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Neuer Volkssport: Maibaumklau

München - Nächsten Samstag ist Maibaumtag. Und schon jetzt geht der Diebstahl um. Die Grenze zwischen echtem Brauchtum und purem Gauditum verwischt.

© dpa

In Bayern hat der Maibaum-Klau eine lange Tradition.

Dienstagnacht war Antenne-Bayern-Moderator Wolfgang Leikermoser („Leiki“) wieder voll in Fahrt: Arbeitsauftrag: Maibaum-Klau. Vergangenes Jahr entführte er den Maibaum von Cham per Schwertransport, was den örtlichen Tourismuschef fast den Job kostete, weil er das nicht so lustig fand. Diesmal war Neuhausen bei Deggendorf an der Reihe. Mei, der Leiki, so a Hund...

Oder der Söder, auch so ein Fall. Ein 14-Meter-Bäumchen schaffte Bayerns Minister fürs Seichte vom Chiemsee bis nach Brüssel und hatte anschließend noch die Chuzpe, zu behaupten, dass das natürlich kein PR-Gag sei.

„Alles ein abgekartetes Spiel“, schnaubt Sepp Obermeier vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte. „Der Maibaum ist ein Brauch aus dem Volk heraus, den kann ich nicht exportieren, schon gar nicht bis Brüssel.“

Obermeier fordert einen neuen Maibaum-Kodex, der Missbrauch zu kommerziellen Zwecken eindeutig ausschließt, eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Sinn des Maibaums also. „Der Maibaum selbst ist das Entscheidende, nicht der Diebstahl“, sagt auch Michael Ritter, Experte des Landesvereins für Heimatpflege. Der Baum sei ein Symbol für die dörfliche Gemeinschaft, für kommunale Eigenständigkeit, die sich erst im frühen 19. Jahrhundert entwickelte. Allerdings gibt es schon frühere Nachweise – das älteste Bild (mit Starnberger Ortsansicht) stammt aus dem Jahr 1585 und ist im Antiquarium der Münchner Residenz zu sehen, sagt der Brauchtumsforscher Albert Bichler. Oft vermutete germanische Ursprünge – der Baum als phallusähnliches Fruchtbarkeitssymbol – sind laut Ritter „Schwachsinn“. Wohl aber gab es den Brauch des Maiens – junge Burschen steckten kleine Bäume vor das Anwesen der von ihnen angebeteten Mädchen. Zweite Wurzel des Maibaums: sogenannte Wirtsbäume, die zeigten, wo das Wirtshaus ist.

Die goldenen Regeln beim Maibaum-Stehlen

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Ein bisschen trauern die Experten also der (vermeintlich) guten alten Zeit hinterher. Kein Wunder, denn es gibt mittlerweile einige fragwürdige Begleiterscheinungen. Da ist zum Beispiel die Sucht nach Rekorden: „Immer höher, schwerer, dicker soll er sein“, ärgert sich Ritter. 20 Meter tuns allemal, sagt er. Nicht so in Eicherloh (Kreis Erding): Der Rekordmaibaum hat hier in diesem Jahr 57 Meter – Weltrekord (siehe Interview unten). Da braucht es einen Kran. Das Gefallen des Brauchtumsexperten findet das nicht: Schwerlastkräne nämlich sind, so weiß Michael Ritter, mit dem Brauchtum unvereinbar. Eine unerfreuliche Begleiterscheinung ist auch, die Zunftschilder zu Werbetafeln umzuwidmen, wie es hie und da zu finden ist.

Nicht zu klären ist hingegen die ewige Streitfrage, ob der Maibaum nun weiß-blau bemalt oder nur geschält, mithin nackert aufgestellt werden soll. Die Antwort von Ritter: Alles ist erlaubt – auch ungeschälte Bäume gibt es, und in Franken findet sich manch weiß-rot angestrichenes Exemplar.

Eine Art Ehrenkodex hat sich auch beim Maibaumdiebstahl entwickelt. Strittig ist insbesondere, was den Burschen aus Schwabniederhofen bei Schongau kürzlich widerfuhr: Ihnen stahlen 25 junge Peitinger den bereits gehobelten, aber noch im Wald aufbewahrten Baum. Darf man das? Eigentlich nicht, sagt Michael Ritter. Diebstahl ist erst innerhalb eines Ortes zulässig. Auch aufgezwickte Schlösser sind nicht erlaubt – „Sachbeschädigung hat mit Brauchtum nichts zu tun“, warnt Ritter.

Aber ist das Klauen überhaupt ein richtiger Brauch? „In den vergangenen 20 bis 30 Jahren hat das richtig überhand genommen“, sagt Michael Ritter. Doch eine jahrhundertealte Tradition ist nicht feststellbar. „Ich kenne keinen Beleg für einen Maibaumdiebstahl vor 1900“, schrieb schon 1976 der verstorbene Volkskundler Günther Kapfhammer. „Das ist kein Brauchtum, allenfalls ein Nebenbrauch“, sagt Volkstumsforscher Bichler.

von Dirk Walter

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