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NS-Opfer: Streit ums Denkmal eskaliert

München - Jahrelang haben sie brav diskutiert – am Ende gerieten sich die Münchner Stadträte über die „neuen Formen“ des Gedenkens an die NS-Opfer massiv in die Haare.

Der Stadtrat will den Platz der Opfer des Nationalsozialismus aufwerten.

© Foto: Haag

Der Stadtrat will den Platz der Opfer des Nationalsozialismus aufwerten.

Immerhin einigten sie sich am Ende doch auf ein Mahnmal im

herkömmlichen Sinne – am „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“.

„Vertrauensbruch“, „Denkverbot“, „Tribunal“. Die Mitglieder des Münchner Kulturausschusses schwangen gestern manch verbalen Dreschflegel. Kein schönes Bild nach drei Jahren relativ gesitteter Diskussion über die „Neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens an die NS-Opfer“. Man hatte Tagungen veranstaltet, eine Jury einberufen und Künstler geladen. Jetzt das – und warum?

Im Mittelpunkt der Kritik stand das indiskrete Verhalten Marian Offmans (CSU). Ihm passte das von der Jury favorisierte Projekt nicht und offenbar plauderte er deshalb aus der geheimen Jury-Sitzung. Ergebnis: Details über das akustische Kunstwerk (man kann sich dabei Texte zum Holocaust über eine Handy-Hotline anhören) landeten in der Zeitung, versehen mit der Frage: „Holocaust-Gedenken übers Handy – das soll alles sein?“ Dabei war noch nichts entschieden.

Selbst der ruhige Kulturreferent Hans-Georg Küppers nannte die Indiskretion „ein völlig undemokratisches Verfahren“, um die „Deutungshoheit“ über die Entscheidungsfindung zu erlangen. Die Kunstexperten der Jury seien „hochgradig empört“ und die Künstlerinnen – insgesamt sind noch drei im Rennen – „stark verunsichert“.

Die Räte spuckten Gift und Galle. Ingrid Anker (SPD) bezeichnete Offmans Vorgehen als „Zäsur in der Ausschussarbeit“. Das Vertrauen in den Stadtrat sei diskreditiert worden. Siegfried Benker (Grüne) sah zudem das Verhalten von OB Christian Ude „äußerst kritisch“ – auch der hatte sich zu dem Kunstwerk geäußert, ohne in der Jury zu sitzen. „Man will hier offenbar ein Diskussions- und Denkverbot aufbauen“, sagte Benker.

Richard Quaas (CSU) verteidigte Offman gegen „das Tribunal“ der anderen: Als Münchner Jude, der seine Angehörigen durch den Holocaust verloren habe, habe er in der Sache möglicherweise „eine Sensibilität, die für manch anderen nicht fassbar ist“. Dies wiederum brachte Michael Leonhart (SPD) in Rage. Der rief, sein Großvater sei im KZ Buchenwald ermordet worden. „Ich werde mich aber hüten, mit knallharter Betroffenheitsrhetorik Politik zu machen.“

Offman gestand die Indiskretion ein, erwähnte aber, dass jüdische Gemeinschaften auf der ganzen Welt auf München blickten. „Wenn das Gedenken darin besteht, eine Telefonnummer zu wählen, dann werden die sagen: Die Münchner wollen das ganze Thema unter den Teppich kehren.“ Dies veranlasste Ingrid Anker zu dem Vergleich, für Offman seien offenbar „die Eintrittskarte und das Theaterstück“ ein und dasselbe. Der Antrag von Quaas, Opfergruppen nochmals um ihre Meinung zu dem Kunstwerk zu fragen, wurde mehrheitlich abgelehnt.

In einem war sich die Mehrheit dann aber doch einig: Nie habe man vorgehabt, die „Neuen Formen des Gedenkens“ anstelle eines zentralen Erinnerungsorts installieren zu wollen. „Das Kunstwerk kann nur eine Ergänzung sein“, betonte Benker. Man einigte sich darauf, den Platz der Opfer des Nationalsozialismus attraktiver zu gestalten. Für eine Verkehrsberuhigung, so der Grünen-Chef, müsse man „auch städtebauliche Maßnahmen“ ergreifen. Möglich sei zum Beispiel, die vor Jahren auf Eis gelegten Pläne zur Verlegung der Altstadtringtunnel-Öffnung neu zu überdenken.

Von Johannes Löhr

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