München - Im wirklichen Leben arbeitet Philipp Goller ganz seriös in der Unternehmenskommunikation. In seiner Freizeit persifliert er als „MC Harras“ Gangsta-Rapper – und tritt gern auch mal zum Gstanzl-Wettbewerb an.

© Kurzendörfer
„Obacht geben, dass nichts passiert“: Philipp Goller übt sich als MC Harras in Gangsterpose.
Eigentlich wollte der MC sich ja damals aus Protest am Harras festketten. Aber irgendwie hat er den Baubeginn verpasst. Dass der Platz jetzt umgestaltet wird, passt Sendlings gefährlichstem Gangsta-Rapper überhaupt nicht. Denn hier oder auf dem Bolzplatz des FC Wacker arbeitet er. Das bedeutet, er muss den ganzen Tag Präsenz zeigen im Viertel, böse schauen, Obacht geben, dass nichts passiert und die Bunnies im Auge behalten.
„Represendling“ nennt er das, nach seinem Heimatstadtteil Sendling. Der bedeutet nämlich schon seit der Mordweihnacht im Jahr 1705 pausenlos Ärger und Stress, erklärt er. Vor 300 Jahren revoltierten die bayerischen Bauern gegen ihre österreichischen Besatzer, die den Aufstand blutig niederschlugen. Heute geht es im Stadtteil zwar eher ruhig zu, aber das haben die Bewohner allein MC Harras und seinen Leuten zu verdanken, meint der.
Jetzt steht er vor dem Heizkraftwerk und posiert für den Fotografen. Die tief in die Stirn gezogene Schirmmütze wirft einen dunklen Schatten über sein Gesicht. Er verschränkt die Arme vor der Brust, zieht die Augenbrauen zusammen und schaut finster. Wer das sei, will eine ältere Spaziergängerin wissen. Ihr Hund zerrt an seiner Leine. Von MC Harras, dem gefährlichen Gangsta-Rapper, hat sie noch nie gehört. Sie kenne nur Bushido, sagt sie und schlendert weiter Richtung Flaucher.
Hinter der Kunstfigur „MC Harras“ steht der 35-jährige Münchner Philipp Goller. Er ist gelernter Journalist und arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Den Rapper hat er als Schüler in den 90er-Jahren erfunden. Hinter seinem Sendlinger Gymnasium hing gern eine Gruppe Jungs herum, die das rüde Benehmen US-amerikanischer Gangsta-Rapper imitierte.
Stars wie der 1996 erschossene Tupac Shakur oder Snoop Dogg, der schon öfter wegen Drogen und Waffenbesitz Probleme mit der Justiz hatte, prägen seit den 90er-Jahren Teile der deutschen Jugendkultur. Gangsta Rap, ein Subgenre des Hip Hop, ist in den 80er-Jahren in den Ghettos amerikanischer Großstädte entstanden. In gewaltverherrlichenden und sexistischen Texten thematisieren die Interpreten ihr Leben im Viertel, ihre Gangmitgliedschaften und ihre kriminelle Karriere.
Um die Münchner Clique und ihr halbstarkes Geprotze auf den Arm zu nehmen, schrieben Goller und seine Freunde damals „Sendling 70“. Der Song klingt nach einer Liebeserklärung an den Stadtteil aus Sicht eines kleinkriminellen Vorstadtgangsters. „Frauen, bös’ schauen und Sachen klauen, Leute auf die Fresse hauen“ reimt Goller, und im Refrain heißt es: „nur Sendling, Mann, ist endskorrekt“. Der Gymnasiast und seine Freunde erreichten, was sie erreichen wollten, erzählt er heute grinsend: „Die Jungs waren richtig schön sauer.“
Wiederbelebt hat er die Figur „MC Harras“ vor drei Jahren, als er „Sendling 70“ auf einer Hochzeit zum Besten gab. Er müsse das unbedingt mal aufnehmen, sagten ihm andere Gäste. Also produzierte er mit einem Freund, der eine Filmproduktionsfirma hat, ein Video und kurze Zeit später ein ganzes Album. „Beats, Bier, Babes, Bässe“ heißt es und ist 2009 erschienen. Darauf ist auch das eingängige „12 Mass“, der Hit des Spaßprojekts. Der Text handelt von einem ausgedehnten Wiesnbesuch. 1300 Mal wurde das Video in der zweiten Oktoberfestwoche 2010 im Sozialen Netzwerk Facebook geteilt und bisher über 20 000 Mal auf dem Internetportal Youtube geklickt – nicht der einzige Erfolg: Anfang Juli erreichte MC Harras den dritten Platz beim Gstanzl-Wettbewerb im Hofbräuhaus.
Und auch die Ordnungshüter in seinem Stadtteil kennen den MC: Im vergangenen Jahr traten er und seine Crew, die nach der alten Postleitzahl des Viertels benannten „Sendling 70 Pussy Riders“ auf einer Weihnachtsfeier der Sendlinger Polizei auf.
Was er macht, bezeichnet Goller als „professionellen Blödsinn“. Musikalisch oder finanziell habe er keine Ansprüche, sagt er. Aber wenn er etwas macht, dann eben richtig. Deswegen gibt es von MC Harras CDs, eine Homepage, Konzerte im Feierwerk und im Substanz und Musikvideos mit kreischenden Mädchen, dicken Autos und harten Kerlen. Den Medienexperten unterstützt ein Netzwerk aus befreundeten Musikern, Filmproduzenten, Fotographen und Graphikern.
Als MC Harras träumt er davon, endlich raus zu kommen. So wie damals, als er und seine Crew es bis ins Hofbräuhaus geschafft haben. Kurz schweift sein Blick in die Ferne: „Eine Welttournee! Nach Giesing vielleicht. Oder nach Ramersdorf!“ Aber schnell findet der MC in die Realität zurück. „Auf die andere Seite der Isar? Vielleicht würden wir gar nicht hinfinden.“ Und das Hauptproblem: „Wer schaut dann hier, dass nichts passiert?“
Anna Schmid
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