München - Der Schauspieler Raphael Dwinger (24) bringt mit „Nestbeschmutzung“ das Verhältnis zu seinem Großvater, einem NS-Schriftsteller, auf die Bühne.

Es gab mal eine Zeit, da hat die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ganze Familien gespalten. Das ist lange her. Umso erstaunlicher, dass der junge Schauspieler Raphael Dwinger aus München heute noch zum „Nestbeschmutzer“ werden konnte - und diese Erfahrung nun in der Reaktorhalle auf die Bühne bringt. „Ich habe nicht gewusst, dass mein Großvater so in das Nazi-Regime verstrickt war“, sagt der 24-Jährige.
Eigentlich habe er ja das Leben des Großvaters Edwin Erich Dwinger ganz arglos für ein Bühnenstück adaptieren wollen, erklärt der Enkel. Denn dieses Leben war beeindruckend: Dwinger war Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg, Bestsellerautor während der Weimarer Republik, erst recht aber im Dritten Reich. Seine Werke wurden in zwölf Sprachen übersetzt. Doch der Nachfahr wurde böse überrascht: „Während meiner Recherche fand ich heraus, dass das Bild, das mir in Familienanekdoten präsentiert worden war, mitunter komplett konträr zum echten Edwin Erich Dwinger war.“
Raphael Dwinger wusste, dass der Großvater im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels und SS-Chef Heinrich Himmler geschrieben hatte. „Aber es hieß immer: Das waren nicht seine Ansichten, er hatte halt eine Familie zu ernähren.“ Als der junge Dwinger sich jedoch zusammen mit dem jüdischen Regisseur Tobias Ginsburg, „die Bücher vorknöpfte“, bröckelte das Bild immer mehr. Besonders den Roman „Der Tod in Polen“ fand Dwinger junior unerträglich - der sei unter anderem zur weltanschaulichen Schulung für SS-Angehörige verwendet worden.
Dwinger ist überzeugt, dass seine Familiengeschichte deutsche Geschichte repräsentiert. „Obwohl ich meinen Opa nie kennen gelernt habe, war er für mich absolut identitätsstiftend. Er wollte selbst Schauspieler werden, und ich glaube, ich habe einiges von ihm geerbt. Diese widersprüchlichen Empfindungen sind für mich entscheidend.“ Bereut hat er seine Enthüllungen nicht. Und auch, wenn Raphael Dwinger ein „Nestbeschmutzer“ ist, betont er: „Das Verhältnis zu meiner Familie hat keinen Schaden gelitten.“
Johannes Löhr
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