München - Der 20-Jährige, der am frühen Samstagmorgen am Isartor von einer S-Bahn überrollt wurde, ringt weiter um sein Leben. Währenddessen flammt die Diskussion um eine Gleisüberwachung wieder auf. Als Totschlagargument dienen die horrenden Kosten.

© Grafik: VAG
Das System der Nürnberger U-Bahn erkennt zuverlässig Personen im Gleisbett.
Eine Gleisbettüberwachung sei „im Eisenbahnsystem nicht Stand der Technik“ und nicht vorgeschrieben, heißt es bei der Bahn. „Die Zahl der Fälle, bei denen ein solches System Schlimmeres verhindert hätte, ist gering“, sagt Gerd Neubeck, Sicherheitschef der Deutschen Bahn. Auch er weist auf die hohen Kosten hin und appelliert an die Eigenverantwortung der Fahrgäste. Zudem, so ergänzt ein Sprecher in München, habe die S-Bahn an den wichtigsten Bahnhöfen zur Hauptverkehrszeit Aufsichtspersonal, und an jedem Bahnsteig der Stammstrecke gebe es Notrufsäulen.
Machbar sei eine Gleisbettüberwachung durchaus, so ein Bahn-Sprecher. In Einzelfällen werde sie an abgelegenen Bahnübergängen eingesetzt.
Eine Alternative bietet die Münchner Indanet AG an, die bereits Kameras in U-Bahn und Tram installiert. Ihr System analysiert die Videobilder vom Gleisbett in Echtzeit und erkennt Personen. Fällt ein Mensch hinein, schlägt es Alarm. „Die Technologie der Bildauswertung ist da“, sagt Manfred Schmidt von der Indanet AG. „Man muss nur anfangen, sie einzusetzen.“ Laut Schmidt wäre die Video-Lösung „deutlich günstiger“ als andere Verfahren.
Jeder Unfall sei „natürlich schrecklich“, sagt Alexander Reissl, der Fraktionschef der SPD im Rathaus. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, das Gleisbett elektronisch überwachen zu lassen, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Ist es wirklich das, was wir wollen und brauchen? Das werden dann wieder die Fahrgäste bezahlen müssen.“ Die Argumentation Kronawitters, wonach es hier um Menschenleben gehe, hält er für „unzulässig“: „Ein Betrunkener kann dir genauso gut vors Auto fallen. Sollen wir also auch die 400 Kilometer Haupstraßen in München entsprechend sichern?“ Kurzum: Die SPD will kein Geld für ein Gleissicherungssystem ausgeben.
Auch die grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger kann sich „nicht vorstellen, alle U- und S-Bahnen nachzurüsten“. Die MVG könne das „sicherlich nicht aus dem laufenden Betrieb finanzieren. Die Frage ist, ob wir uns die Sicherheit leisten können oder wollen.“ Man dürfe zudem nicht vergessen, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist.
Die PRO- und KONTRA-Argumentation lesen Sie am Dienstag im Münchner Merkur
Von Thierry Backes und Peter T. Schmidt
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