auch: „Wir verstehen die Polizei, aber wir wollen trotzdem unseren Sport machen.“

Dieter Deventer denkt da einen Tick anders. Er trägt stets einen Helm auf dem Brett. „Ich bin so ein Schisser“, sagt er. „Deswegen lebe ich auch noch.“ Surfen ist zwar immer Gaudi, aber auch Gefahr. Fünf Jahre ist es her, da wäre seine Tochter Toni fast ertrunken. Sie war mit ihrem Schuh an einem Nagel unter Wasser hängengeblieben. „Ich wusste, ich habe nur eine Chance“, um sie zu retten, sagt Deventer. Er sprang ins Wasser und nutzte sie. Seinen Sport liebt er immer noch. Im Film wird seine Toni gefragt, wie oft ihr Vater denn surfe. Sie antwortet: „Am Tag?“

Thierry Backes

Eisbach-Surfen: Ein Sport im Graubereich:

In der Asservatenkammer der Polizei soll es vor etwa 15 Jahren ausgesehen haben wie in einem Surfshop. Damals verfolgte man ein restriktive Politik, die Beamten sammelten die Bretter ein. Später war das Surfen auf der Eisbach-Welle ein Sport im Graubereich: geduldet, aber nicht erlaubt. Das hat sich im November 2009 geändert, als die Stadt dem Freistaat das Grundstück abgekauft hat. Seitdem ist das Wellenreiten „für Geübte erlaubt“. Die Stadt trägt nun die Verantwortung, wenn jemand zu Schaden kommt.

tba

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