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S-Bahn-Chaos: Wer ist schuld?

München - Der Kurzschluss, der am Freitag die S-Bahn ins Chaos stürzte, könnte noch Folgen haben: Stadt und Bahn weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu. Die Bahn prüft, ob es noch mehr gefährdete Stellen im Netz gibt.

© Schlaf

Um den Hergang des Vorfalls zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass „die Donnersbergerbrücke“ eigentlich aus zwei nebeneinander stehende Brückenbauwerke besteht: Auf der Westseite eine Stahlkonstruktion aus den 1930er-Jahren, auf der Ostseite ein Stahlbetonbau aus den 60ern. Zwischen beiden Bauwerken klafft ein mehrere Zentimeter breiter Spalt. „Das muss auch so sein“, erklärt Cornelia Unterhuber vom Baureferat. Weil die Konstruktionen unterschiedlich schwingen, würden sonst Risse entstehen.

Durch diesen Spalt war nun streusalzhaltiges Tauwasser auf die Isolatoren von Bahn-Oberleitungen getropft, die unter der Brücke hindurchführen. Diese Isolatoren aus Glas oder Keramik trennen die unter Spannung stehenden Leitungen von der geerdeten Aufhängung – dank ihrer Bauweise auch dann, wenn sie vom Regen nass sind. Doch Salzwasser leitet den Strom und reduziert die isolierende Wirkung. Deshalb kam es an der Oberleitung eines Rangiergleises zum Kurzschluss und einer folgenschweren Kettenreaktion: Die Leitung riss, fiel auf einen Kabelschacht und löste einen Kabelbrand mit nachfolgender Stellwerksstörung aus.

Weil Techniker auch an der Oberleitung der S-Bahn-Gleise Salzkrusten entdeckten, wurde vorsichtshalber auch dort der Strom abgeschaltet, bis Arbeiter die Isolatoren gereinigt hatten.

Die Bahn sieht nun die Stadt in der Pflicht, denn der gehört die Donnersbergerbrücke. „Es dürfte nicht passieren“, dass Wasser von oben auf die 15 000-Volt-Leitungen tropfe, so Bahn-Sprecher Bernd Honerkamp. Es sei „Aufgabe der Stadt“, das sicherzustellen. Ob die Bahn Schadenersatzforderungen an die Stadt richten werde, ließ Honerkamp offen: „Dazu äußere ich mich nicht.“

Im Baureferat sieht man sich nicht in der Verantwortung. Die Sichtweise der Bahn sei „so nicht richtig“, so Unterhuber. „Die Bahn hat von uns lediglich die Genehmigung, ihre Leitungen an der Donnersbergerbrücke zu befestigen.“ Für die Sicherheit der Anlagen sei sie selbst verantwortlich. Nachlässigkeit will man der Bahn nicht vorwerfen. Doch eines, so Unterhuber, sei städtischen Fachleuten am Freitag aufgefallen: „An vielen Stellen sind Abtropf-Vorrichtungen angebracht, aber interessanterweise nicht an der Stelle, an der es den Kurzschluss gab.“

Um weiteres Salz-Tropfwasser zu vermeiden, hat die Stadt noch am Freitag den Spalt zwischen den Brückenteilen von Schnee befreit. Die Bahn inspiziert unterdessen andere Unterführungen in ihrem innerstädtischen Streckennetz, um zu kontrollieren, ob auch dort wegen Salzkrusten auf den Isolatoren ein Kurzschluss droht.

Die Trambahn, die auf ihrem Streckennetz zahllose Straßenbrücken unterquert, hat derartige Probleme bisher nicht gehabt. Dies sei schon wegen der viel geringeren Betriebsspannung unwahrscheinlich, so ein MVG-Sprecher. Die Trambahn fährt mit 750 Volt, ein Zwanzigstel der Bahn-Spannung.

Doch einmalig ist das Phänomen Kurzschluss durch Salz keineswegs: Im Oktober 2002 saßen 8000 „Eurostar“-Fahrgäste über Nacht beiderseits des Ärmelkanals fest: Orkan Jeanett hatte Gischt aus dem aufgewühlten Kanal bis zur Tunneleinfahrt bei Calais getrieben. Das fiel niemandem auf – bis die Isolatoren versagten und das Stromnetz zusammenbrach.

Peter T. Schmidt

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